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Der Tango der Rashevskis

 

 

 

Eine französische Familienkomödie über jüdische Traditionen

 

Die Toten können die Lebenden immer noch überraschen. Als Großmutter Rosa stirbt, stößt das den verbleibenden Rest der liberal-jüdischen Familie Rashevski in eine schwere Krise. Denn als sie noch lebte, hatte Rosa die Religion und ihre Betreiber stets heftig abgelehnt. Doch da hat sie sich ein Grab auf dem jüdischen Friedhof reservieren lassen, und das bedeutet, dass auch die Beerdigung nach traditionellem Ritual durchgeführt werden muss. Rosas zwei erwachsene Söhne sind schockiert. Und die plötzliche Konfrontation mit den verschütteten religiösen Wurzeln der Familie setzt auch bei der nachfolgenden Generation der Familie Entwicklungen in Gang, die die ohnehin angespannten innerfamiliären Beziehungen fast zum Zerreißen bringen.

 

Der Vergleich zu Dani Levys gerade gestarteter Komödie' Alles auf Zucker! liegt bei einem solchen Stoff nicht nur wegen der jüdischen Thematik auf der Hand. Dabei täuschen die jetzigen deutschen Starttermine allerdings über die Entstehungszeit der Filme: Denn Sam Gabarskis Der Tango der Rashevskis lief in Frankreich, Belgien und den Niederlanden schon vor zwei Jahren äußerst erfolgreich im Kino, als Alles auf Zucker! vermutlich gerade in ersten Scriptfassungen Form annahm. Und auch künstlerisch muss sich die belgische Produktion keineswegs vor dem deutschen Nachfolger verstecken, im Gegenteil. Der Tango der Rashevskis ist eigentlich all das, was Alles auf Zucker! in der Werbung lauthals verspricht, aber auf der Leinwand doch nicht halten kann: ein ebenso intelligenter wie anrührender Film, amüsant und traurig, jüdisch und universell, messerscharf und zärtlich und so ausgesucht mit eher unbekannten Darstellern besetzt, dass das Zuschauen schon wegen der Gesichter Spaß macht.

 

So bietet der Vergleich beider Filme auch einen Anlass, einmal zu sehen, was die Substanz einer Komödie ausmacht: Denn beide Filme versuchen mit Plot und Personal ein möglichst breites Spektrum an Themen und Konflikten aufzugreifen. Doch während Alles auf Zucker! mit beliebigen Versatzstücken (lesbische Tochter, Inzest, ukrainische Mafia, Spießer im Drogenrausch) all das abzudecken versucht, was im deutschen Komödienstadl Standard ist, orientiert sich der ehemalige Werbefilmer Sam Gabarski in seinem ersten Spielfilm an der lebendigen Welt. Dabei versucht Drehbuchautor Philippe Blasband recht erfolgreich, auch die komödiantischen Konflikte aus Situationen zu entwickeln, die für seine Figuren wirklich in der Luft liegen. Die Frage nach Auschwitz und Gott hat dabei ebenso ihren Platz wie uneingelöste Liebessehnsüchte, Zukunftsplanung und vertane Chancen.

 

Und immer wieder die Frage nach dem Jüdisch-Sein: Was bedeutet die überlieferte Religion für die Einzelnen in einer Welt, die ebenso viele Optionen der Lebensgestaltung bereithält wie sie mit Orientierung geizt? Was unterschiedet die Generationen? Und was setzt der Tod eines Angehörigen an Energien frei?

 

Großonkel Dolfo reist nach Israel, um in einem orthodoxen Kibbuz Rosas Ex-Ehemann zu einer Versöhnung in letzter Minute zu bewegen. Sein Neffe Ric ist in ein arabisches Mädchen verliebt, das sich weigert, einen Mann zu heiraten, der in der israelischen Armee gedient hat. Und Enkelin Nina hat sich zwanghaft auf die Gründung einer echt jüdischen Familie versteift, obwohl sie nach den Religionsgesetzen gar nicht als Jüdin gilt. Überhaupt sind es am Ende ausgerechnet die nicht jüdisch geborenen Personen, die sich mit Leidenschaft am Allerjüdischsten gebärden. Gemeinschaftszugehörigkeit ist attraktiv: Und auch im Publikum möchte wohl so mancher neidisch werden auf die emotionale Verbundenheit dieser Familie, die ihre Konflikte mit selten gewordenem Mut zur Katastrophe durch- und überlebt. Doch es ist nicht die Religion, sondern eine andere Kraft, die sie dabei trägt: Gabarskis Bild dafür ist der Tango in seiner poetischen Verdichtung aus Menschlichkeit und Musik. Seine Quelle aber hat Der Tango der Rashevskis in der Vergangenheit: eine einzelne Frau, die stark genug war, ihre Lebensweisheit an ihre Enkel weiterzugeben. Die Frage nach der Zukunft bleibt offen.

 

Silvia Hallensleben

 

Eine jüdisch-französische Familie sieht sich nach dem Tod der Großmutter mit der Religion konfrontiert. Ein ebenso intelligenter wie anrührender Film, amüsant und traurig, messerscharf und zärtlich und so ausgesucht besetzt, dass das Zuschauen allein schon wegen der Gesichter Spaß macht.

 

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd Film

 

Der Tango der Rashevskis

Le Tango des Rashevski

Belgien/Frankreich/Luxemburg 2002. R: Sam Garbarski. B: Philippe Blasband. P: Diana Elbaum. K: Virginie Saint Martin. Sch: Ludo Troch. M: Michael Galasso. T: Thomas Gauder, Pascal Jasmes. A: Véronique Sacrez. Ko: Filippa Russo. Pg: Rezo/ Entre Chien & Loup/Archipel 35/Samsa/WFE/RTBF. V: Neue Visionen. L: 100 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung. Da: Hippolyte Giradot (Antoine), Michel Jonasz (Simon), Ludmila Mikaël (Isabelle), Daniel Mesguich (David), Nathan Cogan (Dolfo), Jonathan Zaccaï (Jonathan), Tania Garbarsk(Nina). Rudi Rosenberg (Ric).

 

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