Der Tintenfisch und der Wal

 

Während die amerikanische Politik gegenwärtig wieder konservative Werte hochhält, produziert Hollywood munter Filme, die die Dünnhäutigeit solch traditioneller Weltbilder unter Extrembedingungen vorführen. Die Familie ist hier natürlich ein leichtes Ziel, doch mitunter kann der Voyeurismus, einer vorbildlich disfunktionalen Familie bei der Selbstzerfleischung zuzusehen, auch etwas ungemein Tröstliches haben.

 

Die Berkmans sind so ein Prachtexemplar: ein arriviertes Literaten-Ehepaar mit zwei Kindern und einem stilvollen Brownstone-Haus in Brooklyn. Eine hübsche liberal-intellektuelle Gemengelage. Dass Noah Baumbach die Handlung seines Films “Der Tintenfisch und der Wal” ausgerechnet in die achtziger Jahre, das finsterste Reagan-Amerika, verlegt hat, verleiht der Geschichte zusätzlich eine bedrückende Note. Das Zeitkolorit liefert das atmosphärische Hintergrundrauschen für eine handfeste mittelständische Krise. Vater Bernard findet für seine neuen Roman keinen Verleger mehr, während der New Yorker gerade die erste Kurzgeschichte seiner Frau Joan veröffentlicht hat. Das sorgt für Missstimmung im Hause Berkman.

 

Auf dem Tennisplatz zeigt sich, wie die Fronten innerhalb der Familie verlaufen. Wenn am Anfang Frank seinen älteren Bruder Walt anweist “Ma und ich gegen Pa und Dich”, deutet Baumbach bereits an, in welche Fraktionen die Familie zerfallen wird. Sein Film schildert den schmerzvollen Prozess der Trennung aus dem Blickwinkel der Jungen, die verzweifelt versuchen, die neue häusliche Situation zu begreifen. Joan, von Laura Linney mit umwerfender Selbstsicherheit gespielt, schnappt sich als erstes den Tennislehrer; Bernard dagegen zieht mit einer zwanzig Jahre jüngeren Studentin zusammen. Walter und Frank kompensieren dieses emotionale Chaos jeder auf seine Weise. Während Frank den Tick entwickelt, sein Sperma im Schulgebäude zu verschmieren, versucht Walt, seinem selbsherrlichen Vater mit allen Mitteln nachzueifern. 

 

Jeff Daniels’ Bernard ist ein grandios unausstehlicher Stinkstiefel. Mit seinem Rasputinbart sieht er aus wie Papa Bär, aber die Zentrifugalkräfte, die seine Familie auseinanderzureißen drohen, haben ihn zum alleinigen Zentrum. Darunter zu leiden haben immer wieder die Jungs. Ihre Verlustängste und pubertären Verwirrungen verleihen “Der Tintenfisch und der Wal” eine Zerbrechlichkeit, die der spröde Brit-Folk-Soundtrack sehr schön unterstreicht. Überaus sorgsam hat Baumbach seinem Film jede Form sentimentaler Verklärung ausgetrieben. Stattdessen hinterlässt “Der Tintenfisch und der Wal” ein Gefühl peinlicher Betretenheit, wie man es zuweilen beim Anblick alter Familienfilme verspürt. Die Hölle sind nicht immer die anderen. 

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der "Zeit"

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Der Tintenfisch und der Wal

USA 2005 - Originaltitel: The Squid and the Whale - Regie: Noah Baumbach - Darsteller: Jeff Daniels, Laura Linney, Jesse Eisenberg, Owen Kline, Anna Paquin, William Baldwin, Halley Feiffer, David Benger, Adam Rose - Länge: 81 min. - Start: 11.5.2006

 

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