zur startseite

zum archiv

Tödliche Entscheidung

In seinem Thriller "Tödliche Entscheidung" schickt der große Hollywood-Handwerker Sidney Lumet eine ganze Familie in den Abgrund und feiert damit ein fulminantes Comeback.

 

Eine amerikanische Suburb-Einkaufsanlage. Ein Schuss. Ein Mann fliegt durch eine Ladentür. Ein anderer Mann, der im Auto gewartet hat, reißt sich die Verkleidung aus dem Gesicht, flieht in Panik. Mit dieser Szene beginnt der Film, auf sie kommt er immer wieder zurück. Diese Szene scheint einen desaströs gescheiterten Überfall auf einen Juwelierladen zu zeigen - das tut sie auch, es steckt aber mehr dahinter, als man auf den ersten Blick sieht.

 

Im Originaltitel "Before the Devil Knows Your Dead" ist von einer Frist die Rede. Der kurzen Frist, die einem vielleicht bleibt nach dem Tod, bevor der Teufel einen holt. Der weniger poetische deutsche Titel spricht von einer "Tödlichen Entscheidung". Auch das hat seine Berechtigung, denn als Vorgeschichte und Konsequenz einer fatalen Entscheidung zur Tat ist Sidney Lumets Film nach Drehbuch von Kelly Masterson erzählt. In der Frist, die bleibt, setzt der Film, zurückblendend und wieder vor, die Einzelheiten eines Familiendramas zusammen, an dessen Ende keine Frist mehr bleibt.

 

Andy Hanson (Philip Seymour Hoffman) ist in verzweifelter Lage. Er hat sich in der Kasse des Unternehmens bedient, in dem er in herausgehobener Stellung tätig ist. Jetzt steht die Buchprüfung an, Andy ist unter Druck, Geld aufzutreiben. Er verfällt auf die Idee, das Juweliergeschäft seiner Eltern auszurauben, das klein ist, ungeschützt, in einer am Samstagmorgen noch wenig besuchten amerikanischen Suburb-Einkaufsanlage. Samstags arbeiten normalerweise weder Vater noch Mutter im Geschäft. Andy verfällt auf die Idee, seinen kleinen Bruder Hank (Ethan Hawke), um dessen prekäre finanzielle Situation er weiß, zum Komplizen zu machen, der den Überfall ausführt. Hank sagt zu und verfällt, ohne wiederum Andy Bescheid zu sagen, auf die Idee, einen Kumpel diesen Überfall ausführen zu lassen. Dann geht alles schief, gründlicher noch, als sich vorher ausdenken ließ.

 

Die Mutter war unerwartet im Laden, setzt sich zur Wehr, Hanks Kumpel schießt sie ins Koma, sie schießt ihn tot. Die Söhne sehen sich, um keinen Cent reicher, mit ihrer katastrophalen Lage konfrontiert und einem Vater (Albert Finney), der bald zu begreifen beginnt, dass an der ganzen Geschichte etwas faul ist. Familiäre Friktionen der durchweg unerfreulichen Art kommen ans Tageslicht. Vergangenheiten, die der Film in Rückblenden vorstellt, beginnen sehr verlässlich gleich darauf, die Figuren einzuholen. Immer spürbarer wird, wie die Zeit knapp wird, auf jedes retardierende Moment folgt eine Beschleunigung, die unverzüglich tiefer in den Schlamassel führt.

 

Viel gelobt bei diesem späten Comeback des großen Hollywood-Handwerkers Sidney Lumet ("Serpico", "The Verdict"), der inzwischen 83 Jahre alt ist, wird seine schnörkellose Inszenierung. Sehr zu recht, denn er verzichtet nüchtern darauf, diese sehr generische Noir-Geschichte künstlich zur quasi-antiken Familientragödie aufzublasen. Schnitt für Schnitt, vor und zurück, verbaut er Einstellung für Einstellung einfach mit sehr gelassener Bösartigkeit jeden Ausweg. Es gibt hier keine unlösbaren moralischen Konflikte und auch keine unschuldig Schuldigen. Vielmehr hat der Vater, wie sich nun zeigt, immer schon allen Grund gehabt, diesem Sohn zu misstrauen.

 

Immer wieder zieht "Tödliche Entscheidung" sich zusammen zum Kammerspiel. Räume werden - manchmal sogar bei schwindelerregendem Blick auf Manhattan - sehr eng und die Konfrontationen zwischen Bruder und Bruder, Vater und Sohn, Mann und Geliebter (Marisa Tomei) werden auf diesem engen Raum sehr direkt. Philip Seymour Hoffman, der virtuoseste Hollywood-Darsteller seiner Generation, tut dabei das Richtige, nämlich nicht mehr, als nötig ist. Nicht unbedingt vorteilhaft kontrastieren damit Ethan Hawkes oft übertrieben hysterisches Spiel und vor allem Albert Finneys zentnerschwere Verquältheit. Sie bringen eine mitunter beträchtliche Unwucht in einen Film, der sonst nur eine Richtung kennt: unaufhaltsam zu auf die Katastrophe, die darin besteht, dass sich alles auflöst, was je zwischen diesen Menschen an Bindungen existierte.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen am 09.04.2008 in: www.perlentaucher.de

 

Tödliche Entscheidung

USA 2007 - Originaltitel: Before the Devil Knows You're Dead - Regie: Sidney Lumet - Darsteller: Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Rosemary Harris, Michael Shannon, Amy Ryan - FSK: ab 16 - Länge: 117 min. - Start: 10.4.2008

 

zur startseite

zum archiv