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The Giant Buddhas

 

 

Der Koloss schläft

 

2001 wurden die Buddhas von Bamiyan gesprengt. Der Dokumentarist Christian Frei sucht nach Spuren

 

Aus dem Lichtkegel der Medienöffentlichkeit sind sie längst wieder verschwunden, die beiden riesigen Buddhastatuen aus dem Tal von Bamiyan, die im März 2001 auf Befehl der Taliban gesprengt wurden. Die im sechsten Jahrhundert an dem damals geschäftigen Handelsplatz in den Fels gegrabenen Figuren waren den Taliban, den fundamentalistischen Machthabern Afghanistans, ein verhasster Überrest religiöser Offenheit im Herzen ihrer islamischen Gottesrepublik. Und für einen historischen Augenblick gelang es ihnen wirklich, sich mit ihrer hochgradig symbolischen Aktion ins Erregungszentrum der Weltöffentlichkeit zu spielen. Doch dann ließ eine andere schreckliche Attacke ihren bilderstürmerischen Angriff verblassen und leitete den Untergang ihrer Macht ein.

 

Es ist das Privileg und auch die Pflicht des Dokumentarfilms, sich solch schnellem Vergessen zu verweigern und hinter die Oberfläche von Pressemeldungen und Drei-Minuten-Berichten zu schauen. Oft allerdings lassen die behäbigen Finanzierungs- und Produktionsbedingungen des Filmgewerbes schnelleres Arbeiten nicht zu. So musste auch der Schweizer Regisseur Christian Frei („War Photographer“) zwei Jahre nach Sprengung der Buddhafiguren warten, bis er mit den Dreharbeiten zu seinem Filmessay über ihre bewegte Geschichte beginnen konnte.

 

Doch auch inhaltlich ist „The Giant Buddhas“ kein filmischer Schnellschuss. Denn Frei nimmt die Geschichte der Statuen zum Ausgangspunkt einer umfassenderen historischen und kulturellen Suchbewegung; und zum Startpunkt einer Reise, die nach China und Kanada, in die heutige UN-Bürokratie und ins Mittelalter führt und die Frage religiöser Bilderverbote ebenso anspricht wie den Ausverkauf kultureller Traditionen an Verwertungsinteressen und Machtpolitik.

 

Damals im Mittelalter machte sich der chinesische Wandermönch Xuanzang auf den Fußweg entlang der Seidenstraße nach Indien und legte in Bamiyan eine kleine Ruhepause ein. Jetzt nimmt Frei seine Reisetagebücher zum Leitfaden für seine Filmreise und inszeniert einzelne Teilstücke mit subjektiver Wackelkamera nach, während eingesprochene Briefe an die exil-afghanische Schriftstellerin Nelofer Pazira narrative Kontinuiät konstruieren. Allerdings werden die Zuschauer durch die erst spät im Film geklärte Identität der Angesprochenen irritiert, wie auch durch das aufgesetzte Pathos der Tonlage. Auch der Soundtrack, für den ein Quartett einschlägiger Größen von Jan Garbarek, Philipp Glass, Steve Kuhn bis Arvo Pärt engagiert wurde, setzt mit viel illustrativem Getöne vor allen auf Überwältigung und Suggestion.

 

Solche Verständnishilfen wären gar nicht notwendig. Denn die Menschen, mit denen „The Giant Buddhas“ uns bekannt macht, können gut für sich selbst sprechen: Der Hazari Sayyed Mirza Hussain wohnt mit seiner Familie in einer Erdhöhle neben den ehemaligen Buddhas und lebt die religiöse Toleranz der islamischen Vor-Taliban-Zeit. Der französische Archäologe Zémaryalai Tarzi gräbt im Tal mit einheimischen Arbeitern nach einem dritten liegenden Buddha, der von Xuanzang erwähnt wird und gigantische 300 Meter lang sein soll. Und bei der Unesco stecken viele hohe Beamte viel Geld und Energie in die Diskussion technisch ambitionierter Rekonstruktionen und künstlerisch elaborierter Mahnmale, während bisherige Bewohner des Tals wie Sayed Mirza Hussein zum Schutz des deklarierten Weltkulturerbes in ein schäbiges Barackenlager auf einer abgelegenen windumtosten Hochebene umgesiedelt werden. Doch auch ohne offensichtliche Bilderstürmerei hat es buddhistische Spiritualität heutzutage schwer: Im chinesischen Leshan wird der größte Buddha der Welt tagtäglich in einem von Touristen besuchten Vergnügungspark dem Mammon geopfert.

 

Leider verlässt Christian Frei seine höchst interessanten Schauplätze – ideell oder faktisch – immer kurz vor dem Moment, wo wir selbst in ihnen auf echte Entdeckungsreise gehen könnten, während sein Kommentar ersatzweise die offensichtlichsten Aspekte der Bilder für uns deutet: „Die strenge Anordnung der Häuser erinnert mich an einen Gulag“, heißt es da etwa, während wir das wie ein KZ angelegte Barackenlager der Umsiedler schon längst selbst in Augenschein genommen haben: Das ist auch eine Möglichkeit, anfängliche Neugier und Entdeckungslust des Publikums zu erschlagen. Zusätzlich wird dann ähnlich wie in manch einschlägigen TV-History-Programmen immer wieder ein Klima künstlicher Geheimnistuerei erzeugt, um Spannung und tiefere Bedeutung zu suggerieren. Solch billige und durchschaubare Effekthascherei macht ärgerlich. Die Geschichte der „Giant Buddhas“ fasziniert schon allein.

 

Silvia Hallensleben

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Tagesspiegel

 

The Giant Buddhas

Schweiz 2005 - Regie: Christian Frei – Mitwirkende: Nelofer Pazira, Xuanzang, Sayyed Mirza Hussain, Taysir Alony, Zémaryalaï Tarzi - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 95 min. - Start: 3.8.2006

 

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