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The Third Society

 

„Kill Bill“ meets „Die Bettwurst“

 

Post aus California, USA. Die „Autorenfilmerin“ und Hauptdarstellerin von „The Third Society“ hat ihr Versprechen wahrgemacht und mir ihren Erstling geschickt: "The Third Society". To cut a long story short: Es ist ein B-Movie. Bliebe nur zu untersuchen, welche wesentlichen B-Movie-Qualitäten ihn auszeichnen: Ist seine Geschichte konfus? Hat er keinen Stil? Ist er deshalb komisch?

Antwort: Ja, er ist. Und zwar das alles und mehr als das.

 

J.A. Steel ist ein TIER. Sie ist eine Kampfmaschine und ihre Produktionsgesellschaft heißt demnach „Warrior Entertainment, Inc“. In Interviews lässt sie verlauten, dass sie bereits im Alter von drei Jahren das scharfe Schießen gelernt hat, dass sie in der Schule immer gehänselt wurde, wegen ihrer dicken Brillengläser und ihrer Pummeligkeit. Dass sie daraufhin gelernt habe zu kämpfen, gegen alles, was ihr im Weg steht, und in verschiedenen Kampfsportarten, ohne jemals aufzugeben oder aufzuhören - weshalb ihr einige Gürtel wieder abgenommen wurden, denn ein Kampf ist ja normal zu Ende, wenn der Gegner am Boden liegt. J.A. Steel never stops, und wir glauben ihr, wenn wir sie sehen als Hauptfigur „Jones“ im Adidas-Motorrad-Dress immer auf den Fersen ihrer Feinde, einer sinistren, schick und in Schwarzlack gedressten Hongkong-Mafia-Gang unter dem Anführer „Dragon“, der – es hat schwerlich anders sein können, natürlich vor Jahren schon Jones’ Mutter elimiert hat – vor den Augen des zarten Töchterchens.

 

Dass Jones dadurch nachhaltig disponiert ist steht schnell außer Frage. Offenbar hat sie sich zwanzig Jahre (Rückblenden!) lang im thailändischen Busch versteckt, um groß und stark und böse zu werden, um sich zu stählen, indem sie Buschpfade auf und ab joggte oder Baumstämme mit Boxhandschuhen vertrimmte. Im Prinzip ist es völlig belanglos für die Story, aber sie hat wohl sogar irgendwann die Aufnahmeprüfungen für die LAPD bestanden, und kann nun als Motorrad-Polizistin unter dem Deckmäntelchen der Legalität ihren Rachefeldzug führen. Das Fass ist natürlich voll, als auch noch ihre einzige Schwester von den Rowdies gekidnappt wird. Jetzt gibt es für Jones kein Halten mehr. Wir ahnten es, und die Schwester wird nicht müde, es ihren Entführern zu verklickern: She’s gonna kill you all.

 

Wer jetzt immer noch nicht an „Kill Bill“ gedacht hat, hat ihn wahrscheinlich nur noch nicht gesehen, aber „The Third Society“ ist ganz und gar keine wie auch immer geartete Kopie des Tarantino-Blockbusters von 2003/2004, denn der Film ist schon im Jahr 2000 gedreht worden. Mit ihrer Idee lag Steel also mehr als im Trend: Eine Amazone kämpft mit Fäusten, auf dem Motorrad reist sie der Unterwelt hinterher, und sie tötet – allerdings mit Pistolen, nicht mit Samuraischwertern.

 

Dass dabei so mancher Schuss – und geballert wird EXTREM viel -, wenn er überhaupt ein erkennbares Ziel trifft, nach hinten los geht, macht den Film zu einem echten Schmankerl. Das Highlight ist eine unglaublich unendlich lange Szene auf einem Flugplatz, in der Jones’ Schwester gerade in ein Privatjet geschubst wurde, das irgendwie Probleme mit dem Start hat und in der Jones gerade auf's Motorrad gehechtet ist, um über das Rollfeld zu pesen. Aber sie kommt nicht an, sondern dreht ihre Runden, mit ihr dann ein paar niegelnagelneue (deutsche) Limousinen, keiner weiß, wer da drin sitzt, die auch bald Spaß daran finden ein paar Ehrenrunden zu drehen. Konfusion at its best. Das Flugzeug ist natürlich irgendwann doch abgehoben, wenn Jones solche Spirenzchen macht. Grund genug sich mal eben einen Helikopter unter den Nagel zu reißen, mit Piloten, dessen größter Lebenstraum es wohl immer war, gekapert zu werden, darauf das Größte: Ein minutenlanges Hin- und Herblenden zwischen dem Tower und dem Rollfeld, wackelig und ziellos, dabei ein Voice-Over-Dialog, von dem man nicht weiß, wer ihn mit wem worüber führt.

 

In diesen Augenblicken erreicht der Film die psychedelisch-transzendente Größe eines Rosa von Praunheims, wie übrigens auch gerade in der Flugplatzszene seiner „Bettwurst“; hier bringt der Film endgültig das Raum-Zeit-Kontinuum ins Wanken, stellt er sämtliche Regeln des Kinos in Frage, mit einem Erfolg, der Edward Woods („Plan 9 From Outer Space“) schönsten Triumphen kaum in etwas nachsteht. „The Third Society“ beweist, dass der Weg das Ziel zu ersetzen imstande ist, und die Ein-Frau-Firma Steel beweist, dass Action-Kino, Talentfreiheit, Emanzipation, Kickboxen, Kunst, Motorräder und Buddhismus fortan nie mehr Widersprüche mehr sein müssen. J.A. sagt stolz – und sie hat sichtbar recht: „Hey, we do have a movie, although not an „A“ film, but a film nonetheless..” Und es einfach zu tun, darum geht es - aber doch nicht darum, was...

 

Andreas Thomas

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in der filmzentrale

 

 

The Third Society

USA 2001

Laufzeit: 83 min

Buch und Regie: J.A. Steel (Jacquelyne Ruffner)

Besetzung:

Jones....................................Jacquelyne Ruffner (uncredited)

Erica.....................................Shannon Clay

Michael Lee..........................Russell vann Brown

Captain McGregor.................Sonya Eddy

Wong....................................Benny Tjandra

Chan.....................................Charles Shen

Janine (Jones' Mutter)..........Debi B. Deebe

Dragon..................................Khin Kyaw Maung

"Young" Dragon...................Moritaka Yoshida

Xang.....................................Makai Hyun

Ti..........................................Satoshi Nakagawa

Die DVD ist erhältlich bei: Marketing Film und Kinowelt

 

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