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Too Much Flesh

 

 

 

 

Um Sex, nicht um Liebe, gehe es in „Too Much Flesh“ sagt Co-Regisseur Jean-Marc Barr über diesen Film, in welchem wir ausgiebig seinen nackten, durchtrainierten Oberkörper bewundern dürfen, der danach dürstet, berührt zu werden. Barr spielt einen einfachen Mann vom Lande in der amerikanischen Provinz, wo nicht einmal der Ausläufer irgendeiner sexuellen Revolution angekommen ist, wo es noch so puritanisch wie vor 100 Jahren zugehen mag, wo Homosexualität oder Ehebruch, sprich: offen ausgelebte Sexualität, das Gemeinwesen bedrohen und, wie auch hier, mit dem Tod bestraft werden. 

 

So weit, so einfach. Aber weil wir so was ja schon wissen, fragt sich, was ist der Clou an der Sache? Das Problem ist, dass es den nicht wirklich gibt. Man muss halt schon erstmal ein Setting herstellen, in dem so etwas wie hier stattfinden kann, und da dürfte der durchschnittliche Zuschauer kaum auf den ersten Metern mitgehen wollen: Lyle lebt seit über zehn Jahren mit seiner Frau Amy (Rosanna Arquette) zusammen, und traut sich nicht mit ihr zu schlafen, weil die erste Frau mit der es tat, aus Eifersucht mal behauptet hat, sein Schwanz sei zu groß, too much flesh eben. So muss Lyle in seinem, natürlich reifen, Maisfeld sich selbst genügen. Wie er das eigentlich macht, wenn er dabei die Hände hinter dem Rücken hat, möchte ich schon gern wissen. Minutenlang jedenfalls dürfen wir mit ihm und seinem Fleisch schwelgen, das sich zwischen Kolben erhitzt. Zuhause dann erwartet ihn die prüde Gattin, die froh ist, nie mehr mit einem Mann vögeln zu müssen, weil sie sich so die Erinnerung an den verlorenen Einen erhalten kann, und ihm treu sein kann, ohne auf einen geregelten Hausstand verzichten zu müssen. Sie erwägt, um mit einem Baby den kommunalen Interessen komplett entsprechen zu können, eine künstliche Befruchtung.

 

Ich versuch es kurz zu machen (obwohl das Fleisch jede Filmminute länger wird): Aus Paris, der Stadt der Liebe, reist an die Frau, die sich Lyles Körpers vorurteilsfrei annehmen wird, Juliette (Elodie Bouchez) Beide haben also nur auf das Fleisch des anderen gewartet, und weil Sex eben auch völlig unabhängig von Liebe existieren kann, sind sie glücklich zusammen, auch wenn sie sich nicht unbedingt mögen,- was auch immer das heissen mag..

 

Das Ende ist natürlich, dass das nicht so geht: Weil freier Sex mit freien Französinnen im dunkelsten Amerika eben verboten ist, darf Lyle ihn nicht praktizieren (selbst wenn seine Ehefrau das gut findet, weil sie ihm seine Libido gönnt, solange er sie anderweitig abführt), und so entledigt sich der ordnungserhaltende Mob eines Abtrünnigen.

 

Man kann „Too Much Flesh“ zugute halten, dass hier versucht wird, anhand eines Extremfalls die Entwicklung zum Schlimmstmöglichen, und damit auch zum Aussagefähigsten zu treiben. Natürlich ist Lyle der Extremfall, ein Mann der das Tabuisierte in seiner reinsten Form und zwar provokativ, da schamlos und unverborgen, demonstriert. Aber schon an diesem Punkt ist der Film nicht mehr plausibel. Wir können nichts über ein soziales Gefüge erfahren, wenn sich nicht jedes ihrer Teile einer notwendig vorhergegangenen Sozialisation entsprechend verhält, und Lyle tut es in keiner Weise, so als wisse er nicht, wo er eigentlich lebt und was er provoziert.

 

Diese mangelhafte Plausibilität macht nicht nur die Figur des Lyle unorganisch, da nicht nachvollziehbar gewachsen; auch die  reaktionären Nachbarn, da sie kaum mehr als ihre Voruteile repräsentieren, bleiben leblos. Nur eine intensivere psychologische Zeichnung aller Beteiligten, wie wenigstens einmal im Fall von Lyles Frau Amy, hätte diese Geschichte interessant machen können. So aber steht eine reichlich konstruierte Figur gegen ein klischiertes Umfeld, und die Entwicklung ist vorhersehbar - auch weil es andere Filme gibt, die uns diese oder eine ähnliche Problematik schon besser gezeigt haben.

 

Zwei Beispiele: „Easy Rider“ das Meisterwerk von Dennis Hopper, das im Gegensatz zu „Too Much Flesh“ jede Menge Zweifel an der Unschuld seiner „freien“ Hippieprotagonisten zulässt, aber dennoch einen provinzamerikanischen Hass auf alles Freizügige spürbar auf den Punkt bringt, und Lars von Triers „Breaking the Waves“, der sich nicht lange an der Oberfläche eines Konflikts zwischen Puritanismus und sexueller Befreiung aufhält, sondern weit tiefer, auch in die Widersprüchlichkeiten einer liberalen Moderne, vordringt.  

 

„Too Much Flesh“ ist übrigens der zweite Teil von Barrs dreiteiliger „Freetrilogy“, deren erster Teil „Lovers“ er nach Dogma 95-Regeln gedreht hat. Auch „Too Much Flesh“ ist im wesentlichen “dogma”tisch gefilmt, mit Handkamera und minimalem Stab, wodurch viel Raum und Atmosphäre für intime Szenen entstand, was man dem Film ansieht, aber was ihn aber auch manchmal indiskret oder exhibitionistisch hat werden lassen - auch wenn es nicht eine einzige Beischlafszene gibt.

 

 

Andreas Thomas, Februar 2003

 

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen.

 

 

Too Much Flesh, Frankreich 2000
R: Jean-Marc Barr, Pascal Arnold. K: Pascal Arnold.

P: Wilhelm Laligant. D: Elodie Bouchez, Jean-Marc Barr, Rosanna Arquette, Ian Brennan, Ian Vogt.

100 Minuten. Start: 26. April 2001.

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