zur startseite

zum archiv

Testamento

 

Alfonso Bauer Paíz, mittlerweile 81 Jahre alt, ist in einer dramatischen politischen Biografie mit seinem Heimatland Guatemala verbunden. Der Enkel deutscher Einwanderer wuchs bürgerlich privilegiert auf, entwickelte aber schon als Student eine persönliche Verpflichtung, gegen die Ungerechtigkeit und Unterdrückung in seinem Land zu kämpfen, gegen die rassistische Unterdrückung der indigenen Bevölkerung. Paíz wird Anwalt und mit 23 einer der führenden Köpfe der guatemaltekischen Revolution von 1944. Eine „Ideologie“ gab es in dieser Revolution, die aus einem Studentenaufstand entstand, noch nicht. Der Marxismus kam auch für Bauer Paíz erst später, aber dann hat er sich in ihn verliebt.

Eine Liebesgeschichte, die einen hohen Preis verlangte. Als Minister der Revolutionsregierung streitete er mit der mächtigen United Fruit Company, der damals die Häfen und Eisenbahnen gehörten, und er war an der Agrarreform beteiligt, in der das nicht bebaute Land an die Arbeiter und Bauern verteilt wurde. So entstehen mächtige Feinde der Revolution. Nach der Enteignung der UFC änderte sich die zunächst wohlwollende Haltung der US-amerikanischen Regierung; die CIA begann ihre unheilvolle Arbeit. Die damals fortschrittlichs-te und ethischste Gesellschaftsform Lateinamerikas wird 1954 zerschlagen. Zum ersten Mal wird Bauer Paíz ins Exil getrieben. Er kehrt zurück, er und seine Familie leiden erneut unter terroristischer Verfolgung.

 

Der Film wählt eine klassische Form des Dokumentarismus. Kein Kommentar stört die Selbstaussagen der Beteiligten, die Bilder sind zumeist unprätenziös und gelegentlich ein wenig impressionistisch ausufernd, aber voller Sympathie und Mitgefühl, kundig, aber vielleicht ein wenig zu „weich“ geschnitten. Neben Alfonso Bauer Paíz erzählen sein Bruder, Angehörige, Freunde und Gefährten. Familienfotos und Wochenschau-Material sind eingearbeitet, und es gibt visuelle Leitlinien wie das Blinken der Ampeln in den verlassenen Straßen der Stadt im Dämmerlicht.

 

Aber neben der historischen Chronologie der gescheiterten Hoffnungen für Guatemala, neben dem Ablauf einer Wahlkampagne, dem Alltag eines Menschen gibt es eine weitere, innere Dramaturgie, die dem Film seine Tiefe gibt: Schritt für Schritt schält sich aus dem Bild eines politischen Menschen, den man in seiner Liebe zur Gerechtigkeit und seinem bedingungslosen Einsatz für die Schwachen ebenso wie für die Klarheit seiner politischen Analysen nur bewundern kann, auch das Bild einer menschlichen Tragödie. Vier seiner Kinder sind gestorben, für die Guerilla, aus der Verzweiflung in der Fremde, in der Rebellion gegen einen Vater, der seine Nächsten nicht beschützen konnte. Und noch etwas anderes sehen wir: die Ungleichheit in der Inszenierung der Macht, den Unterschied zwischen der Basis-Arbeit der Linken auf dem Land und der pop-faschistischen Masseninszenierung der herrschenden Partei des General Rios Montt. Welche Chance hat einer wie Alfonso Bauer Paíz dagegen? Das ist auch eine doppelte Frage an unsere Gesellschaft, die profitiert von der Ungerechtigkeit dort drüben und selber nicht viel gerechter sein mag.

 

Es ist eine sehr einfache, anrührende Erklärung, die Alfonso Bauer Paíz am Ende für ein Leben wie das seine hat. Es entsteht aus dem Entschluss, sich um die anderen zu kümmern, denen es schlechter geht als einem selbst, die Ungerechtigkeit nicht zu dulden. Der Preis, den man selbst, die Angehörigen und Freunde dafür zu bezahlen haben, ist hoch. Zu hoch vielleicht. Es ist die Tragödie des politischen Menschen, dass er als Individuum schuldig werden muss. Und es ist das Verdienst des Films, dass er nicht blind ist gegenüber diesem Zusammenhang. Das Lehrstück muss zum menschlichen Subjekt zurück finden, sonst taugt es nichts. Spätestens dafür hätte man das Kino erfinden müssen.            

 

Georg Seeßlen

 

Testamento, die Tragödie des politischen Menschen im Leben und in der Geschichte, stellt ein paar Fragen hartnäckiger und genauer als wir es in unseren Bilder-Informationen gewohnt sind. Ein Film, der zeigt, wie reich und notwendig dokumentarisches Arbeiten heute ist.

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  epd film 12/2003

 

Testamento

Deutschland 2003. R, B, Sch: Uli Stelzner, Thomas Walther. K: Thomas Walther. M: Tito Medina, Paulo Alvarado. T: Otto Gaytán Silva, Uli Stelzner. Pg: ISKA e.V.. V: Neue Visionen. L: 93 Min.

zur startseite

zum archiv