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Terror 2000

 

Ein Sozialarbeiter und eine ganze polnische Familie sind auf dem Weg ins Asylantenheim Rassau verschwunden. Inspektor Körn und seine Assistentin Margret greifen ein: Sie fahren nach Rassau, irgendwo im Osten der frisch vereinigten Republik, um den Fall aufzuklären. Dort regieren die Neonazis: Unter der Protektion des Möbelgroßhändlers Bössler treiben sie ihr Unwesen, so dass sich Körn bald mehr als einem einfachen Entführungsfall ausgesetzt sieht…

 

Das hört sich an wie ein „Tatort“, der seinen hocherhobenen Zeigefinger auf die neonazistische Wunde in der ehemaligen DDR legt – und ist in Wirklichkeit ein notorischer Schlingensief-Film, das heißt: Der Film selbst ist der eiternde Entzündungsherd. Die Leinwand, auf der ein Film von Schlingensief flimmert, ist eine weitklaffende Verletzung, die all das offenbart, was im Inneren des Systems Deutschland vor sich geht.

 

„Terror 2000“ ist der dritte Teil von Schlingensiefs Deutschland-Trilogie, neben „100 Jahre Adolf Hitler“ und „Das deutsche Kettensägenmassaker“. Und er blickt tief hinein in die Eingeweide dieser Republik. Ja, gewährt sogar einen Blick auf ihren Antrieb, auf den Meinungspluralismus der deutschen Demokratie. Nicht nur vermischt Schlingensief in diesem Film die grassierende Ausländerfeindlichkeit in der ehemaligen DDR, die sich nach der Wiedervereinigung Bahn brach, mit einer Story der TV-Kriminalunterhaltung. Er lässt auch das Gladbecker Geiseldrama mit hineinspielen, das eine Art späte Feuertaufe der Medienrepublik Deutschland war.

 

Am 16. August 1988 überfielen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski in Gladbeck, Kreis Recklinghausen, eine Bank. In der Folge nahmen sie Geiseln, kaperten Fahrzeuge, fuhren auf einer irren Irrfahrt durch Deutschland: Immer begleitet nicht etwa nur von der Polizei, sondern vor allem von verschiedenen Journalisten, die live und in Farbe während der Tat von der Tat berichteten. Die Geiselnehmer verhandelten nur über die Medien, und jeder hörte zu; sie gaben Interviews, ließen Kameraleute das Innere ihres entführten Busses filmen. Ein Journalist stieg gar in ihr Fluchtauto und lotste sie aus der Kölner Innenstadt heraus (wo sie sich von einer Masse von Zuschauern hatten bewundern lassen), gegen den Preis eines Exklusivinterinterviews. Im Laufe der Geiselnahme kamen zwei Geiseln durch Schüsse der Verbrecher und ein Polizist durch einen Unfall um, eine weitere Geisel überlebte schwer verletzt.

 

Dieses Trauma der späten westdeutschen Republik flicht Schlingensief ein in seine Mär von Rassismus, Kampf, Gewalt, Hilflosigkeit, Vergewaltigung und deutscher Realpolitik. „Der nun folgende Film schildert einen authentischen Fall aus dem Jahre 1992. Deutschland hat sich verändert. Die Asylantenheime sind überfüllt. Die Regierung befindet sich auf dem Rückzug. Die Polizei vor Ort ist alleingelassen. Ein großer Teil der Bevölkerung ist außer Kontrolle geraten und leistet offen Widerstand. […] Meine Damen und Herren, liebe Jungen und Mädchen, genießen Sie mit uns in den nächsten Minuten eine Welt voller Liebe, Angst, Sexualität und Tod. Genießen Sie mit uns die Welt, in der wir leben. Gute Unterhaltung.“ So stimmt ein Sprecher auf den Film ein, unterlegt von schwarz-weißen Bildern aus Asylantenheimen.

 

Schlingensiefs Blick auf die Welt, in der wir leben, ist ein hochkonzentriertes Destillat. Und entsprechend überzogen, überdreht, überspannt sind seine Filme. Doch seine Analyse der Verhältnisse ist scharf und exakt: Wenige Monate nach den Dreharbeiten zu „Terror 2000“ brannte im August 1992 medienwirksam ein Asylantenheim in Rostock-Lichtenhagen, Skinheads attackierten mit Molotowcocktails, die Polizei schaute weg, und im belagerten, brennenden Asylantenheim filmte ein ZDF-Fernsehteam alles mit: Eine schlingensiefeske Situation, die in der Wirklichkeit stattfand.

 

In Rassau herrscht der Rassenwahn. Die Stadt ist in der Hand der Neonazis. Doch das Böse ist immer und überall: In Rassau wie in Gladbeck; in den Köpfen der Nazis, die den Hass predigen wie im Schwanz von Körn, der auf alles geil ist, was blond ist; in den Polizisten, die dem Gladbecker Geiselauto freudig hinterherwinken; im Pfarrer, der damals einer der Gangster war und jetzt seine Sexgespielinnen Wibke nennt, wie die Geisel, die er erschossen hat; in den Asylanten, die den Aufstand wagen und vergewaltigend und massakrierend durch Rassau ziehen; und in den Medien, die ohne moralischen Standpunkt ihr Mikrophon nach dem Winde drehen und mal die Nazis, mal die Asylanten feiern, je nach dem, was die Quote fordert.

 

Bürgermeister und Möbelgroßhändler Bössler (im amerikanischen Südstaaten-Outfit: Alfred Edel) und Priester Jablo (Udo Kier) waren die Gladbecker Geiselgangster, sind untergetaucht und haben in Rassau ein neues, rechtsnationales Leben begonnen. Doch mehr schlecht als recht können sie das Trauma ihres Verbrechens verdrängen. Wibke, immer wieder Wibke, die Geisel, die sie begehrten und die sie töteten. Phallisch stopft Jablo Pistolen in Münder (bevorzugt den eigenen), Liebe, Hass, Sex und Tod sind zu einer untrennbaren Melange geworden. Das damalige Verbrechen kehrt wieder in der allgegenwärtigen Gewalt, die in Rassau herrscht. Und die von Medien und von Polizei nur noch verstärkt wird: die Medien haben damals, im Gladbeck-Fall, ihre Unschuld verloren – oder besser: haben offenbart, dass sie nie unschuldig waren –, und sollen nun über die Lage berichten. Und Körn war damals der ermittelnde Einsatzleiter gewesen, hat versagt und steht nun wieder hilflos den Verhältnissen gegenüber.

 

Die Suche nach dem vermissten Sozialarbeiter und nach der Polenfamilie wird mit obskuren Mitteln angegangen. Lady Pupilla, das spiritistische Medium, findet sie zerstückelt im Sumpf, gefeiert von der Bevölkerung: Sie ist natürlich angelehnt an Uriella, die Gründerin der Sekte Fiat Lux, die vom Weltuntergang und der heilenden Wirkung ihres linksgerührten Badewassers lebt. In Müllsäcken werden die toten Polen beerdigt vom bigotten Priester, in Anwesenheit des verkrüppelten Innenministers. Der geht auf Krücken und trägt den Zyankali-Ring von Goebbels; 1992 war schon einmal Wolfgang Schäuble, auch damals im Rollstuhl, Innenminister von Deutschland… Mit seinen Krücken stößt der Minister einen Rollstuhlfahrer zur Seite, wirft einen schäbigen Kranz in das Erdloch, das als Grab fungiert, und verweigert der Polizei jegliche Unterstützung im Kampf gegen die Neonazis.

 

„Terror 2000“ ist die erste Zusammenarbeit zwischen Christoph Schlingensief und Oskar Roehler, eine Zusammenarbeit, die Schlingensief im Interview auf der „United Trash“-DVD als Koprolalie bezeichnete, als das zwanghafte Ausstoßen unanständiger Wörter. Die die beiden dann zu einem Film zusammenklamüsern. Im Interview zu „Terror 2000“ schildert Schlingensief, wie der Film als Konglomerat von Themen und Ansichten (die sich gerne auch widersprechen dürfen) dazu führte, dass verschiedene Interessengruppen diesen Hass-Film ächteten: Er sei faschistisch, frauenfeindlich, staatsfeindlich, schwulenfeindlich, behindertenfeindlich – es gab sogar einen Säureanschlag auf die Filmrolle in einem Berliner Kino. Dabei bildet „Terror 2000“ nur gerecht nach dem Gießkannenprinzip den Hass und das moralische Vakuum ab, die die Gesellschaftsschichten durchdringen. Er lässt keine Instanz ungeschoren, schon gar nicht die Medien, die als „vierte Gewalt“ eigentlich das System zu korrigieren hätten.

 

Neben der ablehnenden Rezeptionshaltung gegen den Film dokumentiert das Interview auch offen Schlingensiefs Eitelkeit, wenn er sich darüber mokiert, dass „Terror 2000“ nicht wie seine anderen Filme im Forum der Berlinale hat laufen dürfen, weil plötzlich er, so Schlingensief, für alles Böse in der Welt verantwortlich war. „Der Film kann aber auch Spaß machen“, meint er, „nicht im Sinne von Ablachen, aber der kann Spaß machen im Sinne von – er gibt einem mal irgendwie das Gefühl von einer Verunsicherung, dass das tatsächlich auch stimmen könnte, was man da in einer überhöhten Form sieht.“

 

Harald Mühlbeyer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: sreenshot

 

Terror 2000 – Intensivstation Deutschland

Deutschland 1992. Regie: Christoph Schlingensief. Buch: Christoph Schlingensief, Oskar Roehler, Uli Hanisch. Kamera: Reinhard Köcher. Musik: Kambiz Giahi, Jacques Arr. Produktion: Christian Fürst.

Darsteller: Peter Kern (Inspektor Körn), Margit Carstensen (Margret), Susanne Bredehöft (Martina), Alfred Edel (Bössler), Artur Albrecht (Klausi), Brigitte Kausch (Pupilla), Dietrich Kuhlbrodt (Nazi-Führer), Udo Kier (Jablo).

Länge: 72 Minuten.

 

DVD

Anbieter: Filmgalerie 451.

[www.filmgalerie451.de]

Extras: Interview mit Christoph Schlingensief, Interview mit Oskar Roehler, Presseschau, Kinotrailer

Sprachen: Deutsch, englische Untertitel

FSK: Ab 18 Jahren

Code Free

PAL Farbe

4:3

Ton: Dolby Digital 2.0

 

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