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Tanz der Teufel

 

 

 

 

Ash fährt mit ein paar Freunden in ein abgelegenes Haus in den Wald. Dort wollen sie einige nette Tage verbringen. Dort angekommen passieren einige mysteriöse Dinge, die sie alsbald dem Keller als Ursprung zuschreiben. Während der Suche im Keller stoßen sie auf ein Tombandgerät, welches einem Forscher gehörte, der sich zu Forschungszwecken in das abgelegene Haus zurückgezogen hatte. Als sie das Band abspielen, werden durch die Beschwörungsformel des Forschers – durch die er selber vor einiger Zeit auch umkam – die bösen Geister erneut geweckt. Es dauert nicht lange und die Freunde sehen sich von blutrünstigen Dämoneninkarnationen bedroht, was nun zählt ist, die Nacht zu überleben.

 

Wie auch Peter Jackson (“Braindead“ [Neuseeland, 1992], “Herr der Ringe“ [Neuseeland/USA, 2001-2003]), so hat auch Sam Raimi (“Darkman“ [USA, 1990], “Spider-Man“ [USA, 2002]) neben seinen Blockbustern eine dunkle Vergangenheit, in der einige sehr interessante Werke entstanden, die so ganz und gar nicht mit seinen aktuellen Filmen zu vergleichen sind. War es bei Peter Jackson hauptsächlich der Film “Braindead“, mit dem er berühmt und auch berüchtigt wurde, so avancierte Sam Raimi durch seinen vom Amtsgericht München seit dem 02.07.1984 in Deutschland beschlagnahmten “Tanz der Teufel“ (Originaltitel “The Evil Dead“) zum Kultregisseur und begeisterte durch dieses Werk Massen von Fans bis heute. Betonen muss man hier allerdings auch, dass nicht nur Deutschland ein Problem mit diesem Film hatte. Des weiteren ist er auch in Finnland, Island und Irland verboten worden. Wie fast jedes B-Movie hat “The Evil Dead“, der übrigens bis kurz vor einer professionellen Auswertung noch unter dem Titel “Book of the Dead“ lief, dann aber durch Anregung von Irvin Shapiro aus Gründen der Vermarktung in “The Evil Dead“ umgetauft wurde, eine sehr interessante Vorgeschichte, in der es um Sponsoren, Darsteller und die Planung geht. Das nötige Geld verschaffte sich das anfänglich kleine Team, bestehend aus Sam Raimi, Bruce Campbell und Rob Tapert, durch ihren sogenannten „Prototypen“ “Within the Woods“. Dieser etwa 32-minütige Kurzfilm sollte zeigen, was sie in etwa planten und Sponsoren anlocken. Im Zuge dieses Films warben Sam Raimi und Rob Tapert auch den später noch beteiligten Special Effects-Mann Tom Sullivan an, der sich für die blutigen Effekte in “Within the Woods“ und später auch “The Evil Dead“ verantwortlich zeichnete. Ellen Sandweiss, die auch später im eigentlichen Film “The Evil Dead“ mitspielen sollte, als weibliches Opfer und Bruce Campbell als ihr später besessener Freund, waren die Stars des Vorläufers. Mit einer positiven Kritik Michael McWilliams, der für die Zeitung Detroit News schrieb, machten sie sich auf Sponsorenfang und fanden ihren ersten wichtigen Sponsor völlig unverhofft in der Fotoabteilung eines Supermarktes. Durch Mundpropaganda fanden sich dann immer mehr, bis der Dreh schließlich mit einem Anfangsbudget von 85.000 US-Dollar beginnen konnte. Das Vorhaben, den Film in Super 8-Format zu drehen und ihn dann auf 35mm zu vergrößern, verwarfen sie zum Glück schnell wieder, nachdem sich in einigen Tests herausgestellt hatte, dass die Bildqualität nicht zufriedenstellend war. Nachdem sich dann allerdings auch die Sponsoren gefunden hatten, entschlossen sie sich zu einem Mittelweg, einem Format von 16mm, das sie dann später für eine Kinoauswertung auf 35mm vergrößerten.

 

Sam Raimi arbeitet in "Tanz der Teufel" mit einfachsten Stilmitteln, um die nervenaufreibende Atmosphäre zu kreieren. Geld für besonders ausgefeilte und technisch hochgradige Spezialeffekte hätte er auch gar nicht gehabt. So einfach die Mittel allerdings auch sein mögen, so wirkungsvoll sind sie dann aber auch. Sam Raimi ist ein sehr aufs Visuelle orientierter Regisseur und das merkt man in fast jeder Szene des Films. Was andere Regisseure versuchen, mit einer Menge Spezialeffekte zu kreieren, schafft Raimi lediglich mit der bloßen Aussagekraft seiner Bilder. So wird dem Zuschauer direkt am Anfang ein kleines Appetithäppchen präsentiert, in dem Raimi zeigt, was ihn so erwartet. Eine Kamerafahrt durch den Wald, welche die Bewegung eines Wesens aus einer anderen Welt demonstrieren soll, das über den Waldboden, kleinen Tümpeln und zwischen Bäumen herzufliegen scheint und unbeirrt auf sein Ziel zusteuert. Die Aufnahme, in der sich das Wesen über den kleinen Tümpel bewegt, wurde übrigens von Sam Raimi in einem Gummiboot aufgenommen, das er von Bruce Campbell anschieben ließ, während er mit der Kamera über das Wasser und verfaulendes Geäst glitt. Diese fast schon schwindelerregenden Kamerafahrten sind es, die – so unspektakulär sie sich in ihrer Beschreibung auch anhören mögen – einen Großteil der Atmosphäre ausmachen. Gerade mitunter durch die Kamerafahrten wird die Spannung auf den Höhepunkt getrieben, wenn sich Ash (gespielt von Bruce Campbell) im Haus verschanzt, während der böse Geist außerhalb des Hauses umherrast. Das Spektakuläre an den Kamerafahrten und – einstellungen ist begründet in den Eigenkonstruktionen, die speziell für diesen Film vom Team entwickelt wurden. Not macht erfinderisch und im Falle von Sam Raimi und seinem Team war es die Geldnot, die sie dazu zwang ihre Lösungen selbst zu konstruieren. Um weichere Bewegungen in die Kamerafahrten und -bewegungen zu bekommen, wurde die vom Team liebevoll „Vas-O-Cam“ genannte Konstruktion entwickelt. Diese bestand aus einem Brett, welches auf zwei Zweibeinen stehend mit Vaseline eingeschmiert wurde. Die Kamera wurde auf ein passendes U-förmiges Holzstück gesetzt und konnte dann wesentlich weicher über das Brett fahren, als es für die Crew bis dahin anders möglich gewesen wäre, bis dato nämlich auf einem einfachen Drehstuhl. Dann gab es noch die „Shaky Cam“, eine Low-Budget Version der „Steadi Cam“. Diese bestand lediglich aus einer auf einem normalen Brett befestigten Kamera. Der Kameramann griff sich das Brett an beiden Seiten und rannte damit los, wodurch die Sicht des bösen Wesens simuliert wurde, welches durch die Wälder fegt. Dieser Effekt ist bis heute einer der atmosphärischsten im Film.

 

Auch der übrige Einsatz der Kamera ist gut gelungen und äußerst innovativ. Neben den eben genannten Konstruktionen bediente sich Sam Raimi auch besonderer Aufnahmetechniken und (ganz besonders) –winkeln. So filmte er teilweise in 45, 90 oder gar 180° Winkeln über Kopf oder anderen recht ungewöhnlichen Perspektiven oder jedes Bild einzeln, um die Bewegungen weicher und präziser zu gestalten. Sam Raimi filmte in fast jedem nur denkbaren Winkel und aus fast jeder nur denkbaren Position, was zu der horriblen und sehr pessimistisch wirkenden Grundstimmung deutlich beiträgt. Die Kameraeinstellungen verdeutlichen in diesem Sinne an vielen Stellen den Wahnsinn, der Ash oder die anderen Darsteller langsam befällt, sofern sie noch nicht getötet wurden. Je näher der Film zu seinem Ende kommt, desto öfter trifft man auf die beschriebenen Einstellungen. Sam Raimi hat besonders die Fenster und Türen in diesen unnormalen Gradaufnahmen abgefilmt und suggeriert unter zu Hilfenahme zahlreicher Licht- und Schatteneffekte, dass das Haus selber ein Teil des Bösen ist – dass in ihm sozusagen der Wahnsinn haust. Wenn Raimi die Gänge und Türen verdreht aufnimmt, könnte man sogar fast meinen, man befände sich in einem „Madhouse“ eines Jahrmarktes und der Begriff trifft es eigentlich sogar ganz gut. Wäre der Film mit „Madhouse“ betitelt worden, so hätte dieser Name wohl nicht minder zur gezeigten Szenerie gepasst wie “The Evil Dead“.

 

Ein anderes Stilmittel, das er benutzte, sind Nahaufnahmen von den Gesichtern der Protagonisten und zwar so nah, dass man fast jede einzelne Pore erkennen kann. Dieser Filmeffekt wirkt sich auf den psychologischen Aspekt des Films aus. Die Nahaufnahmen verdeutlichen dem Zuschauer den Horror und bringen ihm den Schrecken viel näher, als es viele andere Horrorfilme jemals geschafft haben und dokumentieren darüber hinaus den Wahnsinn, dem die Darsteller langsam aber sicher anheim fallen.

 

Das Haus, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt, wurde sehr gut ausgewählt und kann seinen Charme innerhalb des Filmes voll entfalten. Die kleine Hütte wurde in einem Waldstück im Örtchen Morristown, Tennessee (ca. 40 Meilen nordöstlich von Knoxville gelegen) erst einen Tag vor Drehbeginn am 13. November 1979 entdeckt. Nebenbei hat sie auch eine kleine Geschichte, die sich aber erst später offenbarte. In den 30er Jahren soll ein Mädchen namens Clara mit ihrer Familie dort gewohnt haben. Als eines Nachts ein starker Gewittersturm durch das Tal fegte, wurden ihre Eltern auf brutale und unerklärliche Weise ermordet. Seither lief Clara bei jedem starken Sturm vom örtlichen Altersheim zur Hütte, um nach ihren Eltern zu sehen. Einige Tage vor Drehbeginn wurde sie in den Hügeln hinter der Hütte aufgefunden. Das Problematische an dem sehr charismatischen Häuschen war allerdings, dass es nicht in dem Zustand war, in dem man es hätte gebrauchen können. Die Hütte hatte weder Strom, noch fließend Wasser, keinen Telefonanschluss oder gar Türen. Hinzu kamen viel zu kleine Räume und eine klaustrophobisch niedrige Decke. Bevor gedreht werden konnte, erforderte es eine Menge Arbeit, die Hütte herzurichten. Da allerdings so schnell wie möglich gedreht werden musste, beschäftigte sich ein Teil des Teams mit Außenaufnahmen, während der ganze Rest (inklusive der Darsteller) das Haus präparierte. Es wurden Wände herausgeschlagen, Decken erhöht, eine Falltür inklusive des dazugehörigen Kellers teilweise ausgehöhlt (wirklich reingepasst hätte dort niemand, die im Film gezeigten Kellerszenen wurden im Haus der Taperts in Marshall, Michigan über einen Zeitraum von 2 Wochen aufgenommen) und Jahre von Tapetenresten in Form von alten Zeitungen von den Wänden gekratzt. Das Klaustrophobische des Hauses kann der Zuschauer immer noch spüren, wenn Ash durch die engen Gänge und Zimmer gejagt wird, es kaum einen Fluchtweg gibt und er von Dämonenwesen in den vier Wänden eingekesselt wird. Eine kleine Anekdote gibt es noch zu dem im Keller hängenden halb abgerissenen Poster von Wes Cravens Klassiker "The Hills Have Eyes" (USA, 1977). Sam Raimi sah diesen Film und ihm fiel ein halb abgerissenes Poster eines weißen Hais auf, das er als Anspielung auf Steven Spielbergs "Jaws" ("Der weiße Hai", USA, 1975) ansah. Auch Wes Craven bestätigte in einem Kommentar zu dieser Szene, dass es sich wirklich um ein „Jaws“-Poster handelte, nur schweigt dieser sich leider zu dessen Intention aus. Raimi interpretierte diese Szene, als wolle Wes Craven sagen, dass "Der weiße Hai" zwar ein netter Film wäre, aber "The Hills Have Eyes" der wahre Horror ist. Und so entschied sich Sam Raimi für eine sehr ähnliche Anspielung, hängte ein "The Hills Have Eyes"-Poster in den Keller der einsamen Hütte und deutete damit an, dass Wes Cravens "The Hills Have Eyes" zwar auch ein netter Gruselfilm sein, "The Evil Dead" aber den wahren Horror präsentieren würde. Wobei Raimi dies nicht wirklich ernst meinte, war er doch ein großer Fan von Cravens Horrorklassiker.

 

Wer sich mit den Klassikern Wes Cravens beschäftigt hat, dem wird aufgefallen sein, dass dieser Sam Raimi in seinem Film "A Nightmare On Elmstreet" (USA, 1984) eine Retourkutsche gab, als in einem kleinen Fernseher, während einer Szene mit Hauptdarstellerin Heather Langenkamp kurz ein Ausschnitt von "The Evil Dead" zu sehen ist. Wer sich diese Szenen genau anschaut, wird feststellen, dass Wes Craven wohl nicht unbeabsichtigt Ausschnitte gewählt hat, die in Raimis ganz besonderem Stil (in verschiedenen Gradwinkeln) aufgenommen wurden. Auch Wes Craven schien diese Szenen als Ausdruck des Horrors, den "The Evil Dead" verbreitet, zu interpretieren. Dies ließ Raimi wiederum allerdings auch nicht auf sich beruhen und hängte in seinem Sequel "The Evil Dead 2" (USA, 1987) eine Replika des Messerhandschuhs Freddy Kruegers aus "A Nightmare on Elmstreet" an eine Wand im Keller. Die Hütte ist übrigens irgendwann im Jahre 1980 niedergebrannt. Lediglich die Feuerstelle blieb erhalten und wurde zu einem öffentlichen und kostenlosen Fanshop für die Die-Hard-Fans, die es schafften, herauszubekommen, wo das Häuschen wirklich stand. Die Außenaufnahmen (besonders nachts) wurden in ihrer Intensität durch eine Nebelmaschine verstärkt. Dieser Nebel, der nachts geradezu aus dem Boden herausgetrieben wird, symbolisiert zum Einen das Erscheinen und Erwachen des Bösen (genauso schnell, wie er entstanden ist, verzieht er sich auch wieder, wenn der Morgen dämmert) und lässt den ganzen Wald als ein unheilvolles und mystisches Gebilde erscheinen. Man hat fast den Anschein, es würde ein Zauberwald präsentiert, der des Nachts seine magischen Kräfte entfaltet.

 

Die von Tom Sullivan eingesetzten Spezialeffekte können durchweg überzeugen und bieten gerade im Amateurbereich einen ungewohnt hohen Qualitätsstandard. Die Masken und Körper der Dämonen sehen alle ziemlich gruselig und schreckenerregend aus. Insbesondere die großen, weißen Augen sind besonders hervorzuheben, die dem Zuschauer immer wieder – selbst bei mehrmaligem Ansehen – ins Auge stechen. Diese waren eigentlich Scolero-Kontaktlinsen aus Glas(!) mit einer Größe von etwa 2/3(!) des Auges. Da sie aus Glas bestanden, konnten die Augen darunter nicht atmen und so waren sie nur maximal 15 Minuten tragbar, wovon schon 10 Minuten alleine für das Einsetzen benötigt wurden. Qualität hatte in diesem Fall ihren Preis. Denn so gut und grauenhaft die Kontaktlinsen im fertigen Film auch wirken, soviel Qualen mussten die Darsteller auch erleiden, um mit ihnen zu spielen. Auch die Körperteile und Anzüge für die Schauspieler waren ähnlich beschwerlich, aber gutaussehend. So wurde der flüssige Gips direkt auf die mit Vaseline eingeriebene Haut gekippt, was die unerwarteten Nebeneffekte einer mobilen Sauna und einer Enthaarung beim Ablegen der Körperteile hatte. Im Großen und Ganzen bestanden die Strapazen der Akteure aus wunden Körperteilen, aufgrund der extremen Hitze, die sich unter den Gipsteilen bildete und der Enthaarung beim Ablegen des gehärteten Gips (die Darsteller konnten unter den Gipsabdrücken keine Kleidung tragen), sowie extrem angespannter Augen, resultierend aus unzähligen Versuchen, die Scolero-Kontaktlinsen zu tragen. Auch vor weiteren Torturen waren die Darsteller nicht gefeit. So mussten sich Rob Tapert und Theresa Seyferth stundenlang und unter Krämpfen unter den Fußboden zwängen, Ellen Sandweiss musste des Nachts nur mit Nachthemd und Slip bekleidet bei 40 Grad Fahrenheit durch die Büsche rennen, Betsy Baker sollte in einer anderen Szene eine milchige Flüssigkeit spucken, wenn Sam Raimi ihr einen Holzpflock zwar nicht mit voller Wucht, aber doch schmerzhaft auf den Schädel trümmert.

 

Kombiniert mit den derben und sehr gut in Szene gesetzten Bluteffekten Sullivans schufen sie ein sehr kontroverses Werk, welches allerdings mehr unter dem Motto des Spaßes stand, als unter dem der Gewaltpornographie. Der gute Rat des Filmvorführers Andy Graiger der Butterfield Kinos in Detroit, „Freunde, egal was ihr macht, das Blut muss ständig den Bildschirm runterlaufen“, wird wohl nicht unwesentlich zum Blutgehalt beigetragen haben. Leider haben die deutschen Zensoren das Motto anscheinend gar nicht oder eben falsch verstanden und verbannten das Werk kurzer Hand in seiner ursprünglichen Fassung vom deutschen Videomarkt. Nach zahlreichen Rechtsstreitigkeiten durfte dann doch noch eine um knapp 45 Sekunden gekürzte Fassung auf den Markt gebracht werden, die zwar in ihren Gewaltszenen fast völlig kastriert wurde, die Atmosphäre des Films aber dennoch so vermittelt, wie sie in der ungeschnittenen Fassung angedacht war. So gibt es gleich eine ganze Reihe spektakulärer Szenen, die sich in ihrer Inszenierung überraschend simpel gestalteten, in ihrer Wirkung allerdings noch heute zu beeindrucken wissen. Die wohl berüchtigste Szene des Films ist wohl die, in der die von einem Dämon besessene Shelly von ihrem Freund mit einer Axt in Stücke gehakt wird. Da Sam Raimi von vornherein nicht geplant hatte, irgendwelche Regeln der MPAA einzuhalten, war das Problem des Ratings sowieso von Anfang an auszuschließen. Der Film wurde der MPAA gar nicht erst vorgelegt und galt somit von vornherein sowieso als "unrated". Um diese Szene zu verwirklichen, legte sich Theresa Seyferth (aka Shelly) einfach teilweise unter den Holzboden. Ein Loch im Boden gab ihr dann die Möglichkeit ihren Kopf hindurchzustecken. Rob Tapert übernahm die Aufgaben ihres abgehackten Armes und Beines. Dazu musste er sich ebenfalls unter den Fußboden zwängen, nur dass bei ihm lediglich ein Arm und ein Bein zum Vorschein kamen.

 

Gerade die grandios in Szene gesetzten Bluteffekte Sullivans sind es, die den Film zum einen zum absoluten Kultfilm avancieren ließen, die Atmosphäre des Films allerdings auch in seiner Ausweglosigkeit wesentlich bestärken. Ist der Zuschauer schon durch die klaustrophobische Wirkung und Einsamkeit des Drehortes davon überzeugt, dass es für den Filmhelden Ash vermutlich keinen Ausweg gibt, so wird er durch die Brutalität und Grausamkeit der Dämonen noch darin bestärkt, Ash alle Hilflosigkeit der Welt gegenüber den Feinden zu attestieren. Im Grunde wird es im Film auch so praktiziert, wie der Zuschauer es erwartet. Ash entkommt den finsteren Dämonen nur durch Verstecken oder Weglaufen. Eine direkte Konfrontation scheint schon von vornherein keinen Sinn zu ergeben und mit großer Wahrscheinlichkeit im Tode des Protagonisten zu enden.

 

Die Ausweglosigkeit und die Unmöglichkeit des Entkommens werden schon von vornherein im Film vermittelt. Ganz zu Anfang schon dadurch, dass der Zuschauer wahrnimmt, mit welcher Geschwindigkeit das unbekannte Böse durch den Wald hindurchfegt, als es auf den Wagen der fünf Freunde zusteuert. Auch die späteren Kamerafahrten lassen Gewahr werden, dass Weglaufen keine Lösung ist, denn der Geist ist schneller. Im Verlauf des Films wird den Gefangenen der Hütte dann auch noch der Fluchtweg mit dem Auto abgeschnitten, indem die Brücke zerstört wird. Der später im Keller gefangen gehaltene Dämon symbolisiert die Allgegenwärtigkeit des Bösen und verdeutlicht ganz unverblümt, dass es kein Entrinnen geben kann. Das kleine Grüppchen wird sozusagen unterminiert und nach und nach ausgelöscht. Sam Raimis (der neben Regisseur auch gleichzeitig Drehbuchautor war) Grundkonzept ist dabei so wirkungsvoll wie simpel. Wer nicht von einem Dämon besessen ist, wird von einem gejagt, wer nicht direkt getötet wird, wird irgendwann gefangen und wünscht sich dann, direkt getötet worden zu sein, wer getötet wird, kommt zurück als unaufhaltbares Monster und jagt die Nichtbesessenen. Ein wortwörtlicher Teufelskreis ...

 

Der einzige Spezialeffekt, den das Team nicht alleine meistern konnte, war die grandiose Abschlusssequenz, in der die von Dämonen besessenen Darsteller (Scotty und Shelly) förmlich zerfließen. Die Idee zu dieser Sequenz kam von Raimi persönlich, der sich für das Ende eine Art „Burner“ wünschte, eine Abschlusszene, nach der dem Publikum der Mund offen stehen würde. Für diese Szenen zeichnete sich der Effektmeister Bart Pierce in Zusammenarbeit mit Tom Sullivan verantwortlich, die alleine 3 Monate an Animationsaufnahmen verschlang.

 

Mit der detailreichen Sounduntermalung sind die von Raimi in fast künstlerischer Ästhetik gedrehten Szenen die heimlichen Höhepunkte des Films. So gibt es z.B. eine Aufnahme, in der die Kamera über den Dachbalken herfährt, unter denen sich Ash durch das Häuschen bewegt. Mit jedem vorbeirauschenden Balken ertönt ein kleines „Whap“-Geräusch, welches inszenatorisch gesehen den Spannungsbogen äußerst strapaziert. Dieses Zusammenspiel von außergewöhnlichen Einstellungen und die darüber gelegten Soundeffekte fallen auch schon am Anfang des Films auf. Als Ash und seine Freunde mit dem Auto anreisen, hämmert eine an Ketten unter dem Vordach des Hauses befestigte Bank wie von Geisterhand angestoßen in rhythmischem Takt gegen die Hauswand. In dem Moment, als Scotty den Schlüssel des Vordereingangs in die Hand nimmt, bleibt die Bank, als hielte sie jemand fest, stehen. Während dieser Szene filmte Raimi Scotty von allen möglichen Positionen, während derer das Hämmern der Bank durchweg im Gehörgang des Zuschauer schallt. Diese Szene wirkt, als würde die Gruppe in eine fremde Welt eindringen, als hätten sie die Stille und Einsamkeit in diesem Moment für immer gebrochen. Auch während der Waldfahrten aus der Sicht des bösen Geistes ertönt eine Musikuntermalung, die sich in einem anhaltenden, permanenten Surren äußert und je nach Geschwindigkeit des Wesens die Tonlage etwas anhebt oder absenkt, die den Zuschauer stets darauf warten lässt, dass die Spannung Überhand nimmt und ihn darauf hoffen lässt, dass endlich etwas passiert, um den Blick wieder ungestört auf das Geschehen konzentrieren zu können.

 

Die Darsteller können trotz ihres Amateurstatus überzeugen und sind, genauso wie der Drehort, Opfer der Umstände. Auf der Suche nach den richtigen Darstellern musste das Team schnell feststellen, dass die meisten Schauspieler in der Gewerkschaft waren und sie sich diese deshalb aufgrund finanzieller Mittel nicht leisten konnten. Also war die Devise, Darsteller zu finden, die (noch) keine Mitglieder der Gewerkschaft waren. Nach einem Schrei-Casting Anfang Oktober 1979 standen die Darsteller dann fest. Bruce Campbell spielt Ashley „Ash“ J. Williams, den er auch noch in den zwei Sequels "Evil Dead 2" (deutscher Videotitel: "Tanz der Teufel 2") und "Army of Darkness" (deutscher Kino- und Videotitel: "Armee der Finsternis") mit Erfolg mimen durfte, Ellen Sandweiss war schon aufgrund ihrer langen Freundschaft und ihrem vorherigen Auftritt in "Within the Woods" von vornherein eingeplant und übernimmt die Rolle der Cheryl, Betsy Baker mimt Linda und ihr damaliger Freund Rich Demanincor, der im Film unter dem Künstlernamen Hal Delrich (eine Kombination seiner zweier derzeitigen Mitbewohnern Hal und Del) auch den Part des Freundes im Film übernimmt und Teresa Seyferth, die aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der Gewerkschaft versuchte, unter Künstlernamen wie Theresa Tilly oder Sarah York unerkannt zu bleiben, später allerdings entlarvt und aus der Gewerkschaft geschmissen wurde, als Shelly. Alle Darsteller arbeiteten für einen Wochenlohn von 100 US-Dollar, was im Gegensatz zu heute wohl nicht mehr machbar wäre.

 

Etwas genauer hervorzuheben wäre eigentlich nur Bruce Campbell, da er der einzige der Darsteller ist, der sich im Laufe des Films nicht in einen Dämon verwandelt und deswegen eben nicht irgendwann unter einer Gipsmaske verschwindet. Bruce Campbell spielt seine Rolle allerdings ganz hervorragend und kreiert, zum damaligen Zeitpunkt mit Sicherheit noch unbewusst und unbeabsichtigt, eine Kultfigur des Horrorfilms, der er neben viel Berühmtheit auch eine Menge Kopfzerbrechen zu verdanken hat. Die Gestik und Mimik Campbells ist im ersten Werk noch nicht so sarkastisch und komödiantisch ausgearbeitet, wie in den beiden Nachfolgefilmen (insbesondere im dritten Teil), was die Figur von Anfang an etwas menschlicher erscheinen lässt, zu der man somit einen besseren Zugang hat und die nicht den Superhelden-Status für sich in Anspruch nimmt. Man kann sich im ersten Teil einfach mit Ash identifizieren, weil das, was er tut und erleidet einfach realistischer ist, als seine Ein-Mann-Gegen-Eine-Armee Nummer in den Nachfolgefilmen. Bruce Campbell sagt selber, dass er sich in Folge der ersten beiden Teile von einem feigen Schwächling ("Tanz der Teufel 1") zu einem willensstarken Anführer ("Tanz der Teufel 2") entwickelte. Kombiniert mit den außergewöhnlichen Kameraeinstellungen, die das Gefühl des voranschreitenden Wahnsinns verstärken, wirkt die Verwicklung Ashs in die ganze Szenerie umso schicksalhafter und sinnloser. Und wirklich ist Ash den gesamten Film über ein Opfer, welches sich nur mit Mühe und Not – meist nur durch Verstecken und Wegrennen, was die Opferrolle noch bekräftigt – den Dämonenattacken erwehren kann und gegen Ende des Films dann doch dem unbekannten Bösen zum Opfer fällt.

 

Interessant zu erwähnen ist vielleicht auch noch, dass es in den Credits des Films eine eigene Kategorie für die sogenannten „Fake Shemps“ gibt. Dieser Umstand begründet sich darin, dass die Dreharbeiten länger dauerten als geplant. Da viele Mitglieder des Teams wieder zurück zur Schule mussten oder ganz einfach keine Lust mehr hatten, wurden viele Szenen mit Darstellern gedreht, die vorgaben jemand anderes zu sein. Allerdings ist Sam Raimi der Einsatz der fake Shemps relativ gut gelungen und nicht so leicht zu entlarven, wie bei der Entstehung des Begriffs. Der Begriff stammt von dem Charakter Shemp aus den Three Stooges. Shemp erlitt eines Tages eine Herzattacke. Da aber noch Szenen gedreht werden mussten, setzte man ganz einfach einen Schauspieler ein, der Shemp spielen sollte. Da dies aber wohl sehr offensichtlich war, wurde der Schauspieler als ein fake (engl. Wort für Fälschung) von Shemp enttarnt. Danach gab es das Wort "fake shemp" im Sprachsatz jeden Regisseurs...

 

Einen eigenen Abschnitt widme ich auch den Einflüssen, die Sam Raimi zu seinem letztendlich entstandenem Werk inspirierten und ohne die "The Evil Dead" entweder gar nicht erst entstanden oder nicht das geworden wäre, was er heute ist. Als erstes wäre vielleicht Wes Cravens "The Hills Have Eyes" (USA, 1977), zu deutsch "Hügel der blutigen Augen", der eine kleine Ehrung bekommt, indem Sam Raimi ein halb abgerissenes Poster des Films in den Keller hängt, zu nennen. Seine Intention ist natürlich zuallererst auf das "Jaws"-Poster in "The Hills Have Eyes" bezogen, bei der Kommentierung dieser Szene spricht Sam Raimi allerdings von einem großartigen Horrorklassiker und es ist anzunehmen, dass ihn der Wahnsinn aus "The Hills Have Eyes" ein wenig bei seinem Schaffen beeinflusst hat. Der größte Einfluss war natürlich George A. Romeros "Night of the living Dead" (USA, 1968), zu deutsch "Die Nacht der lebenden Toten", dessen großer Einfluss auf Sam Raimi einmal darin bestand, ihm zu zeigen, dass man auch gute Low-Budget-Filme drehen kann, die sich auf fast ausschließlich eine einzige im Film gezeigte Location beschränken (in diesem Fall eine kleine Hütte, die von Untoten bzw. Dämonen belagert wird) und deren Darsteller an 2 Händen abzuzählen sind und zum anderen natürlich die Story an sich, denn dass sich Sam Raimi mit einer Story über eine Gruppe von Männern und Frauen, die in einem Haus eingekesselt sind und dort um ihr Leben bangen müssen, weil die Monster von allen Seiten versuchen, in das Haus einzudringen, stark an Romeros Klassiker und Auftakt zu einer wahren Zombiefilmwelle orientierte, ist wohl schwer von der Hand zu weisen. Einen anderen Einfluss erkennt man fast zu Anfang des Films, denn hier wurde von Raimi eine Hommage an Tobe Hoopers "The Texas Chainsaw Massacre" (USA, 1974) – auch hier wieder eine hervorragende deutsche Titelgebung mit "Blutgericht in Texas" – entrichtet. Der Geräteschuppen des Hauses erinnert mit den herumbaumelnden Knochen und toten Tierkadavern, sowie den verrosteten Werkzeugen nicht nur zufällig an Tobe Hoopers Meisterwerk. Auch der Einfluss von "Texas Chainsaw Massacre" zeigt sich nicht nur in der einen Szene, sondern zieht sich als eine ganze Reihe von Verletzungen des guten Geschmacks durch den gesamten Film, wobei man allerdings anmerken sollte, dass Raimis Werk weder eine so kritische und durchdachte Grundaussage beinhaltet, wie Hoopers Meilenstein der Horrorfilmgeschichte, noch trotz seiner doch recht blutigen Einsprengsel, ganz im Gegensatz zu "Texas Chainsaw Massacre", in dem Hooper mehr auf latenten Horror setzt, als auf das direkte Ausbeuten der Grausamkeiten durch die Kamera, eine dermaßen sadistische Geschichte präsentiert. Eine kritische Aussage wollte Raimi dem Film wohl auch gar nicht zu Grunde legen. Er sollte einfach nur Spaß machen. Trotz der vielen mehr oder minder starken Einflüsse ist "The Evil Dead" als völlig eigenständiges Werk einzustufen. Raimi filmt in einem ganz eigenen Stil, der zwar gewisse Einflüsse der genannten Filme nicht von der Hand weisen kann, aber dennoch eine völlig individuelle Atmosphäre aufweist, die sich weder in der Grundstimmung, noch in der Aussage mit genannten Werken vergleichen lässt oder gar als Plagiatur verunglimpfen lassen müsste.

 

"The Evil Dead" wird oft als ein überbewertetes Werk angesehen, das den Kultstatus mehr durch die Verbote und Kontroversitäten errang, als durch die Qualität des Films. Auf den ersten Blick, könnte man dem fast zustimmen, denn "The Evil Dead" ist ein 82-minütiges Splatterwerk (der Rohschnitt betrug 117 Minuten, der dann aber aus Gründen der Geschwindigkeit auf 82 Minuten heruntergekürzt wurde) mit wenig Story und insgesamt nur fünf Darstellern, wenn man die beiden anfänglich zu sehenden Angler (gespielt von Sam Raimi und Rob Tapert) und den Brückensteher (gespielt von Rob Tapert) nicht mitzählt. Eine feine Ausarbeitung der Charaktere trifft man ebenso wenig an, wie ausgeklügelte Dialoge oder vertüftelt ineinander greifende Szenerien. Der Film lädt zum Abspannen ein, denn nachdenken muss man dabei nicht. Das Erstaunliche ist, dass der Film funktioniert und zwar besonders gut. Er unterhält 82 Minuten lang, ohne an Spannung zu verlieren oder Lücken im Plot zu offenbaren. Beim genaueren Hinschauen erkennt man dann, was den Film eigentlich so gut und zu einem Meisterwerk macht. Die besondere Art der Aufnahmen Sam Raimis und die detailreichen Sounduntermalungen sind es – teilweise schon Kunst gleichend –, die den Film zu einem besonders atmosphärischen Erlebnis machen. Da der Film unheimlich schnelllebig ist, fallen diese Aufnahmen und visuellen Effekte nicht direkt auf, sondern offenbaren sich eher indirekt und unterschwellig in der geladenen Spannung des vorliegenden Streifens. Dieser Film ist ein Meilenstein und das nicht wegen seiner enormen Grausamkeit und Brutalität, sondern wegen seines ganz speziellen Aufnahmeverfahrens, durch das eine Atmosphäre kreiert wurde, vor der selbst Stephen King den Hut abnahm, als er sich mit folgenden Worten in dem Magazin „Twilight Zone“ äußerte (frei übersetzt): „der grausamste echte Horrorfilm des Jahres (1982, Anm. des Verfassers)“. Dies bestätigt auch die geschnittene Version des Filmes, die zwar in den gröbsten Gewaltszenen zensiert wurde, das Werk Raimis aber trotzdem nicht seiner Spannung und Atmosphäre beraubt, die den Zuschauer so gebannt vor dem Fernseher hocken lassen. In England befand sich der Film im Jahre 1983 auf Nummer 1 der Videocharts und stand sogar noch über Stanley Kubricks "The Shining".

 

Markus Buttstädt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  Wicked-Vision

Zu diesem Film gibt’s im archiv mehrere Texte

 

Tanz der Teufel

(The Evil Dead, USA 1982)

aka. Tanz der Teufel 1

aka. Book of the Dead

aka. Casa, La

aka. Opéra de la terreur, L'

aka. Evil Dead - Posesión infernal

 

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Sam Raimi

Spezialeffekte: Tom Sullivan, Bart Pierce

Freigabe: ab 18 Jahre

Genre: Horror

Kamera: Timo Philo

Musik: Joe Loduca

Produzent: Robert G.Tapert

Länge: 82 Minuten (PAL)

Dt. Start: 10.02.1984

Darsteller: Bruce Campbell (Ashley “Ash” J. Williams), Ellen Sandweiss (Cheryl), Rich Demanincor aka Hal Delrich (Scotty), Betsy Baker (Linda), Theresa Seyferth aka Sarah York aka Theresa Tilly (Shelly)

 

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