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Der Tag, an dem ich zur Frau wurde

Fluchten am Strand

 

Um das Leben radeln: Marzieh Meshkinis Film "Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" erzählt von Frauen im Iran

 

So einen schönen Tschador hat Hava zum Geburtstag bekommen! Aber während Mutter und Großmutter sich noch über das Schnäppchen freuen, zieht Hava sich in ihren Schmollwinkel zurück. Erst verbietet die Mutter ihr den Umgang mit ihrem Freund Hassan, und jetzt muss sie auch noch dieses hässliche schwarze Ding tragen. So hat sie sich ihren Geburtstag nicht vorgestellt. Wie soll sie auch verstehen, dass der heutige Tag eine ganz besondere Bedeutung in ihrem Leben hat? Es ist Hanas neunter Geburtstag. Der Tag, an dem sie zur Frau wird. 

 

Der Tschador, die Kopfbedeckung iranischer Frauen, spielt eine tragende Rolle in allen drei Episoden, die die Regisseurin Marzieh Meshkini in ihrem Debütfilm "Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" zusammenführt. Nicht immer ist er so prominent platziert wie in der Geschichte Havas, aber jedes Zurechtrücken des unbequemen Kleidungsstücks erzählt von den Zwängen, denen muslimische Frauen immer noch unterliegen. Und nur die wenigsten Frauen können sich von diesen Zwängen so leicht befreien wie die neunjährige Hava. Am Strand tauscht sie ihren Tschador gegen einen aufziehbaren Spielzeugfisch ein. So kommt sie doch noch zu einem angemessenen Geburtstagsgeschenk.

 

Den Einbruch gesellschaftlicher Konventionen beschreibt Meshkini in “Der Tag an dem ich zur Fraub wurde” durch die Augen des kleinen Mädchens. Hava will nicht einsehen, was sich über Nacht in ihrem Leben verändert haben soll, und mit unwiderstehlich-kindlicher Logik holt sie eine Gnadenfrist bis zur Mittagszeit heraus, um ein letztes Mal mit Hassan spielen zu können. Wenn der Schatten des Stocks, den sie zur Markierung in den Boden gesteckt hat, verschwunden ist, beginnt für Hava ein neues Leben.

 

Die Produktivität der Makhmalbaf-Familie ist nicht nur innerhalb des iranischen Kinos außergewöhnlich. Marzieh Meshkini ist die Stiefmutter der inzwischen 16-jährigen Hana Makhmalbaf, die im vergangenen Jahr in Cannes euphorische Kritiken für ihren ersten Langfilm "Joy of Madness" bekam, und die Frau von Mohsen Makhmalbaf, dem neben Abbas Kiarostami einflussreichsten iranischen Filmemacher der vergangenen 15 Jahre. Ein Einfluss, der auch in "Der Tag, an dem ich zur Frau wurde" unverkennbar bleibt. Meshkinis Film entfaltet seine Wirkung in Gegenüberstellungen und einer Vorliebe für eindeutige Bildern ohne poetische Verschlüsselungen, die der westliche Filmkritiker am iranischen Kino sonst so schätzt.

 

Die Halbinsel Kish spiegelt diese starken Kontraste vortrefflich wider. Es ist schwer nachvollziehbar, warum die iranische Regierung in den Neunziger Jahren ausgerechnet diesen staubigen Landstrich zur boomenden Tourismusenklave auserkoren hat. Hier treffen Widersprüche aufeinander, die sich rational kaum aufschlüsseln lassen: brüchige Lehmhütten und hochmoderne Glasarchitektur, trockene Steinwüsten und glitzernde Einkaufszentren, verarmte Fischer und geschäftiges Flughafenpersonal. Auf diesem Flughafen landet eine alte Frau, Hoora, die Protagonistin einer weiteren Episode des Films. Ein Leben lang habe sich nichts besessen, erzählt sie einem kleinen Bettlerjungen, der ihren Rollstuhl ins nahe gelegene Einkaufszentrum schiebt, aber nun habe sie etwas Geld geerbt. Bunte Bänder an ihren Fingern erinnern sie an lang ersehnte Verheißungen, die sie sich nun kurz vor ihrem Lebensende endlich gönnen will.

 

Und das Kapital ist maßlos, das wird bald klar. Schnell hat die alte Frau einen Troß von Kindern im Schlepptau, eine Karawane von Konsumgütern: die Kulisse für ein beinah verpasstes Leben, die folgerichtig am Strand errichtet wird. Der Aufbau erinnert an die Bühnenbilder Bert Neumanns. Die bequeme Couch mitsamt Fernseher und Spiegelschränkchen vermitteln vor dem klaren Blau des Meeres ein geradezu brechtianisches Bild vom verzweifelten Streben nach sozialer Normalität. 

 

Hier am Strand von Kish laufen die drei Geschichten schließlich zusammen, ohne dass die drei Frauen sich je begegnen werden. Zwei Mädchen erzählen Hoora von Ahoo, die auf ihrem Mountainbike um ihr Leben geradelt ist - im Grunde geht es in Meshkinis Film um nichts anderes. Ahoo nimmt an einem Fahrradrennen teil, aber sie hat gegen mehr als nur ihre direkten Kontrahentinnen anzustrampeln. Sie flieht vor einer arrangierten Hochzeit mit einem Mann, den sie nicht liebt, und den überkommenen Traditionen eines Landes, denen sie sich nicht mehr beugen will. Im Nacken hat das Mädchen einen guten Querschnitt durch den männlichen Repressionsapparat: den gehörnten Mann, der vom Pferd herab droht. Den zu Hilfe geeilten Mullah, der vom Pferd herab betet. Dann den Vater, der vom Pferd herab bettelt; und schließlich die großen Brüder. Hier endet die Flucht. Oder doch nicht? Die Mädchen können sich über den Ausgang von Ahoos Geschichte nicht einigen.

 

In der letzten Episode um Hoora lösen sich die klaren gesellschaftlichen Fronten auf und machen einen sehr persönlichen, fast allgemein gültigen Blick auf das Leben im Iran möglich. Diese Wandlung trägt keinerlei revisionistische Züge, sondern verleiht dem Film vielmehr eine Tiefe ohne strikte Typisierungen. Seine absurd-komischen und zuweilen auch surrealen Momente werden zu einem Ventil für eine Ohnmacht, die nur schwer in Worte zu fassen ist und doch nie verschwiegen werden darf.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

 

Der Tag, an dem ich zur Frau wurde

Iran 2000 - Originaltitel: Roozi khe zan shodam - Regie: Marzieh Meshkini - Darsteller: Fatemeh Cherag Akhar, Shabnam Toloui, Azizeh Sedighi, Hassan Nebhan, Shahr Banou Sisizadeh, Ameneh Passand - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 78 min. - Start: 13.5.2004

 

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