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Themroc

 

 

 

 

Jeden Tag die gleiche Routine, die gleiche Tristesse: Während der Wecker klingelt, wird Themrocs Erwachen durch Mutters Argusaugen bewacht. In der Küche, während die tickende Uhr an die verstreichende Zeit ohne Gnade erinnert, ein karges Frühstück. Wieder die Mutter, die mit strengem Blick kontrolliert, dass ihr längst erwachsener Sohn, der Ende Dreißig sein dürfte, auch brav zur Arbeit geht, um für die Familie zu sorgen. Bevor er das Haus verlässt noch einen Abstecher in das Zimmer seiner Schwester, der Themroc einen Abschiedkuss gibt, obwohl er mehr Zuneigung für sein eigen Fleisch und Blut hegt, als es ein schnöder Abschiedskuss erahnen lässt. Wie jeden Morgen die Sehnsucht nach dem Verbotenen. Wie jeden Morgen das Zusammentreffen mit der strahlenden, attraktiven Nachbarin auf der Treppe. Dann der Weg zur Arbeit. Per pedes und U-Bahn. Dann das Einchecken zur täglichen Arbeit mit der Betätigung der Stechuhr. Jeden Tag die gleiche, deprimierende Monotonie.

 

Themroc ist – laut Firmenschild – ein "fröhlicher Proletarier". Und doch ist er ganz und gar nicht glücklich. Er lebt in einer Welt, die jede Arbeit zur Berufung, die in ewig währender Fröhlichkeit und Zufriedenheit zu verrichten ist, diktiert, ohne sich um die Wünsche und Sehnsüchte des Individuums zu scheren. Anstreicher Themrocs Fassade der Kultiviertheit beginnt zu bröckeln, als er der Sekretärin seines Chefs zu lange nachstarrt. Als er in das Büro seines Geldgebers zur Standpauke gebeten wird, quittiert er seinen Dienst und beginnt ein Leben als Anarcho. Zurück im Heim, mauert er sich in seinem Zimmer ein, schlägt mit dem Vorschlaghammer ein riesiges Loch in die Wand seines Zimmers um dadurch seine gesamte Einrichtung in den Hinterhof zu werfen. Er entwirft sich seine eigene, steinzeitliche Höhle, wird wieder zum Tier, kehrt die Evolution um. Weg von der regulierenden Zivilisation, weg von all den Autoritäten, hin zu einem Höhlenmenschenbewusstsein ohne Regeln, ohne Tabus und ohne Industrie.

 

In "Themroc" geht es primär darum, wie der Titelheld auf seiner Steinzeitbühne triumphiert, aus seiner Höhle auf die zivilisierte Welt hinabblickt, die aus dem Innenhof heraus unverständig und beängstigt das Treiben des neuen Wilden beobachtet. Einige sind fasziniert von der anarchistischen Urgewalt des Mannes und sein simples, aber effektives Aufbegehren gegen Zivilisation und Sozialstaat. Die Nachbarin von Gegenüber klettert sogar hinauf in seine Höhle und schläft mit ihrem Idol. Zurück bei ihrem langweiligen Ehemann begeht sie das gleiche Ritual, wie Themroc. Sie öffnet ein Loch in der Hauswand, schmeißt ihr Hab und Gut heraus und beginnt zu leben wie eine Wilde. Aber nicht jeder kann zum Neandertaler bekehrt werden: Einer der Nachbarn poliert wie Wild sein Auto, das letzte Symbol von Kapitalismus und Zivilisation, in dem sonst chaotisch verwüsten Innenhof. Hinzukommt die Polizei, die sogar mit Waffengewalt anrückt, um dem sonderbaren Treiben entgegenzuwirken. Doch Staatsgewalt und Tränengas können Themroc nicht stoppen…

 

Obwohl Inzest und Kannibalismus verdrehte Werte sind, für die die Figur des Themroc steht, ist er der schwarzhumorige Held dieses außergewöhnlichen Films. "Themroc" ist kein "schöner" oder erzählerischer Film, "Themroc" ist archetypisch gefilmt. Es gibt keinen Dialog in einer verständlichen Sprache. Nach Themrocs Metamorphose in ein steinzeitliches Gemüt, beherrscht eine wilde Pseudosprache: Urlaute, die nur noch aus animalischen Heulen, Bellen und Blaffen besteht. Die restlichen Dialoge sind Quatsch-französisch, die sich zwar zunächst authentisch anhören, aber keinerlei Sinn transportieren. "Themroc" ist alles andere artikuliert, sondern wild, laut und in seinen Bildern, die ständig nach etwas Sensationellem suchen, triebhaft.

 

Bei all der Gesellschaftskritik ist Michel Piccolis Figur des Themroc mehr als nur bemerkenswert: Er ist kein Poser, der sich durch selbstgefällige Sätze als Retter der Menschheit inszeniert, sondern ein unauffälliger, langweiliger, Mann. Sein Haaransatz geht zurück, er lebt alleine bei seiner Mutter und begehrt seine eigene Schwester. Kein Held für einen Hollywoodfilm etwa, sondern die Galionsfigur für diesen kleinen Barbaren und ihres barbarischen Films. Doch so kritisch und wichtig Aussagen und Intentionen hinter "Themroc" seien, das Werk bleibt eine Satire, die einen stillen, aber effektvollen Humor hat. Der wohl eindeutigste "Witz" ist die Szene, in der Themrocs Nachbarin rasend ihre Möbel mit einem Vorschlaghammer zertrümmert, während ihr schüchterner Ehemann mit einem kleinen Schreinerhammer zaghaft auf Holz klopft.

 

Zuschauer, die nicht mehr die gleiche Routine in Erzählweise und Optik, die uns Hollywood und seine angepasste Formalität liefert, sehen möchten, die sollten sich diesen wilden, wahnwitzigen Film ansehen. Allein Michel Piccolis pure und wilde Energie, mit der er die Leinwand füllt, ist grandios – und der Rest des Films in all seiner Gewalt, seiner Klarheit und mit seinem Biss ist absurd und verblüffend.

 

Björn Last

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Mitternachtskino

 

Themroc

Frankreich, 1973. Regie: Claude Faraldo. Drehbuch: Claude Faraldo. Produktion: Francois de Lannurien, Helène Vager. Kamera: Jean-Marc Ripert. Schnitt: Noun Serra. Musik: Harald Maury. Darsteller: Michel Piccoli (Themroc), Béatrice Romand (Schwester), Jeanne Herviale (Mutter), Francesca Romana Coluzzi (Nachbarin), Marilù Tolo (Sekretärin), Patrick Dewaere (Maurer), Miou-Miou (Junge Nachbarin), Popeck (Anspitzer). Farbe. 104 Min.

 

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