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Das Treibhaus

Bilder als Beiprogramm

 

Peter Goedels filmische Koeppen-Lektüre „Das Treibhaus"

 

„Ein Treibhausklima gedieh im Kessel zwischen den Bergen; die Luft staute sich über dem Strom und seinen Ufern", lesen wir bei Wolfgang Koeppen. Im Kino spricht diesen Text eine Erzählerstimme; wir blicken dabei aus dem fahrenden Nibelungenexpreß auf die Rheinlandschaft bei Bonn - und der Text, die schwerblütige Stimme Rüdiger Voglers wollen unsere Augen bereden, sie blickten ins Treibhaus der Nation.

 

Vor 35 Jahren ist Koeppen fünf Tage durch die Straßen Bonns gewandert, die Geschichten, die ihm dabei einfielen, hat er aufgeschrieben. Daraus wurde der Roman „Das Treibhaus", eine melancholische, gelegentlich zornig aufflackernde, zweifelnde und die Verzweiflung streifende Reflexion über die junge Bundesrepublik und ihre aufstrebende politische Klasse. Obwohl Koeppen, inzwischen 81 Jahre alt, noch heute behauptet, ein unpolitisches Buch geschrieben zu haben - ein Märchen eher, das „seine eigene poetische Wahrheit" habe -, wurde sein Roman 1953 beinahe zum politischen Skandal. Heute liest er sich wie ein Dokument prophetischer Trauer angesichts früh erschöpfter Hoffnungen: Die Wiederbewaffnung war beschlossene Sache und die Republik im Begriff, sattsam bekannte und historisch absolute Wege aufs neue einzuschlagen. Peter Goedel (bekannt durch Dokumentarfilme wie „Talentprobe", „Hinter den Elbbrücken") hat nun aus dem Buch einen Film gemacht, den er selbst eine „filmische Lektüre" nennt. Er wollte Koeppen nicht „verfilmen", er wollte sich ihm „annähern", und das spricht zweifellos für seine Bescheidenheit (die er überflüssigerweise in einem der Filmhandlung angehängten Gespräch mit dem Autor persönlich demonstriert). Es ist eine Bescheidenheit, die sich, aus Ehrfurcht vor der Literatur, der Chancen des eigenen (filmischen) Mediums begibt und zögerlich-verzagt auf halbem Wege stehenbleibt. Die Hauptrolle in diesem Film spielt nicht der Bundestagsabgeordnete Keetenheuve, auch nicht das zur Hauptstadt emporgekommene Bonn oder das merkwürdige Unbehagen, der Anflug von Tristesse und leiser Scham, der uns beim Anblick der Betonburgen am Bonner Rheinufer befällt - die Hauptrolle spielt Koeppens Prosa in ihrer ganzen gewichtig gesprochenen Bedeutsamkeit. Die Bilder sind dieser Prosa nur als devotes Beiprogramm hinzugefügt.

 

Ist dies nun eine „filmische Lektüre?" Im Kino erwarten uns Bilder und Bildverknüpfungen, die, wenn sie gelingen, uns die „Lektüre" von Topographien, Gesichtern, Beziehungen ermöglichen: Eine „filmische" Lektüre, die anders funktioniert als die literarische, weil unser Sensorium in anderer Weise auf sie reagiert. Auch die filmische Lektüre eines Romans muB filmisch, ja von den filmischen Möglichkeiten geradezu besessen sein - wenn sie denn den sinnlichen Qualitäten der Literatur im vertrackten Reich der Bilder ein Äquivalent schaffen will. Im Namen der Literatur (ja: aus Respekt vor ihr) sollte, wer sie filmisch „lesen" will, ein radikaler Filmer sein. Goedel indessen kann (oder will) sich von dem literarischen Begriff des Lesens nicht lösen. Er läßt vor-lesen, will sagen: er delegiert die Lektüre an unser Ohr. Da wir im Kino sind, hat er als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für unsere Augen sich zusätzlich Bilder ausgedacht.

 

Keetenheuve, Emigrant in der Nazi-Zeit, ein sozialdemokratischer Abgeordneter des ersten Bundestags, kämpft 1952 für bessere deutsche Verhältnisse; für eine Demokratie; die nicht nur in der Verfassung - und für eine friedliche Wiedervereinigung, die nicht nur in den Sternen oder in den Sonntagsreden steht. Kämpft er wirklich - oder grübelt er nicht längst verspielten Chancen nach, betäubt von tiefem persönlichen Leid gleichermaßen wie von der Skrupellosigkeit, mit der ein Klüngel von „Schnorrern, Schwindlern, Quenglern, Stellenjägern" die Macht in Bonn an sich gerissen hat? Keetenheuve kämpft nicht, er resigniert von Beginn an. Koeppens bilder- und assoziationsreiche, elastisch vibrierende Prosa gewährt dem Leser den Spielraum, die Schwäche der damaligen Opposition zu bedenken, ihre Autosuggestionen und ihre . Trancezustände, die Erbkrankheiten der Opposition in Deutschland überhaupt.

 

Goedel nimmt dem Zuschauer diese Möglichkeit der kritischen Distanz. Keetenheuve funkioniert nur als Blick-Instanz für seine (des Regisseurs) und für eigene melancholisch verhangene oder wie auch immer zwiespältige Sicht auf die Verhältnisse in Bonn: wir sollen traurig sein wie er. Über weite Strecken überläßt es Goedel den Texten Koeppens, Keetenheuves Stimmung zu erklären, und der Stimme Voglers, und zu insinuieren, daß dies unsere Stimmung sei. Das ist um so bedauerlicher, als für die Hauptfigur mit Christian Doermer ein intelligenter, kritisch reflektierender Darsteller gewonnen werden konnte, bekannt aus Filmen wie „Das Brot der frühen Jahre" und „Schonzeit für Füchse", die in den sechziger Jahren erstmals die gesellschaftlichen Kosten der Restaurationsphase in den Blick gerückt haben. Nach dem von Goedel ersonnenen Konzept darf Doermer die Szenen (in der Eisenbahn, in der Bundeshauskantine, in seinem Abgeordentenbüro) nur fragmentarisch „anspielen", freilich ohne dies zu nutzen, um im brechtschen Sinne Vorschläge zu machen, wie seine Figur zu verstehen und zu kritisieren sei.

 

So bleibt der Film nur Folie für beeindruckende Literatur, eine Collage aus grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern (Keetenheuves Geschichte) und Farbaufnahmen vom heutigen Bonn, die sich zu autonomer Qualität nicht entfalten kann. Eine Collage, die von den vielen „Rheingold"-Arien nicht konterkarierend aufgehellt, sondern geschmäcklerisch überspielt und ihrer Kontraste beraubt wird. Brechungen gelingen nur selten und bleiben vereinzelt, etwa wenn Goedel im Bemühen um „Aktualisierung" auf die Wagnerschen Klangtürme eine Kohl-Phrase über das verpflichtende Erbe Konrad Adenauers setzt. Wenn allerdings in einer Wochenschauaufnahme der wirkliche Adenauer auftritt, bricht der labile Fiktionsrahmen des Films irreparabel zusammen. Koeppen verstand sein Buch als Metapher, der Kanzler ist bei ihm eine Romanfigur: „Die Eigenart lebender Personen wird von der rein fiktiven Schilderung weder berührt noch ist sie vom Verfasser gemeint", schrieb der Autor, listig oder naiv, in die Präambel seines Werks. In den Wochenschaudokumenten aber ist Adenauer natürlich Adenauer, und wenn im Plenum der fiktive Volksvertreter Keetenheuve dem realen Kanzler zuhört, riskiert Goedel einen Bruch, den auch Koeppens Prosa nicht mehr zu kitten vermag.

 

Klaus Kreimeier

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am Donnerstag, 10. März 1988, in der Frankfurter Rundschau Nr. 59

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Das Treibhaus

BRD 1987

Regie: Peter Goedel

Buch: Peter Goedel

Kamera: David Slama

Schnitt: Christiane Jahn, Peter Goedel

Produktion: Peter Goedel

Musik: Richard Wagner

Darsteller: Christian Doermer, Hanns Zischler, Rüdiger Vogler, Leila-Florentine Freer, Jörg Hube

 

Der Film ist bei Absolut Medien auf DVD erschienen.

 

DVD-Daten:

DVD 5 PAL, codefree, Extras: Kapiteleinteilung, Linkliste - ca. 99 Min., Farbe + s/w

 

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