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Terminal

Steven Spielbergs neuer Film “The Terminal” sieht aus, als basiere er auf einem Treppenwitz, den sich gestresste Manager irgendwann in den Achtzigern, als die modernistische Obsession der Sechziger Jahre nach unbegrenzter Mobilität (die Spielberg mit “Catch me if you can” ja auch gerade erst verfilmt hat) längst zum Alptraum geraten war, gegenseitig auf Flughafen-Toiletten erzählt haben. Bei Spielberg bekommt der alte Kalauer auch nochmal einen Einsatz, aber er ist gar nicht mehr witzig. Ob er sich nicht manchmal vorkomme, als würde er auf einem Flughafen leben, fragt ein Geschäftsreisender Tom Hanks beim Rasieren auf der Männertoilette, und der kann sich als Antwort nur noch ein verständnisloses Jacques Tati-Gesicht abringen.

 

“The Terminal”, der neueste Streifen aus der Steven Spielberg-Mythenfabrik, basiert aber noch auf einem anderen “Witz”; der wahren Geschichte des Iraners Merhan Karimi Nassiris, der seit fünfzehn Jahren im Terminal 1 des Pariser Flughafens Charles de Gaulle lebt, weil Frankreich ihm die Einreise nicht gestattet, und er den Asyl-Status, den die belgische Regierung ihm vor Jahren gewährte, als inakzeptabel abgelehnt hat. Es ist eine komplizierte Geschichte aus einer Zeit, lange bevor Europa Festung sein wollte oder Politiker öffentlich über Auffanglager in Nordafrika nachdachten. Und ähnlich komplex sind auch die bürokratischen Schlupflöcher, die bis heute verhindern, dass die französische Regierung Nassiri einfach wieder aus dem Land schmeißt. Spielberg hat daraus einen Film gemacht, der seine Geschichte  konsequent an jeglichen politischen Realitäten vorbei erzählt.

 

Spielbergs Ahnungslosigkeit im Umgang mit politischen Themen (“Die Farbe Lila”, “Minority Report”, “Saving Private Ryan”) ist hinreichend kritisiert worden, doch nie war sie so frappierend. Er muss seine Filme auf einem weit entfernten Planeten drehen, anders ist solch eine Weltfremdheit nicht zu erklären. Spielbergs Amerika ist im Jahr 2004 immer noch ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das Einwanderungstraumland der Gründerväter, in dem jeder es zu etwas bringen kann, wenn er nur eine Vision hat. Auch wenn der Beamte der Einwanderungsbehörde Hanks gleich am Anfang die Tür vor der Nase zuschlägt: “America is closed!”

 

Hanks spielt Viktor Navorski, Reisender aus einem fiktiven osteuropäischen Zwergstaat, der bei seiner Landung auf dem New Yorker John F. Kennedy Airport erfahren muss, dass in seinem Land gerade ein Militärputsch stattgefunden hat. Stanley Tucci als Sicherheitschef Frank Dixon erklärt einem radebrechenden Hanks, dass er nicht in sein Land zurück könne, und die amerikanische Regierung sein Visum nicht mehr akzeptiere, weil sie keine diplomatischen Beziehungen zum neuen Regime seines Landes unterhalte. Es stehe ihm aber frei, sich auf dem Flughafengelände aufzuhalten, solange er die Einreisevorschriften nicht verletze. Der Sadismus dieser verkorksten Immigrationspolitik spricht boshaft aus Tuccis Figur: “Welcome to the US – almost!”

 

Interessant an “The Terminal” ist, dass eine Ahnung von Post-9/11-Trauma noch in Nebensätzen und szenischen Details latent spürbar ist. Einmal wird eine Glastür durchschritten, und die Kamera bleibt kurz auf dem Logo des Departments of Homeland Security hängen. Später im Film sagt Dixon über den Heimatlosen Navorski, dass Amerika schon so viele Leute ins Gefängnis gesteckt habe, dass da einfach kein Platz mehr sei. Aber Spielberg beweist eine enorme Verdrängungsleistung. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Film mit seinem grenzenlosen Gutmenschentum eine fast psychopathologische Qualität. Spielberg ist der Regierungstreue zweifellos unverdächtig,

doch seine Ignoranz der politischen Zustände zeugen von einer geradezu sträflichen Naivität. Zudem ist Tom Hanks wieder in Forrest Gump-Modus. Bei Spielberg müssen die Menschen erst wieder zu Kleinkindern regredieren, um sich mit den Verhältnissen arrangieren zu können.

 

Dabei ist Hanks Figur gar nicht einmal so uninteressant. Im reibungslosen Getriebe der Abschiebungsmaschinerie ist er ein Fremdkörper, ein passiver Saboteur wie Melvilles Bartleby, der sich dem System durch seine Weigerung, den Flughafen nicht zu verlassen, widersetzt - und es damit zum Stocken bringt. Viktor Navorski ist ein bürokratischer Albtraum. So bleibt die Gastfreundlichkeit des Sicherheitspparats nur von kurzer Dauer. Der Sicherheits-Chef will seinen unliebsamen Gast möglichst schnell wieder aus seinem Zuständigkeitsbereich entfernen, verfügt jedoch über keine rechtliche Handhabe.

 

Die Starrsinnigkeit Navorskis ist allerdings nicht viel mehr als ein unvermeidliches Spielberg-Produkt humanistischen Pathos’, das nichts mit der ehrlichen Entrüstung des realen Vorbilds Nassiri zu tun hat. Dessen Ablehnung des Gnadenasyls, das Belgien ihm angeboten hatte, war noch ein passiver Protest gegen die europäische Immigrationspolitik, die immer mehr Bürger ohne Status hervorbringt. Spielberg dagegen spielt in “The Terminal” die Verwaltungs- und Abschiebepraktiken der Immigrationsbehörden launisch-slapstickhaft durch, ohne ihre Problematik zu erfassen. Am Ende ist es fast zum Verzweifeln: Das Material liegt offen da, der Jargon, die Methoden, das Szenario, und Spielberg zeigt sich nicht in der Lage, die Punkte zu einem kohärenten Bild zu verbinden.

 

So wird der Flughafenterminal für Viktor Narvorski zu einer Spielwiese des “American Dream”. Auf die Frage, was er denn nun machen solle, entgegnet ihm ein Sicherheitsbeamter: “Es gibt hier nur eine Sache, die sie tun können: Einkaufen”. Doch zum Einkaufen fehlt ihm das Geld. Und ein Mensch ohne Geld ist in einem Milieu, dessen einziger Sinn der Warenverkehr ist, ein Paradoxon. Navorski macht das Beste draus: Seine Mahlzeiten finanziert er sich mit dem Pfand für die Gepäckwagen, sein Lager errichtet er in einem abgelegten Flügel des Terminals (das erste, was er tut, ist die unerträgliche Muzak abzustellen, die pausenlos aus den Flughafenlautsprechern quillt) und verbündet sich mit den anderen Un-Personen, die täglich unsichtbar über den Flughafen geistern: das Servicepersonal. Eine indische Reinigungskraft, ein mexikanischer Catering-Boy und ein Frachtangestellter - eine klandestine Pokergemeinschaft - sollen in “The Terminal” den Solidaritätskontrakt des Melting Pots erfüllen, auf den Spielberg so verzweifelt vertraut.

 

Aber dann wird es ganz schnell banal. Kann man die erste Hälfte des Films noch mit viel gutem Willen als Variation von Jacques Tatis viel intelligenteren Modernismus-Satiren verstehen (Narvorskis Terminal ist eine einzige, unglaublich detailreiche Kulisse, die sehr clever ein Gefühl von Klaustrophobie und Konsumterror herstellt), verkommt der zweite Teil zu einer billigen Melange aus Seifenoper und Sitcom. Catherine Zeta-Jones erregt als herzgebrochene Stewardess (auch Stewardessen gehören zum Inventar eines Flughafens, aber sie sind im Gedränge viel auffälliger als Spielbergs Blue Collar-Servicekräfte) das Interesse Narvoskis. Ihre Rolle beansprucht kein allzu großes Talent, aber es geht in “The Terminal” sowieso hauptsächlich um Hanks idiotischen Volkshelden, der sich im Flughafen-Untergrund langsam den Ruf einer Legende á la Tom Joad verdient.

 

Womit Spielbergs intaktes Amerika-Bild auch wieder hergestellt ist. “The Terminal” funktioniert aber noch ganz anders als jüngere amerikanische Propagandafilme vom Schlage “Black Hawk Down”. Der Film verhält sich sozusagen komplementär – zum Amerika-Bild, wie es derzeit noch im reaktionären Hollywood-Umfeld generiert wird, und zur politischen Realität. Er ist eine Utopie, per se ja nichts Schlechtes. Ein zutiefst schlechtes Gewissen spricht aus Spielbergs Film, aber sein Versuch, von einem besseren, dem wahren Amerika zu erzählen, scheitert mit “The Terminal” grandios. Denn das Bild, das er präsentiert, ist grundlegend schief. Flughäfen sind heute längst nicht mehr das Tor zur Welt. Im Gegenteil endet für viele Ankommende die Reise bereits hier.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte

 

Terminal

USA 2004 - Originaltitel: The Terminal - Regie: Steven Spielberg - Darsteller: Tom Hanks, Catherine Zeta-Jones, Stanley Tucci, Chi McBride, Diego Luna, Zoë Saldana, Eddie Jones - Prädikat: wertvoll - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 129 min. - Start: 7.10.2004

 

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