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Takva – Gottesfurcht

Dieses von Fatih Akin produzierte und von dem türkischen Regisseur Özer Kiziltan gedrehte Langfilmdebüt ist ein für westliche Augen eher ungewohnter und schwerer Brocken, denn während seiner 96 Minuten handelt der wuchtige Film ausschließlich vom inneren Glaubenskampf eines Moslems, der - so sagt ihm das Oberhaupt seines erzkonservativen Ordens - an der Schwelle steht zur Erleuchtung. „Takva“ ist dennoch auch für Nichtmoslems ein spannender Film geworden, weil er die Zuschauer mit kraftvollen Bildern und suggestiver, elektronischer Musik unweigerlich in die von Entsagung und Sündenangst bestimmte Welt des Muharrem (Erkan Can) hineinzieht.

 

Seit Jahren lebt der 45-jährige Lagerverwalter alleine und bescheiden in einem der konservativsten Stadtviertel Istanbuls, bis ihm aufgrund seiner besonderen Frömmigkeit vom Scheich des Klosters wichtige Aufgaben, wie das Eintreiben der Mieten übertragen werden. Der berufliche Aufstieg ist zugleich ein Aufstieg in der klösterlichen Hierarchie und Symbol einer besonderen Nähe zu Gott. Aber diese Nähe überfordert Muharram, weiß er doch, wie schwach und anfechtbar sein Glauben ist. Allnächtlich besucht ihn der „Teufel“ in Form eines sexuellen Wunschtraums und gegen die materiellen Verlockungen des europäisch orientierten Teils von Istanbul, in den ihn seine neuen Pflichten führen, fühlt er sich kaum gewappnet. Das mittelalterlich anmutende Dogma der Selbstverleugnung und die moderne Wirklichkeit prallen für Muharram so verheerend aufeinander, dass sein Verstand droht, ihm verlustig zu gehen ...

 

„Takva“ ist vielleicht deshalb so faszinierend, weil dessen Regisseur, ein bekennender Atheist, versucht, sich einem schwachen und leidenden Helden und dessen religiösem Umfeld vorurteilsfrei einzufühlen. Dem Film ist sein empathisches Interesse an den Grundwerten des Islam - und damit auch an dem, was seit jeher die türkische Kultur prägte, anzusehen. Er nimmt das menschliche Bedürfnis nach Reinheit, Erleuchtung oder Gottesnähe ebenso ernst wie die menschliche Überforderung durch eine rigide Welt der Ge- und Verbote, in welcher der Einzelne nichts für sich, sondern alles Gott zu Gefallen tut.

 

Am intensivsten aber ist „Takva“ dann, wenn er die Gläubigen bei ihren Ritualen beobachtet: Die verschleierten Frauen im Séparée des Tempels müssen schweigen, während eine Männerwelt anhebt, sich im Gebet zu steigern vom kleinen Singsang hin zum orgiastischen Chor, zum gemeinsamen Höhepunkt beim Schlag der Tamburine und Taumel der tanzenden Derwische. Im Kino hat es solche intimen Einblicke in die Praxis des orthoxen Islam nicht vorher gegeben.

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Applaus (München)

 

 

Takva - Gottesfurcht

Türkei / Deutschland 2006 - Originaltitel: Takva - Regie: Özer Kiziltan - Darsteller: Erkan Can, Güven Kiraç, Meray Ülgen, Öznur Kula, Settar Tanriögen, Erman Saban, Murat Cemcir, Settar Tanriogen - FSK: ab 12 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 96 min. - Start: 15.11.200  

 

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