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Thirteeen Days

 

Der kubanische Krieg findet nicht statt

 

Kampfhunde werden gezüchtet und abgerichtet auf Aggressivität und Angriffslust. Sie wollen kämpfen und töten, weil sie darauf konditioniert wurden, genau diese Absicht bei ihrem Gegenüber zu vermuten und ihm zuvorzukommen.

 

In Thirteen Days treten eine Menge Kampfhunde in Uniform auf. Von Präsident Kennedy im Oktober 1962 nach ihrem Rat befragt, wie die USA auf die Entdeckung von der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba reagieren sollen, können sie ihm folglich nur einen Ratschlag geben: Sofort angreifen! Die Raketenstellungen durch Luftbombardements ausschalten und schnellstmöglich eine Invasion vornehmen, Castro stürzen und diese Gefahr ein für allemal aus der Welt schaffen. Daß die Sowjetunion das nicht hinnehmen wird und vermutlich mit einer Invasion West-Berlins antworten wird, daß dies wiederum die USA zum Eingreifen verpflichten und schließlich einen weltweiten Nuklearkrieg zur Folge haben wird, soweit wollen die Herren nicht denken. Auf der anderen Seite stehen die Diplomaten, die verhandeln und Tauschangebote machen wollen, kubanische Raketen gegen türkische.

 

Dazwischen stehen John F. Kennedy (Bruce Greenwood) mit Bruder Robert (Steven Culp) und ihrer "intellektuellen" Führungstruppe, die zwischen diesen Extremen einen Weg finden müssen, der nicht durch Schwäche oder Gewalt den Weltuntergang herbeiführt. Man leitet eine Seeblockade Kubas ein und versucht, mit Chruschtschow eine Kommunikation herzustellen, was in den Zeiten vor dem direkten Draht zwischen Kreml und Weißem Haus nicht einfach ist.

 

Erzählt wird der größte Teil des Films aus der Perspektive von Kenneth O'Donnell (Kevin Costner), Assistent des Präsidenten und fünffacher Vater.

 

Der Film ist spannend gemacht, kann aber mit seiner Rezeptur nicht überzeugen. Ich hatte den Eindruck, Donaldson konnte sich nicht klar entscheiden, ob er ein psychologisches Kammerspiel kochen wollte, ein Historiendrama, einen Kriegsfilm oder ein Oliver-Stone-Imitat, und so ist von allem ein wenig im Topf gelandet.

 

Die Hauptdarsteller wirken bis auf Costner zu blaß, klischeehaft, zweidimensional, und Bruce Greenwood als JFK wirkt sogar weniger überzeugend als Stephanie Romanov (Melrose Place), die immerhin eine Minute lang eine perfekte Jackie K. abgeben darf, leider nur ein Effekt, nicht weiter ausgebaut. Und ein wenig möchte ich auch daran zweifeln, ob die Stabschefs des US-Militärs wirklich die dämlichen Kommißköppe waren, als die sie hier präsentiert werden.

 

Im Nachhinein hatte ich den Eindruck, ein zum Hollywood-Spektakel aufgeplustertes Kammerspiel gesehen zu haben, und als reines Kammerspiel wäre die Wirkung stärker gewesen: manche Augenblicke erinnern an "Die zwölf Geschworenen", aber Thirteen Days erreicht bei weitem nicht dessen Klasse. Er hätte ihr nahekommen können, wenn da nicht die Effekthascherei der andauernden martialischen, typisch amerikanischen Militärszenen wäre - Fliegereinsätze, Konfrontationen der kampfbereiten Kriegsschiffe, der abgeschossene U2-Pilot und sein furchtbar sentimentales Telefonat mit Costner. Wenn man sich wenigstens konsequent für einen actionlastigen Militärfilm entschieden hätte, aber dafür reichte es auch nicht.

 

Chruschtschow, die zweite Hauptfigur des Dramas neben Kennedy bleibt für den Film unsichtbar, und das ist der richtige Ansatz - für das Kammerspiel, denn dessen zentrale Frage ist ja: Wie bekommt man mit den zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln heraus, was die andere Seite vorhat - und wie macht man der anderen Seite klar, daß man selbst es sich nicht leisten kann, nachzugeben und notfalls trotz aller Friedensliebe zur "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" greifen würde? Wie findet man eine Lösung, bei der beide Seiten halbwegs das Gesicht wahren können, wenn man nicht miteinander reden und nur über verschlungene Umwege kommunizieren kann?

 

Wie Richard Semple in seinem Kommentar in der IMDB treffend bemerkt, ist der Film "eine intelligente Studie der letzten Endes lähmenden Effekte der Macht" - zumindest, wenn man sie verantwortungsbewußt handhaben will (oder muß). Auch wer über nahezu unbegrenzte Macht zu verfügen scheint, ist an die Gesetze von Ursache und Wirkung gebunden - "Beim ersten sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte." Die amerikanische Redensart ist prosaischer als Goethe: "You pick up one end of the stick, you pick up the other."

 

Wie dicht und packend hätte dieser Film mit diesem Thema werden können, wenn die Macher sich für das Kammerspiel entschieden hätten, beschränkt auf die Debatten und Seitengespräche des Präsidenten und seines Beraterstabes?

 

Stattdessen wollte man beide Zielgruppen zur Kasse bitten, und so entsteht der fatale Eindruck, der Film wolle - wie so oft in Hollywood - die Geschichte nur aus nationalistischer US-Perspektive erzählen, deren Horizont an der letzten "state border" endet. Aber ich denke nicht, daß das wirklich die Absicht war: Der Film soll aus der Perspektive von Kennedys Beraterstab erzählen (was eben im Kammerspiel plausibel wäre), bekommt aber von den Top-Gun-gestylten Navy- und Air-Force-Werbespots Schlagseite und dümpelt nun zwischen den Stühlen herum. Das Motiv der Kommunikationsversuche via militärischer Aktionen wird erst viel zu spät richtig eingeführt, und man möchte höchstens noch spekulieren, wie das Tauschangebot "eure Raketen auf Kuba gegen unsere in der Türkei" von Freud interpretiert worden wäre.

 

Das ist schade, denn trotz alledem erzielt der Film eine fesselnde Wirkung, da er die altbekannten Mittel der Dramatisierung historischer Vorgänge durch Projektion auf Einzelschicksale souverän handhabt. Costner als Kassenmagnet spielt als O'Donnell den kleinen Jungen, dem allmählich klar wird, mit welchen Streichhölzern er als Assistent des Präsidenten spielt, und aus dem die dreizehn Tage einen anderen Menschen machen. Zu Beginn des Films schäkert er mit Jackie, klaut dem im Pyjama frühstückenden JFK den Toast vom Teller, brüllt politische Marionetten am Telefon an und setzt die Entscheidungen seiner Idole, der Kennedy-Brüder, rücksichtslos ("Wir sind doch keine Pfadfinder") in die Tat um. Am Ende begreift er, daß er und alle anderen trotz seiner harten Macherpose letztlich auf Gedeih und Verderb dem Gespür der Kennedys und einer Menge Zufälle ausgeliefert waren, und seine Kinder sehen am Frühstückstisch etwas noch nie dagewesenes, das sie gar nicht begreifen können: einen weinenden Vater - unerhört für die sechziger Jahre. In der Schlußszene zögert er, sich den Kennedys so selbstverständlich wie früher anzuschließen und sieht sie in dem verklärten Licht, in dem Amerika sie seit dem 22. November 1963 erstrahlen läßt, bevor der Film in Schwarz-weiß überblendet und damit wieder die Patina der alten Wochenschaubilder über das Geschehen legt.

 

Gut gemacht ist das, nur: Wo führt es hin? Brauchen die Kennedy-Brüder wirklich noch mehr Kerzen auf dem Altar? Da der Film auch auf Robert Kennedys Buch über die Krise beruht, ist klar, daß eine Kritik an den Kennedy-Brüdern hier nicht zu erwarten war, vielmehr wird wieder einmal nur ihr Mythos unterstrichen, an dem Kritik zu üben in Amerika auch heute noch Hochverrat zu sein scheint.

 

Geschichtsunterricht und das vielbeschworene "Wie es damals wirklich war" sollte man weder von der Kunst noch vom Kunsthandwerk jemals erwarten. Für Hollywood ist Geschichte immer nur Stofflieferant, und wer das im Kino vergißt, riskiert eine Gehirnwäsche.

 

Kennedy war sicherlich der charismatischste Präsident, den die USA im 20. Jahrhundert hatten, und zweifelsohne hat seine Präsidentschaft vieles in die Wege geleitet, was ihn lange überdauert hat. Aber auch wenn man die Wirkung seines Auftretens und die Kürze seiner Amtszeit in Rechnung stellt: Seine konkreten Leistungen bleiben klar hinter denen eines Franklin D. Roosevelt, ja, sogar hinter denen eines Richard Nixon zurück. Vermutlich hat Oliver Stones Nixon recht, wenn er in der Nacht seines Rücktritts das Phänomen Kennedy mit der überdimensionierten Projektionsfläche erklärt, die dieser den Menschen geboten hat: "Wenn sie Dich ansehen, sehen sie, was sie sein wollen. Wenn sie mich ansehen, sehen sie, was sie sind."

 

Das alle überragende Genie JFKs und seiner Administration, seinerzeit mit König Artus und den Rittern der Tafelrunde verglichen, die Amerika beinahe in das goldene Zeitalter geführt hätten - eine bedenkliche Sichtweise, deren antidemokratische Tendenzen Mario Puzo in seinem Roman "The Fourth K" wunderbar entlarvt hat.

 

Interessant ist vor diesem Hintergrund auch, wie selbstverständlich im Film gezeigt wird, daß die Regierungsvertreter (Vertreter nicht etwa der Nixon-, sondern der Kennedy-Administration, den Abgöttern des liberalen Amerika!) Druck auf die Presse ausüben, um die Weitergabe von Informationen zu unterbinden - natürlich nur zum Schutz der Öffentlichkeit vor sich selbst. Das kennt man sonst eher aus Die-Hard-ähnlichen Actionfilmen, in denen der sensationsgeile Reporter den Helden oder die armen Geiseln gefährdet und dafür eine auf's Schandmaul bekommt. In den USA gehört diese Tätigkeit allerdings schon seit Kennedys Zeiten zum Aufgabenbereich der "Spin-Doctors", die spätestens seit 1998 auch in der alten Welt Einzug gehalten haben [1].

 

Letzten Endes will der Film aus den Kennedy-Brüdern die Retter vor dem Weltuntergang machen, dabei zeigt er in Wirklichkeit, daß die beiden selbst am Ende ihrer Weisheit waren und am großen Knall nur haarscharf vorbeigeschlittert sind, weil der Fahrer des anderen Wagens doch noch die Bremse gefunden hat. Da wird wieder einmal die Sehnsucht nach dem großen, weisen, guten, starken Mann genährt, und wenn man genau hinschaut, sieht man, daß auch dieser Kaiser nackt ist.

 

Fazit: ein spannendes Stück Unterhaltung und gut gemachtes Szenario einer Entscheidungsfindung unter Dauerstreß, leider unter Wert verkauft. Und wer wissen will, wie diese Geschichte mit etwas weniger glücklichen Akteuren verlaufen wäre, der sehe Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben...

 

Am 9.April 2001 fand in Havannas Charles-Chaplin-Kino eine Aufführung von Thirteen Days statt - im Beisein von Kevin Costner und Fidel Castro.

 

Steffen Pohlen

 

[1] Dr. Frank Esser, Carsten Reinemann: "Beeinflussung der Journalisten - Nicht mal Zeit zum Niesen" in Message, 2/1999

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: www.dooyoo.de

 

 

Thirteen Days

USA 2000, Regie: Roger Donaldson; Darsteller: Kevin Costner, Bruce Greenwood, Steven Culp, Michael Fairman; Drehbuch: David Self

 

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