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The Falls

Dieser Film sollte am besten im Kino genossen werden, auch wenn Peter Greenaway meint, er sei eher geeignet fürs Vor- und Zurückspulen am Videorekorder. Es ist nämlich auf masochistische Weise faszinierend, im dunklen Kinosaal drei Stunden lang die nicht enden wollende Folge von 92 Filmbiographien über sich ergehen zu lassen, die wiederum nur eine exemplarische Auswahl aus der Gesamtliste aller Opfer eines ‘Violent Unknown Event’ darstellen soll, die für sich selber neunzehn Millionen Namen stark sei. (Meister Greenaway beschränkt sich auf die kleine Schnittmenge derer, deren Nachname mit den Buchstaben F-A-L-L beginnt – also von Orchard Falla und Constance Ortuist Fallaburr über Cisgatten Fallbazz, Appropinquo Fallcatti und Ascrib Fallstaff, etc., bis zu Anthior Fallwaste -; dabei hätte bereits eine Vergrößerung der Filmlänge um den Faktor Zweihunderttausend durchaus alphabetische Vollständigkeit ermöglicht.)

 

Das Fortschrauben der Grundstruktur bewirkt zwar keinen so hypnotischen Effekt wie in “A Walk Through H”; doch das regelmäßige Aufblinken der nächsten Kapitelzahl (bezugslos begleitet von Michael-Nyman’schen Mozart-Variationen), die weiterhin elend weit von der finalen 92 entfernt ist, gibt einem stets von Neuem das wunderschöne Gefühl, immer noch ein ganzes durchzuackerndes Lexikon vor sich zu haben (während die neben einem sitzende Person schon nach dem ersten Zwanzigstel mehr als unruhig im Kinosessel umherrutscht und launig-frustrierte Kommentare von sich gibt).

 

Die 92 Biographien selbst sind fragmentarische Mockumentaries der unterschiedlichsten Art, im BBC-Sprecher-Tonfall kommentiert, mit avantgardistischen Dia-Shows, gestellten Interviews (manchmal in fiktiven Sprachen wie Hapaxlegomenia, Capistan und Instantaneious Dekis), Experimentalfilmausschnitten und Vogelgeräuschen angereichert. Alle Opfer des VUE, Violent Unknown Event, haben sich als Folge desselben in Unsterbliche oder Ornithologen, Fremdsprachler oder vogelähnliche Mutanten usw. verwandelt, und dies wird nun dokumentiert. Es liegt in der geistigen Arbeit des Zuschauers, die Zusammenhänge und damit das Violent Unknown Event selbst herauszufieseln.

 

Es gibt zwischen den einzelnen Lebensläufen intertextuelle Bezüge en masse (aber auch zu früheren – und späteren – Filmen Greenaways, sowie Auftritte von Cissie Colpitts, Tulse Luper und Aad van Hoyten), wiederkehrende Andeutungen auf umfassende Verschwörungen, ganz viel Vogelkunde, zig Listen (mit je 92 Elementen) überaus seltsamer Namen (von Menschen, Vogelarten, fiktiven Sprachen, usw.), merkwürdigste Musik von Michael Nyman und Brian Eno, etc. Wenn man im plötzlich hereindonnernden Abspann nochmal mit Bildern und Tönen aus den vergangenen drei Stunden bombardiert wird, glaubt man gar nicht, dass man es endlich hinter sich hat, und nimmt sich vor, die 92 Namen für den zwecklosen Eigengebrauch in ihrer alphabetischen Reihenfolge auswendig zu lernen: Die Struktur hat sich, ähnlich “Zorn’s Lemma” von Hollis Frampton, im Kopf festgesetzt und lässt sich nicht mehr vertreiben.

 

Christian Heller

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Plomlompom.de

 

 

The Falls

THE FALLS

England - 1980 - 185 min.

Verleih: Freunde der Deutschen Kinemathek - Produktionsfirma: The British Film Institute

Regie: Peter Greenaway

Buch: Peter Greenaway

Kamera: Mike Coles, John Rosenberg, Erika Stevenson, Francine Winham, Tex Ledcote

Musik: Michael Nyman, Brian Eno, John Hyde, Keith Pendlebury

 

 

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