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Der Todesschrei

 

Dreierlei: Englische Provinz, Aborigine-Mythen und elektronische Musik. Im Kreuzungspunkt liegt "Shout", der Film des Polen Jerzy Skolimowski. Das Britische ist verfremdet, in Richtung Wahnsinn. Das Cricket-Spiel unter Irren. Tim Curry wird zum Zeugen einer bizarren Veranstaltung und einer irren Geschichte, er vertritt, so viel wird man sagen dürfen, den Zuschauer und kommt, am Ende, mit knapper Not davon. Der Reihe nach. Aber es geht nicht der Reihe nach. Schon im Vorspann flirrt das Bild im Teleobjektiv der Kamera. Eine Art Wüste. Ein Aborigine. Es wird ein Traum gewesen sein, vielleicht, ein Traum, den John Hurt und Susannah York geträumt haben, in den Dünen. Er ist Komponist, lauscht der Welt am Mikrofon, wir lauschen mit, wir wissen nicht, wohin es führt. Oder doch: zu Ausgeburten. "Shout" ist dies eine nämlich jedenfalls: ein Film der Ausgeburten.

Der Reihe nach: ein Rahmen. Um das doppelte Innere gespannt der Besuch einer Frau in einem Saal einer Anstalt, auf der, unter weißem Leinen, Leichen aufgebahrt sind. Um wen es sich handelt, werden wir zuletzt erst wissen. Und, wie gesagt, schon zu Beginn, außerhalb der doppelten, der verzogenen, ineinander gespannten Geschichte, der Aborigine, dessen Status unklar bleibt, wenn auch sich etwas klärt. Und der Pfau. Der Pfau im Garten der Irrenanstalt, in der Besucher (oder sind auch sie Insassen?) ihre Klappstühle aufstellen, das Cricket-Spiel zu genießen, das die Insassen spielen (oder sind auch unter ihnen Besucher?). Einer war einst ein angesehener Profi, erzählt der Mann, der Spielstände zählen soll, mit Tim Curry, dem Zeugen, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Die Bäume, wird ihm zugeflüstert, die Bäume sind wahnsinnig. Schnitt. Wir sehen Bilder von Bäumen, die das bestätigen oder auch nicht.

 

 

Der Reihe nach: Ins Spiel hinein erzählt der Fremde im schwarzen Mantel dem Zeugen eine Geschichte, die Ordnung bringt, oder zu bringen scheint, in die schiefen Rahmen, in die der Film seine Figuren hineinsetzt Schnitt für Schnitt und Bild für Bild. Die Geschichte, die, als Rückblende (als Fantasie), erzählt wird. Der Fremde hat, behauptet er, die Reihenfolge verändert, er hat, erzählt er, die Geschichte mit Symbolen angereichert, auf dass sie psychoanalytisch lesbar wird. Wir glauben es ihm, bald, aufs Wort, aufs Bild, wie Puzzlesteinchen, wie Steine, vergraben im Sand, fügt das eine sich zum anderen. (Aber der Pfau, der Pfau?)

 

Der Mann, der Komponist ist, ist auch Organist in der Kirche. Er betrügt seine Frau mit einer anderen, das sehen wir gleich, sie blickt aus dem Fenster, John Hurt sieht sie, seine Frau sieht sie nicht. John Hurt zeichnet Geräusche auf, verfremdet die Welt in ihren Lautäußerungen, Kugeln, die rollen, Bienen, die surren, verstärkt, das Bild und das Geräusch passen zueinander nur und erst dann, wenn sie zueinander kommen. In der Erkennbarkeit ein Riss: Wir wüssten kaum, was wir hören, sähen wir es nicht. Aber wissen wir, was wir sehen? Der schwarze Mann, der Geschichten erzählt vom Leben unter den Aborigines. Vom spitzen Knochen, der Menschen schadet. Von den eigenen Kindern, die er getötet hat. Von Gegenständen, die er in Besitz nimmt, um Menschen in Besitz zu nehmen. Der Film dementiert nichts, im Gegenteil. Schon im Vorspann, wie gesagt, sehen wir den Aborigine. Mit der Schnalle ihres Schuhs wird der schwarze Mann die Frau sich hörig machen, im Nu.

 

Der schwarze Mann, Crossley, ist der Kreuzungspunkt der drei Motive, England, die australische Mythe, die Verfremdung der Welt im elektronischen Geräusch. Gipfelpunkt der Mythe - und Titel des Films - ist der Todesschrei. Ich töte, sagt der Mann, Crossley, mit meinem Schrei. (Wir sind in der Rückblende, der Geschichte, der Fantasie, die der Mann, Crossley, erzählt, während des Cricket-Spiels. Tim Curry, der Zeuge, der nicht weiß, wie ihm geschieht, hört zu. In der Geschichte, die erzählt wird, hat er keinen Ort. An seinem Ort sind wir, die Zuschauer, und wir wissen keineswegs, wie uns geschieht.) John Hurt glaubt ihm kein Wort. In den Dünen, im Sand, da, wo er und seine Frau denselben Traum hatten, vom Aborigine (oh, ja, auch wir haben ihn geträumt), da verstopft John Hurt sich die Ohren wie Odysseus vor den Sirenen - und Crossley schreit einen elektronischen Schrei, einen beeindruckenden Schrei. Wir sehen Schafe sterben, wir sehen Vögel vom Himmel fallen, wir sehen, wie John Hurt einen Abhang hinunterrollt - und wenn er aus einer Ohnmacht erwacht, weiß er mehr über Aborigine-Magie als zuvor.

 

Keine Frage, "Shout" ist ein Film der Ausgeburten. Aber was gebiert hier was? Die verfremdeten Geräusche die wahnsinnige Welt? Der Traum die Wirklichkeit? Der Wahnsinn eine absurde Geschichte? Und wo stehen wir, wo steht der Film? (Die Pfauen.) Warum zeigt er uns das? Was will er uns glauben machen? Der Rahmen schließt sich, mit einem erneuten Schrei, der zu beglaubigen scheint, was wir gesehen haben, was uns erzählt, was uns gezeigt worden ist. Der Hokuspokus endet nicht, vielleicht hat die blühende Fantasie der Rückblende, vielleicht hat die Irrenanstalt, die der Ort, der Ausgangsort und Schlusspunkt ist, den Film infiziert, der mit einer Ankunft beginnt, aber keinen Ausgang mehr findet aus dem Labyrinth seiner verspannten Geschichten. Wir bleiben ohne Halt.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Jump Cut

 

Der Todesschrei

THE SHOUT

England - 1978 - 87 min. - Erstaufführung: 20.7.1979 - Produktion: Jeremy Thomas

Regie: Jerzy Skolimowski

Buch: Michael Austin, Jerzy Skolimowski

Vorlage: nach einer Erzählung von Robert Graves

Kamera: Mike Molloy

Musik: Rupert Hine, Anthony Banks, Mike Rutherford

Schnitt: Barrie Vince

Darsteller:

Alan Bates (Charles Crossley)

John Hurt (Anthony Fielding)

Susannah York (Rachel Fielding)

Tim Curry (Robert Graves)

Julian Hough

John Rees

Robert Stephens

 

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