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Tally Brown, New York

Tally Brown singt »Heroes«, den David Bowie-Titel, und »Love In Vain« (Rolling Stones). Auf ihren Wegen in Manhattan, in Las Vegas, in Miami erzählt sie von ihrer Karriere, von ihrem Entdecker (Leonard Bernstein), von ihrer Mutter. Ihre Freunde, Stars des new yorker Underground, werden vorgestellt; Holly Woodlawn singt »Dr. Jazz«. Vor der Skyline von Manhattan erklärt Tally Brown ihre Liebe für New York. Die Kamera setzt die Worte optisch um und drückt sich in einer Reihe von Zooms ein Hochhaus nach dem anderen an die Brust.

 

In der abendlichen Dämmerstunde sorgt die große Reklametafel des Times Square für bunte anheimelnde Farben. In einem langen langsamen Schwenk taucht die Kamera in die Tiefe, vorbei an Pornokinos, Peepshows, Imbißständen. Passanten, Geschäftsleuten, Asozialen. In einer Nachtbar sieht man hinten, fern, klein und karg, einen Haufen schwarzer Kleider, hinter einem Mikrofon. Ein Klavier spielt. Tally Brown steht auf und singt, mit ihrer Bluesstimme, David Bowies »Heroes«. Die Kamera, wiederum im Schneckentempo, zoomt auf die Sängerin zu. Man erkennt jetzt, wie aufgedunsen, fett und häßlich sie ist. Sie hat grauenhafte Zähne, die Lippen sind grell geschminkt, die Augen schwarz zugeschmiert. »We could be heroes for just one day«. Die Kamera ist jetzt ganz nah. Tally Brown singt die Schlußverse auf deutsch. »Werden wir Helden für einen Tag. Wir sind dann wir an diesem Tag«. Tally Brown glaubt daran. Sie ist die Heldin, und der Zuschauer hat sich faszinieren lassen, Held auch er. Und sie ist die Größte. - Die Massen ihres Körpers bewegen sich durch eine Straße. Ein kleiner rosa Sonnenschirm ist ihr Halt und Zierde. Im Hintergrund der Hudson, New Jersey und die Brücke, von der sie spricht (West 125th St.). Ihre Fettwülste, ihr aufrechter Gang, ihre Würde, ihre Sicherheit: nicht sie ist fremd und exotisch, die Stadtlandschaft Manhattans wird neben ihr unwirklich. In ihr tritt auf Tally Brown, die in drei Filmsequenzen selbstverständlich und vertraut geworden ist, eine gute alte liebe Bekannte. »Love In Vain«, sie singt im off den Rolling Stones-Titel. Und wenn die Sonne untergeht, vor dem Horizont, der unerwartet zu sehen ist, dann wird das »I could not help but cry« zum Gefühl, das allen Kitsch und alle Sentimentalität hinter sich läßt. Um Tally Brown herum, dem großen Star, ist New York endgültig zum grandiosen Bühnenbild geworden. - Der Film ändert das Tempo. Die Schnittfolgen passen sich dem Tempo des Tonbandinterviews an, das es zu bebildern gilt. Tally Brown erzählt Biografisches. Lenny (Leonard Bernstein) entdeckte ihre Stimme: »Eigentlich bist du eine weiße Billie Holiday Sie tritt am Broadway auf. Tourneen. In Las Vegas trat sie rund um die Uhr auf. Der Film zeigt dazu ordinär bunte Bilder. Praunheims Interviewfragen legen ihr nichts in den Mund (»Tally, how would you describe Las Vegas). Erinnerungen an Auftritte in New Orleans: in der Dream Bar, Bourbon St., traf sie auf Candy, die damals noch ohne den Darling-Zunamen auskam. Das Tempo wird ruhig: »Come on, sweet Virginia«. - 1964 wird sie Star des new yorker Underground. Das gibt Anlaß zu Bildzitaten: das Living Theatre, Jack Smith, Candy Darling, Warhol. Letzterer auf einer Party und links daneben, Eingeweihte wissen's, der Leiter des Goethe-Instituts. Taylor Mead, Warhols Superstar, tritt - innerlich weggetreten - äußerlich vor Praunheims Kamera. »This is the fourth take«, mahnt er sich selbst. Holly Woodlawn ist Tallys liebster Transvestit. Sie darf als einzige in diesem Film neben ihr ein Lied zum besten geben. Es ist »Dr. Jazz«. - Tally Brown wird Kultfigur der Schwulenszene. Sie erzählt in The Continental Baths, der Schwulensauna, von ihrem ersten Film (The Scarecrow in the Garden of Cucumbers. Die Vogelscheuche im Gurkengarten). Bei Reno Sweeny's singt sie »Surabaja Johnny«, doch ist es ein zarter schmächtiger Asiate, den der Film im Chelsea Hotel als ehemaligen Geliebten identifiziert. Noch liegt ein rosiger Abglanz vergangener erotischer Freuden auf seinen Zügen. Ein Schwätzchen mit Divine (Pink Flamingo) bildet den Kontrast zur Fahrt nach Florida. Dort besucht Tally Brown ihre Mutter, »the best human being of the world«. In einem weiten Poncho, unter einem Riesenhut, promeniert sie am hellichten Tage unter den Palmen am Meer, asynchron übers Altwerden reflektierend. Miamis Strand erscheint im Film in fahlen Farben. Ist er neben Tally Brown verblaßt? Doch Praunheim hatte das Kunstlichtfilter vorgelassen (versehentlich, sagt er jetzt. Doch es war grad das Richtige gewesen). - In einer langen Sequenz hat Tally Brown Gelegenheit, in aller Ruhe von ihrem Bühnenunfall zu erzählen. Magische Zeichen des maurischen Zeitalters hatten das Unglück angekündigt. Die Film-Kamera tut das ihre, um - Menetekel - das World Trade Center bedeutungsvoll anzuzoomen. Tally Brown trägt hierzu den »Rock'n Roll Suicide« vor. Im Workman's Compensation Board. Sie schüttelt die Hände der Zuschauer: »You are not alone, you are beautiful Dann greift Praunheim ein. Er notiert ihre leidenschaftliche Liebe zu New York und zoomt wie verrückt auf die Skyline von Manhattan. Es ist, als ob der Schlußschwenk ihn zu Boden reißt.

 

Der Film ist gleichzeitig Liebeserklärung und Dokumentation. Tally Brown ist Freak, aber stolz auf ihre Besonderheit. Sie hat eine Billie Holiday-Stimme, singt aber Bowie, Weill und Rolling Stones. Sie hat eine Broadway-Karriere und ist Underground-Star. Sie schockiert die Bürger und kommt ihnen menschlich nah. Sie öffnet die Gettogrenzen und bringt Minderheiten mit der Mehrheit zusammen: in der einen, ihrer heroischen Geste. Das zu zeigen, ist dem Film geglückt. Vielleicht gerade dadurch, daß der Film technisch gegen die anerkannten Regeln des Handwerks verstößt.

 

Unscharfe Einstellungen, falsche Belichtung, übersatte Farben, eine undiszipliniert umherschweifende Kamera, das vergessene Kunstlichtfilter -: es ist, als ob es gerade diese Fehler sind, die das Porträt facettenreich, vielschichtig, ambivalent und richtig machen. Die langen takes, in denen das Filmmaterial unbearbeitet von der Kamera in den Projektor kommt, vermitteln das beruhigende Gefühl des Zeit-habens. Tally Browns korpulente Gegenwärtigkeit kann wirken, ohne daß jemand diesen Eindruck (mittels Schnitt, Montage oder anderem stilistischen Eingriff) vorschreibt. TALLY BROWN, NEW YORK ist das gelungenste Beispiel dafür, daß Praunheims Filmstrategie wunderschön funktioniert, wenn nur der Gegenstand seiner Zuneigung ausdrucksstark und eindrucksvoll genug ist. Das zeigt sich in der deutschen Version dieses Films, in der Magdalena Montezuma auf überaus manierierte Weise die Stimme Tally Browns spricht. Dieser Mißton ist sicherlich ein Fehler, er ist gänzlich inkongruent. Doch perlen die deutschen Sätze von TALLY BROWN, NEW YORK ab wie Wasser von einer Speckschicht.

 

Praunheim hatte Tally Brown 1971 in New York durch Andy Warhol auf einer Party kennengelernt, wo er sie sogleich für die LEIDENSCHAFTEN zu engagieren versuchte. 1974 holte er sie nach Frankfurt (ROSA VON PRAUNHEIM ZEIGT) und nach Berlin. Am 25. November 1977 war sie Gast seiner Geburtstagsparty. Praunheim, 35 Jahre alt, begann an diesem Tag mit den Dreharbeiten. Mitarbeiter war zum erstenmal Mike Shephard, sein Freund der folgenden sechs Jahre.

 

TALLY BROWN, NEW YORK wurde 1979 mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Die Kritiker der Kinoaufführungen von 1979 registrierten, wie gut es ihrem Publikum tut, »dieser fetten, häßlichen, kranken, aber ungeheuer starken Frau zuzuhören, die mit ihrer Arbeit Anteil an der Verzweiflung der anderen nimmt«, schrieb Doris Dörrie (Süddeutsche Zeitung, 3.7.1979), und Rudolf Thome fand: »Rosa von Praunheim ist einer der aufregendsten deutschen Filmemacher«(Der Tagesspiegel, 4.5.1979).

 

In New York war der Film im Dezember 1979 im Museum of Modern Art zu sehen. Die Village Voice schrieb dazu: »In seiner Art ist TALLY BROWN, NEW YORK der beste Dokumentarfilm über New York seit Chantal Akermans News From Home (obwohl von Praunheims genialer Anti-Stil Akermans kühler Beobachtung fremder nicht sein könnte).«(Village Voice,10.12.1979) Lindzee Smith sah TALLY BROWN als »sehr amerikanischen Film. Man spürt dort überhaupt nichts vom unzugänglichen deutschen Qualitätsfilm (there's no sense of any inaccessible German quality to them at all)« (East Village Eye, September 1979). - Praunheim widersprach nicht. Er engagierte Lindzee Smith für die amerikanische Version der ROTEN LIEBE (produziert wurde 1980 allerdings lediglich die 11Minuten-Studie RED LOVE).

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags

 

TALLY BROWN, NEW YORK

USA/BRD 1977/78

Regie, Drehbuch, Kommentar, Interviews: Rosa von Praunheim. - Mitarbeit, Regie-Assistenz: Mike Shephard. - Kamera: Lloyd Williams, Michael Oblowitz, Juliana Wang, Edvard Lieber, Rosa von Praunheim. - Schnitt, Ton: Rosa von Praunheim, Mike Shephard. - Songs: »Heroes«, »Love In Vain«, »Sweet Virginia«, »Surabaja Johnny«, »Herren«, »Lady Grinning Soul«, »Rock'n Roll Suicide«, »Goody Goody«, gesungen von Tally Brown; »Dr. Jazz«, gesungen von Holly Woodlawn. - Darsteller: Tally Brown, Divine, Holly Woodlawn, Taylor Mead, Robert und Elizabeth Kashy, Edward Caton, Gil Fontaine, Ching, Anja Philipps, Andy Warhol, Jack Smith, Lenny, Rosa von Praunheim, u. a. - Sprecher: Magdalena Montezuma, Rosa von Praunheim. - Deutsche Übersetzungen: Elizabeth Kashy. - Produzent: Rosa von Praunheim für WDR. - Gesamtleitung: Rosa von Praunheim. - Redaktion: Joachim von Mengershausen. - Drehzeit: 25.11. 1977-Ende Sommer 1978. - Drehort: New York, Las Vegas, Hollywood, New Orleans, Florida. - Format: 16 mm, Farbe (Kodak). Original-Länge: 97 min. - Uraufführung: 4.5. 1979. - Amerikanische Erstaufführung: 29.12. 1979, Performing Garage Soho, New York. -TV: 23.1. 1980 (HRIII), 2.3. 1980 (WDRIII). - Verleih: Filmwelt (16 mm).

Es existieren eine deutsche und eine amerikanische Version des Films. - Unterstützung für den Film wurde gewährt vom Nachtclub »Reno Sweeney's«, Hans Dudelheim und Pierre La Rouge.

 

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