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Der Tintenfisch und der Wal

 

Man weiß nicht so recht, wo man ihn packen soll, diesen dichten, schönen Film von Noah Baumbach. Ansatzpunkte bietet er en masse, keine Frage, aber die sind alle so eng miteinander verwoben und fügen sich so nahtlos zu einer gut gearbeiteten und stimmigen Oberfläche zusammen, dass man gar nicht so richtig anfangen will mit dem Zerlegen und Besprechen.

Alle möglichen verqueren Einfälle und Momente sammeln sich in diesem Film, der Scheidungsgeschichte ist, vom Erwachsenwerden erzählt, aber auch vom väterlichen Rückfall in eine Lebenskrisen-Spätpubertät, von kindlichen Alkoholexzessen, von Schwächen und Verblendungen, von Spermaspuren in der Schulbibliothek und einer Cashew-Nuss im Nasenloch. Ganz normales Familienleben, eben, ganz normales Leben.

 

Da gibt es einen Akademikervater (Jeff Daniels), der sich für den größten Literaten aller Zeiten hält – Dickens sei einer seiner Vorgänger, sagt er einmal – und dabei vom älteren Sohn Walt (Jesse Eisenberg) tüchtig aufgeblasen wird. Im Austausch bekommt Walt echte Männertipps zum Umgang mit mittelmäßigen und scharfen Frauen, ein leeres, wichtigtuerisches Vokabular und ein ordentliches Maß an Selbstüberschätzung. Ein tragisches Gespann, die beiden, dem auf der anderen Seite Mutter Joan (Laura Linney) und Nesthaken Frank (Owen Kline) gegenüber stehen, die sensiblere Seite der Familie aber wohl auch die sensuellere, denn schon bald machen nicht nur Geschichten über alle möglichen mütterlichen Seitensprünge die Runde; auch Frank probt sich und seine Vorstellung von Männlichkeit in einem eigenartig frühreifen, zügellosen Lebensstil zwischen Kinderzimmerbier, Hand im Schritt und freundlichem Bezug auf Lynchs Frank Booth.

 

Die schauspielerische Leistung ist hervorragend in Baumbachs autobiographisch angehauchtem Film, und die Kamera erzählt ein intimes Familiendrama, begleitet die Charaktere, streichelt sie ein bisschen, tröstet sie ein wenig und fließt dann unvoreingenommen weiter zum nächsten Katastrophenschauplatz.

 

Es macht nicht wirklich Freude, dabei zuzuschauen, wie einer nach dem anderen immer wieder auf die Schnauze fällt. Keiner meint es ja so richtig schlecht, alle wollen ja eigentlich nur das Beste – manchmal für die anderen und immer sicherlich für sich. Und trotzdem bleibt der Film so unterhaltsam, und schlimmerweise gerade da, wo seine Charaktere sich zu ihren allerehrlichsten und allzu absurdesten Kläglichkeiten versteigen. Da bemängelt zum Beispiel Sohn Walt die Sommersprossen der ersten Freundin als vermeidbare ästhetische Fehlentscheidung. Mutter Joan will Brücken bauen, indem sie von außerehelichen Liebesnächten erzählt. Vater Bernhard zwingt seinen kranken Sohn zum Tischtennisspielen, weil er mal wieder ein Erfolgserlebnis braucht. Und Frank will seinen Tennislehrer als erstes Mitglied einer Banausen-Ersatzfamilie anwerben.

 

Ja, das ist schmerzlich, das ist aber auch sehr schön. Während zehnfach verdoktorte Drehbücher mit vorhersehbaren Charakteren und metertiefen Plotkratern in Irrsinnsgeschwindigkeit und mit Spezialeffekten überfrachtet über die Kinoleinwand gefeuert werden, nimmt sich hier einer Zeit, um einfach nur eine Geschichte zu erzählen und glaubhafte Menschen zu zeigen. Da braucht es dann kein Happy End, da braucht es keine Lösung, keine aufgeschwollene Tragik und schon gar keinen Versöhnungszuckerkleister. Eine gute Geschichte kann auch einfach aufhören.

 

Christina J. Hein

 

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Der Tintenfisch und der Wal

USA 2005 - Originaltitel: The Squid and the Whale - Regie: Noah Baumbach - Darsteller: Jeff Daniels, Laura Linney, Jesse Eisenberg, Owen Kline, Anna Paquin, William Baldwin, Halley Feiffer, David Benger, Adam Rose - Länge: 81 min. - Start: 11.5.2006

 

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