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Die Träumer

Paris kurz vor dem Mai 1968. Der Traum von etwas, was passieren wird. Eine vage Hoffnung und eine optimistische Latenz für alle, die damals in den Zwanzigern waren. Regisseur Bernardo Bertolucci ("Der letzte Tango in Paris", 1972) gehörte dazu. Seine "Träumer" spielen jetzt die ersten Tage in Paris nach, 1968.

Matthew (Michael Pitt), 20, kommt aus einem biederen US-Provinznest nach Paris. Er verbringt seine Zeit in der legendären Cinémathèque. Es ist ein großes Gefühl, wenn die andern es zu ihm sagen: You are one of us. Die "Freaks" sagen das in Tod Brownings Film. Und außerdem wird ihm der Satz draußen vor der Cinémathèque von zwei Gleichaltrigen gesagt, den Geschwistern Isabelle (Eva Green) und Theo (Louis Garrel). Wir stehen jetzt auf der Straße. Grade hat De Gaulles Kulturminister André Malraux den Cinémathèque-Direktor Henri Langlois entlassen, der doch für alle Besucher der Kultstätte Einer-von-uns war. Was folgt sind jetzt historische Dokumentaraufnahmen. "Films pas flics": "Filme keine Bullen" steht auf Plakaten. Die Polizei prügelt. Es geht los auf der Straße.

Matthew und seine beiden neue Freunde ziehen zusammen. Das WG-Trio probiert, was passiert, wenn man das losmacht, was man in den Filmen gesehen hat. Isabelle guckt im Zimmer rum, auf Wichtiges und Belangloses. Ja? Anwort: Greta Garbo: "I'm memorizing the room". Filmzitate. Kann man die Zeit unterbieten, die Godards Helden brauchen, um durch den Louvre zu laufen? Man kann. Können wir das ausspielen, was die kultigen Hollywoodfilme dieser Zeit stets verdrängen (Mann und Frau beim Sex)? Man kann. In der Wohnhöhle der drei Zwanzigjährigen wird Inzest, der Umgang mit dem erregten Glied und die Großaufnahme der Scham geübt.

Bertolucci macht sichtbar einen Film, und zwar ein Kammerspiel. Das ist eine ebenso erstaunliche wie konsequente und plausible Entscheidung. Der Film ist in Paris gedreht. Das Panorama der Metropole hätte sich vor der Haustür entfalten können. Schön, die Pflastersteine auf den Straßen hätten gefehlt (gleich nach dem Mai 1968 waren im Rive-gauche-Viertel die Steine durch Asphalt ersetzt worden. Sie können heute in Nobelvierteln wieder entdeckt werden). Aber Ausstattung und Requisite hätten genug Gelegenheit gehabt, die historische Zeit zu illustrieren. Wie wir es schließlich vom historischen Filmgenre gewöhnt sind.

Bertolucci läßt die drei Träumer von 1968 so spielen, als ob wir das Jahr 2003 hätten. Die Schauspieler sind no-names. Sie spielen keine Rollen. Die Kids sind in einer Gegenwart, und zwar in einer, die es noch nicht gibt und von der man nur träumen kann. Denn wer von der Generation der Zwanzigjährigen erwartet von der Zukunft heute etwas? Bernardo Bertolucci hält mit seinem Film offensichtlich die Zeit für gekommen, ostentativ antizyklisch an wärmende große Latenzen von Optimismus, Hoffnung und fröhlichem Selbstherumdoktern zu erinnern. Der Hoffnungsträger will Kids von heute ermuntern.

Das kommt gut in einer Zeit, in der der "68er", inzwischen Lehrer, Schulrat oder Minister, der Typ ist, mit dem man Kids jagen kann. Ein gewagtes Spiel, "Die Träumer" gegen das Negativ-Image zu setzen. Die Kids von damals also träumten von der Generalutopie. Der großen Befreiung in der Politik, in der Cinematographie, in der Sexualität, in allem.

Selbst ausprobieren, was möglich ist. (Auch im Deutschland von 1968 galt, was der Autor bezeugen kann, diese Hoffnung dem Allem. Die Filmschauen versammelten ununterschieden politisches Manifest, Dokumentarfilm, experimentellen Film, Pornographie. Und die Filmessayistin Frieda Grafe, deren "Schriften" heute wieder aufgelegt sind, gab über Kochrezepte Auskunft.)

Wie das Alles faßbar machen? Bertolucci hat als ideale Fassung längst den menschlichen Körper entdeckt. "Prima della Rivoluzione", gedreht fünf Jahre vor 1968, nimmt den Mai der "Träumer" vorweg. Politische Deformationen lassen sich in körperliche übersetzen, körperliche Verdrängungen in politische. Bertolucci war persönlich ein Vorläufer von 1968. Seine "Träumer" versammeln autografisch und biografisch die Bilder seines Universums. Wie dem wohlwollenden Vater übelnehmen? Wie aus der gebildeten Diskussion am Familientisch aussteigen? Führt das Thema "Chaos und kosmische Harmonie" weiter? Die Rolle des Theo, des Franzosen im Träumer-Trio, wird gespielt von einem (Louis Garrel), der mit Philippe Garrel, dem Regisseur, einen zum Kult gewordenen Übervater hat. - Die Reaktion des Körpers ist das Sexspiel in der elterlichen Wohnung, auf dem Elternbett wird ein Zelt aufgeschlagen und sich drin verkrochen. Ein Mao-Bild. Hammer und Sichel. Marx und Freud. Keine Coca Cola.

Montagen. Eine flexible Kamera. Das gibt Bilder, die ihr Geheimnis wahren oder erst später lüften. Man könnte es auch so sagen: die sich den Instinkten öffnen. Bilder haben es an sich, dass sie zum Enträtseln einladen. Bertolucci hat alle seine Filme vorher nichtdiskursiv, aber kommunikativ gebaut. Und seinen Stil bezeichnet er selbst als "instinktiv". Damit gelingt es ihm, das Körperliche so weit zum Äußersten zu treiben, daß es in eine politische Qualität umschlagen kann. Jäh. Durch einen Steinwurf. Die Fensterscheibe ist zersplittert. Das Trio, sexuell initiiert, findet sich auf der Straße wieder. Zum ersten mal dabei, und zwar gleich beim Mollywerfen.

"Die Träumer" sind eine Bild-Lecture. Den drei Spielern zuzusehen, hieß sich faszinieren lassen und Auf-Distanz-gehen gleichzeitig. Auf diese Weise sahen Kindern zum erstenmal heimlich beim elterlichen Sexspiel zu. Außerdem sieht man mit diesen Augen notwendigerweise Film. Bertolucci vertraut auf das europäische "Erkenntnisinstrument" des Tast-, Geschmacks- und Sehsinns. Weswegen seine "1900"-Trilogie hier funktionierte und in den USA nicht und weswegen es für die "Träumer" notwendig war, daß den tumben Amerikaner Matthew zwecks Sensibilisierung in die Kultur- und Politmetropole Paris zu schicken.

 

Kurz vor dem Mai 1968. Bertolucci verlegt das kollektive Bewußtsein der Zwanzigjährigen, Politik, Film und Sex verändern und selbst bestimmen zu können ins Kammerspiel, in welchem ein Studententrio sich zunächst sexuell befreit. Mit den Instinkten kommuniziert der seinerseits instinktive Stil des Films. - "Die Träumer" sind diskursiv nicht abgesichert, bieten aber viel für die Sinne.     

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  epd film

Zu diesem Film gibts im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Die Träumer - Originaltitel: The Dreamers - Großbritannien / Frankreich / Italien 2003 - Regie: Bernardo Bertolucci - Darsteller: Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Robin Renucci, Anna Chancellor, Florian Cadiou - FSK: ab 16 - Länge: 114 min. - Start: 22.1.2004

 

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