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Syriana

 

Spätestens seit der Verkündung der Oscar-Nominierungen vor zwei Wochen sollte auch der allerletzte Filminteressierte bemerkt haben, dass Hollywood endlich wieder Frieden mit seinem inneren liberalen Schweinehund geschlossen hat. Die Themenliste der diesjährigen Oscar-Kandidaten liest sich wie der Stundenplan linker Kulturwissenschaftler: Medienkritik (Good Night, And Good Luck), amerikanischer Wirtschaftshegemonialismus (Syriana), Rassismus (L.A.Crash), Feminismus (Kaltes Land), Homo- und Transsexualität (Brokeback Mountain, Transamerica), Globalisierung (Der ewige Gärtner), Palästina-Konflikt (München, Paradise Now). Hollywood sitzt nach, was es in den vergangenen Jahren politischer Indoktrination sträflich vernachlässigt hat.

 

Seit den siebziger Jahren hat es aus Hollywood nicht mehr eine solche Vielzahl an politisch wie kulturell brisanten Filmen gegeben. Damals waren es vor allem Verschwörungsthriller wie Zeuge einer Verschwörung, Der Dialog, Die drei Tage des Kondors und Die Unbestechlichen, die einen Bezug zum gesellschaftlichen Klima aus Angst und politischem Misstrauen herzustellen versuchten. Traumata sind immer noch die besten Bildermaschinen. “Wir leben in einer turbulenten Zeit,” erzählte Hollywood-Star George Clooney kürzlich in einem Interview, “und das Kino reflektiert dies. Zum ersten mal seit Watergate reden die Leute wieder über Politik. Vier Jahre lang hat unsere Gesellschaft in einem Tiefschlaf verbracht. Aber seit am 11. September 2001 die Türme des World Trade Centers einstürzten, leben wir in Furcht, und die jüngsten Filme sind eine Reaktion darauf.”

 

Clooney nimmt eine prominente Rolle ein im derzeitigen Bemühen Hollywoods um etwas mehr politisches Profil. Sein Film Good Night, And Good Luck, eine Nachstellung des legendären Clashs zwischen dem CBS-Kommentator Edward Murrow und Kommunistenjäger McCarthy (bei uns im April in den Kinos), wurde in den amerikanischen Medien einhellig als die Renaissance des aufrechten, seriösen Politkinos gefeiert. Clooneys zweiter aktueller Film Syriana, bei dem er als Produzent und Hauptdarsteller fungiert, startet dieser Tage auch in den deutschen Kinos. Syriana wirkt wie eine Widerlegung des alten Vorwurfs, Hollywood würde seiner Klientel am Liebsten das Denken ganz abnehmen. Es ist ein unglaublich dichter Film, der in etwas mehr als zwei Stunden die Verwicklungen der amerikanischen Politik im internationalen Erdöl-Business aufs Korn nimmt. Regisseur Stephen Gaghan hat bereits Erfahrung mit komplexen Stoffen gesammelt. Steven Soderberghs Drogenkartell-Thriller Traffic, für dessen Drehbuch Gaghan mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, hatte eine ähnlich verschachtelte Erzählstruktur.

 

Gaghan bemüht sich in Syriana um eine ausgewogene Haltung, jedoch nicht ohne deutliche Seitenhiebe auf die amerikanische Gegenwartspolitik auszuteilen. Da spielt Chris Cooper den CEO eines texanischen Ölkonzerns, der durch die Fusion mit einem kleineren Unternehmen einen Fuß in den Nahen Osten kriegen will. Der Prinz eines arabischen Emirats (gespielt von Alexander Siddig) versucht genau das zu verhindern, und wird retour von der amerikanischen Regierung zum “Terroristen” erklärt. Clooney als in die Jahre gekommener Nahost-“Experte” der CIA wird an den persischen Golf geschickt, um den Störenfried aus dem Weg zu räumen. Derweil nimmt eine Geheimloge namens “Comittee for the Liberation of Iran”, unter der Führung eines bedrohlich einsilbigen Christopher Plummer, von Washington aus Einfluss auf die politischen Geschicke im Nahen Ostens. Jede Menge starker Tobak also, nur noch darin gesteigert, dass in einer weiteren Nebenhandlung die Abwanderung eines jungen pakistanischen Ölarbeiters hin zum islamischen Fundamentalismus nachgezeichnet wird.

 

Bemerkenswert an Syriana ist, wie sicher Gaghan die verschiedenen Erzählstränge zusammenführt. Um schematische Zeichnungen nicht verlegen, vermittelt sein Film nichtsdestotrotz ein erstaunlich vielschichtiges Bild der geopolitischen Lage. Doch Clooney betont auch, dass Syriana nicht ausdrücklich als politischer Kommentar auf die Machenschaften der Bush-Administration verstanden werden sollte. Dem aber widerspricht allein schon die sorgfältige Öffentlichkeitsarbeit zum Film, die eher an eine politische Grassroots-Kampagne erinnert. Herzstück ist die Website participate.net, die vom Co-Produzenten Participant ins Leben gerufen wurde. Participate.net ist ein Versuch, das Filmgeschäft wieder zurück an eine politische Basis zu binden. Sie informiert über die Hintergründe des Films, vermittelt Kontake zu Aktivistengruppen, bietet Diskussionsforum zum Thema “Alternativenergien” und kündigt kostenlose Vorführungen von Syriana an.

 

Hinter der noch jungen Produktionsfirma Participant steckt niemand geringeres als der Ebay-Gründer und mehrfache Multimillionär Jeff Skoll, der Film als “Vehikel zur Durchsetzung eines sozialen Wandels” versteht. Mit elf Nominierungen (für Good Night, and Good Luck), Syriana und Kaltes Land) gehört Participant auch zu den erfolgreichsten Produktionsfirmen bei der diesjährigen Oscar-Verleihung. Michael Moores Fahrenheit 9/11 dient zweifellos als Vorbild für die bürgernahe PR-Arbeit von Participant. Moore war der erste Filmemacher, der die Meinungsmacht von politischen Gruppen und Internetforen für die Promotion seiner Filme genutzt hat. Inzwischen ist es gängige Praxis, dass unabhängige Filmemacher wie Robert Greenwald (Outfoxed – Rupert Murdoch’s War on Journalism, Uncovered – The War on Iraq) oder Alex Gibney (Enron – The Smartest Guys in the Room) Verbreitungswege wie das Internet suchen, um ihre Anliegen publik zu machen. Syriana jedoch ist die erste Hollywood-Produktion, bei der man sich von dieser Methode Erfolg verspricht.

 

Die Flut an politischen bzw. politisch motivierten Filmen lässt vermuten, dass Hollywood sich auf seine alte Rolle in der amerikanischen Öffentlichkeit zurückbesinnt: das gemäßigte, anti-reaktionäre Rädchen im Getriebe. Wird es deswegen aber gleich zu einem besseren Ort? Politische Einflussnahme ist in Hollywood ein noch recht junges Phänomen, doch es ist kein “linkes” Privileg. Denn auf jeden Jeff Skoll kommt in Hollywood auch ein Philip Anschutz. Der christlich-konservative Medienmogul Anschutz ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die Verfilmung der Narnia-Chroniken zu einer bodenlos-religiösen Heilsgeschichte zurechtgestutzt wurde.

 

Sicher, Syriana zeigt Ungeheuerliches („Korruption ist,“ heißt es im Film,“ was uns warm hält. Korruption ist, warum wir am Ende immer gewinnen.“), doch er passt auch allzu gut in Hollywoods Selbstverständnis als Hort liberaler Gesinnung. Gleiches gilt übrigens auch für die Gegenseite. So gab Bush-Vize Dick Cheney, der sich aufgrund seiner eigenen Verstrickung im Halliburton-Konzern in der Christopher Plummer-Rolle wiedererkannt haben mag, in einem Interview bekannt, dass Syriana sein persönlicher Lieblingsfilm des Jahres gewesen ist. So muss man sich am Ende vielleicht doch Michaels Moore Worte in Erinnerung rufen, dass Hollywood alles verkaufe, was Geld bringt – selbst wenn es sich um linke Propaganda handelt. Und politische Filme sind derzeit zweifellos der flavor of the month. Der britische Regisseur John Boorman hat es einmal auf den Punkt gebracht. Hollywood interessiert sich nur für eine Form der Politik. Die Politik des Geldes.

 

Andreas Busche

 

 

Dieser Text ist in ähnlicher Form erschienen in: Financial Times Deutschland

 

Syriana

USA 2005 - Regie: Stephen Gaghan - Darsteller: George Clooney, Matt Damon, Jeffrey Wright, Chris Cooper, William Hurt, Mazhar Munir, Tim Blake Nelson, Amanda Peet, Christopher Plummer - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 126 min. - Start: 23.2.2006 

 

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