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Tod dem Zuschauer

 

Kristls Film »Tod dem Zuschauer« ist ein Nicht-Film für Nicht-Zuschauer, der voraussichtlich/hoffentlich den üblichen Kinobetrieb stört.

Erste Störung ist die, daß der Film kein Thema hat, schon gar nicht das der Radikalität, das hinterher wie gehabt diskutiert werden könnte und dann wärs wenigstens verbal erledigt. »Tod dem Zuschauer« widersetzt sich radikal allen Erledigungsformen, vor allem der, daß man dem Film zuschauen könnte, denn Kristl erklärt nicht nur den Funktionären den Krieg, sondern auch den Funktionen, in die mensch sich flüchtet: der Mensch als etwas, zum Beispiel als Christ, dogmatisch gebundener Linker, Zuschauer, Schauspieler, Minister, Pädagoge, Filmmacher ... Tod den Teil-Menschen! Tod dem Kritiker!

 

Ich bekams schon während der Dreharbeiten zu spüren. Da gab es sie noch, die weltbekannte Buch Handlung Welt in Hamburgs Marktstraße im Karolinenviertel. Kristl stand davor, hörte sich meine Fragen mitnichten an, ergriff mich aber am Arm, schob mich an ein Auto und setzte die Kamera in Gang. Regieanweisung war: „Da stehenbleiben!" Die Ausleuchtung besorgte die helle Sonne. Ton wurde an diesem Tag keiner aufgenommen, denn der Tonmann hatte sich mit den anderen Menschen vom Team abgesetzt. Sie waren des Glaubens gewesen, als Teamprofis eingesetzt gewesen zu sein. Kristl, entschieden anderer Ansicht, drehte den Film allein weiter, das heißt freundliche Passanten schleppten hin und wieder das Kabel über die Straße, um sodann von Kristl beschimpft zu werden. Die Einstellung kam mir endlos lang vor. Ich beschloß, das „Da stehenbleiben" in ein Warten umzufunktionieren, nämlich, nicht wahr, den Blick auf die Uhr und, wenns nicht hilft, den Blick nach oben, zum Himmel, mit verdrehten Augen. Kristl war empört. Tod dem Schauspieler! Er raffte sich zu einer zweiten Regieanweisung auf: „Nicht spielen!" Dann war die Einstellung gestorben, gleich nach dem ersten Take.

 

»Tod dem Zuschauer« zeigt auf Spielfilmlänge einzelne, die auf der Straße stehen. 60 m² Marktstraße in 100 Minuten. Vor allem steht da Hans Jürgen Masch, der in jeder Einstellung anderes (altes) Zeug anhat (Kostüme: Silke Voszberg). Sie warten auf nichts, und es kommt auch nichts. „Alles geht an dir vorbei", sagt mir Kristl, „niemand merkt es. Niemand interessiert es. Es gibt keine Freundschaft. Keiner hat Zeit. Es ist fast schlimmer als im Krieg". Ich interpretiere etwas in der Art wie „Die Utopie hat ausgedient" pp. - Kristl ist entrüstet: „Ich will nicht überzeugen. Ich will den Menschen nicht überfallen". Das Was-will-der-Autor-damit-sagen ist für ihn der bequeme Rückzug von den Fakten; was pädagogisch ist, ist für ihn auch schon demagogisch, und gleich gibts einen Seitenhieb auf die Bemühungen von Helmut Herbst.

 

»Tod dem Zuschauer« ist sein Konzept, den Partisanenkrieg von 1943 in das Herrschaftsgebiet von Dogmen, Theorien und Strategien des Jahres 1984 zu tragen. Damals war Kristl, 19 Jahre alt, Partisanenkämpfer gegen die Nazis gewesen (Zagreb 1942-1945). Anfang der sechziger Jahre rebellierte er gegen Tito. Sein Film »General und der ernste Mensch« wurde verboten (er tauchte erst 1983 wieder auf), er setzte sich von Knast und Geheimpolizei ab und ging nach München. Seinen Filmen, von »Arme Leute« (1963) bis zum »Obrigkeitsfilm« (1971) und »Horizont« (1973) mangelte es am Thema, auf das man ihn hätte festlegen können, den Ausländer aus dem sozialistischen Staat. Aber als er sechs Jahre lang keinen Film gemacht hatte, nur so dastand, alles an ihm vorbeiging, griff die Ausländerpolizei in Bayern zu und wies den Menschen als Sozialfall aus. Das war 1979, das Jahr, in dem Hamburg aktiv wurde. Die Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld verhinderte die Ausweisung, indem sie den Menschen Kristl als Professor an die Hochschule holte. Kristl, der alte Anarchist, tat alles, der zugedachten Funktion zu entgehen und den Menschen, die als Studenten kamen, den Tod zu wünschen. Kristls Professorenzeit dauerte nur ein ganzes Jahr. „1980 habe ich das Verbot ausgesprochen bekommen, an der Hochschule für bildende Künste Malerei zu lehren" (Kristl). Er machte allein weiter, druckte selbst sein Bild „Die Verhaftung von Ulrike Meinhof“ und verlegte sein letztes Buch im Selbstverlag: -Revolution 1941-1980". (Soeben [8/1984 – der fz-Lektor] in 2. Auflage mit einem neuen 4. Akt im DM 1,- Verlag Hamburg Altona erschienen.)

 

Hamburg hat den aktiven Anarchisten und Partisanenveteranen Kristl - er ist jetzt 61 - nicht ausgewiesen, sondern gewähren lassen. Denn die Stadt ist liberal und fördert gar den ersten Spielfilm, den er nach zwölf Jahren wieder macht, eben »Tod dem Zuschauer«. Aber man redet nicht über ihn, schreibt nicht über ihn, der Fall Kristl ist befriedigend erledigt, er macht radikale Sachen, o.k., aber jetzt bemerken die liberalen Radikalen zu ihrem Entsetzen, daß der neue Film/Nichtfilm auch und grade den Radikalen den Tod wünscht. Denn der auf den Radikalen reduzierte Mensch wird von Kristls Parolen und Schlagwörtern um den ruhigen Schlaf, wenn nicht gar die gesicherte Existenz gebracht. Zwischentitelinserts postulieren: „Der Mond ist ein Franzose" oder „Wie 'ne Bombe aufs Auge". Was ist denn das für ein Programm? Na klar, es ist ein Nichtprogramm. Selbst die Zwischentitel-Losung „Schlagen wir den Zuschauer tot, dann haben wir Kultur" wird nicht weiter verfolgt, weil Menschenfeind Kristl bei sich selbst beginnt: „Ich muß höllisch aufpassen, daß mir nicht wieder ein Film gelingt" (Filmtext, schriftlich). Er sagt mir das auch bei den Dreharbeiten, munter, gelassen, allein. Auch die Hauptdarstellerin war nicht gekommen. Die Nebendarsteller reklamieren, jeder für sich, Ersatz der Hauptdarstellerin zu sein. Heiter und ruhig stand Kristl hinter der Kamera. Die Situation, die für jede andere Filmproduktion ein Desaster gewesen wäre, war für sein Vorhaben wie geschaffen. »Tod dem Zuschauer« ist ein verkehrter Film.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 8 / 84

 

 

Tod dem Zuschauer

Bundesrepublik Deutschland 1983. Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt und Produktion: Vlado Kristl. Kostüme: Silke Voszberg. Verleih: Vlado Kristl; Länge: 110 Min. (35 mm). Kinostart: 19.2.1984. Erstaufführung: Internationales Forum des Jungen Films, Berlin. Darsteller: Hans Jürgen Masch, Kiev Stingl, Milan Horacek, Brigitta Grabenkamp, David Roberts, Dietrich Kuhlbrodt, Hund Berger und viele andere.

 

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