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Terminal

 

 

Viktor allein im Terminal

 

Merhan Karimi Nassiri lebt auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Weil dem Iraner in Folge politischer Verwerfungen weder Ein- noch Ausreise erlaubt sind, harrt er seit nunmehr 16 Jahren vor der Tür des französischen Einreisegesetzes. Stoff genug, um bisher drei europäische Filme über den Gestrandeten hervorgebracht zu haben. Nun folgt die amerikanische Adaption.

 

Steven Spielberg hat mit Terminal einen Film in entfernter Anlehnung an Nassiris Schicksal geschaffen. Dass dabei keine soziologische Betrachtung des modernen Nomaden oder ein existentialisches Warten auf G. herauskommen würde, war – trotz des aussichtsreichen Untertitels „Life is waiting“ –  abzusehen. Denn auch wenn Spielberg in Interviews Anspielungen auf etwaige Theorien über den neuen melting-pot Flughafen hat fallen lassen, schwebte ihm wohl eher ein seichter Unterhaltungsfilm vor. Allein eine politische Dimension verhindert, dass seine Adaption in die Belanglosigkeit abrutscht.

 

In dieser geht es um den Osteuropäer Viktor Navorski (Tom Hanks), der bei seiner Passkontrolle am New Yorker Flughafen feststellen muss, dass sich sein fiktives Heimatland Krakozia im Bürgerkrieg befindet. Ähnlich wie im Fall Nassiri gebietet ihm die übermächtige Flughafensicherheitsbürokratie in Gestalt des glatten Karrieristen Frank Dixon (Stanley Tucci) im Terminal zu warten, wenn auch nur für komödientaugliche 10 Monate. Damit ist das Parkett für allerlei Possen und Slapstickeinlagen eröffnet: Da das Warten dramaturgisch eher uninteressant ist, hastet Navorski im Rest des Films von einer Szene zur anderen und bietet durch seine oftmals plumpe, aber stets sympathische Vorgehensweise allerlei Grund zum Lachen. Im weiteren Verlauf fehlen daher weder die verschrobenen, aber liebenswürdigen Underdogs, die Viktor in ihre Reihen aufnehmen, noch die handelsübliche Romanze mit einer Stewardess (sehr lieblos: Catherine Zeta Jones). Und natürlich gehört diesem Ensemble auch der Intimfeind an.

 

Diesen gibt Dixon und sein kategorisches „America is closed!“. Nicht nur die kleine US-Flagge an seinem Revers, zeitgenössisches Abzeichen einer Nation at war, deutet auf eine latente Kritik hin. Ebenso ist es seine Idee, dass Ärgernis Viktor notfalls mittels Auffanglager, Gefängnis oder gar FBI aus dem Weg zu räumen, die ihn als herzlosen Bürokraten auszeichnet, der im Verlauf der Handlung immer isolierter, schließlich allein vor unzähligen Überwachungsschirmen sein Scheitern einsehen muss. Dixon, so Spielberg, sei der Typ Beamter, der vor lauter Papieren den Blick für den Menschen und damit seine Humanität verloren habe. Doch bleibt alle politische Kritik der narrativen Notwendigkeit des Films unterworfen; Dixons Funktion ist hauptsächlich die des bad guy. Vor diesem Negativ ist der kleine Selfmademan Viktor umso mehr als good guy erkennbar und fügt sich damit problemlos in die naiv-optimistische Kinowelt eines Steven Spielberg. Und auch in diesem Film gibt es wieder jene berühmten Kitschszenen, wie sie für Spielberg symptomatisch sind. In der einfältigsten bringt ein kleiner, lediglich mit Besen gewappneter Inder ein ganzes Flugzeug zum Stehen. Damit ist das eigentliche Sujet des Films zusammengefasst: Alles wird gut.

 

Terminal ist eine gut inszenierte Slapstickkomödie, der wohlverdiente Wohlfühlfilm für den Feierabend, der zwar nicht im Geringsten das soziologisch hoch interessante Niemandsland Flughafen zum Thema hat, aber gelegentlich als Kritik an den zeitgenössischen USA durchgehen kann. Am deutlichsten offenbart sie sich im Ausgang des Films: Viktor, der mit einer Dose voll von Autogrammen alter Jazzlegenden, gleichsam der Vorstellung eines besseren Amerikas, gekommen war und den amerikanischen Traum en miniature durchlebt hatte – dieser Mann kehrt Americana schließlich den Rücken. Vielleicht hatte ein Polizist recht: „Sie können hier nur eines machen – einkaufen!“

 

Thomas Hajduk

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte

 

Terminal

USA 2004 - Originaltitel: The Terminal - Regie: Steven Spielberg - Darsteller: Tom Hanks, Catherine Zeta-Jones, Stanley Tucci, Chi McBride, Diego Luna, Zoë Saldana, Eddie Jones - Prädikat: wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 129 min. - Start: 7.10.2004

 

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