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Suspiria

Es gibt viele Filme, die man "nur" sieht. Man schaut sich einen Film an, und vermag über Drehbuch und Dialoge zu urteilen. Dario Argentos Werk aus dem Jahre 1977 heißt "Suspirira" und lässt sich nicht nur sehen. Nein. Dieses Über-Meisterwerk des modernen Horrors verschlingt den Zuschauer in all seiner Pracht, in all seiner organischen Schönheit. Es bezirzt den Betrachter mit all den wunderschönen Dekors, führt ihn dabei aber direkt bis hinunter in die Hölle. Man sieht "Suspiria" nicht, man erlebt und taucht in "Suspiria" ein. "Suspiria" ist perfektes Horrorkino, so künstlerisch wie spannend.

 

Die Hauptrolle spielt Jessica Harper, die die junge Suzy Bannion darstellt. Sie reist von Amerika nach Freiburg, um hier an einer renommierten Ballettschule ihr tänzerisches Können auf Welt-Level zu bringen. Kaum in dem unfreundlichen, kalten, regnerischen Deutschland angekommen, beginnt der Ärger. Als sie das Balletthaus erreicht hat, wird sie von einer Stimme an der Gegensprechanlage abgewimmelt. In dem gleichen Moment stürzt eine aufgeregte, junge Frau aus dem Haus, die daraufhin in den finsteren Wald flüchtet. Während Suzy die erste Nacht in Freiburg in einem Hotel übernachtet, kommt die verängstigte Unbekannte nicht zu ihrer nächtlichen Ruhe. Sie wird ermordet.

 

Doch das erfährt Suzy erst am nächsten Morgen, als sie endlich in die Tanzschule Einlass bekommt, und man sie in die Gepflogenheiten ihres neuen Heimes einweist. Suzy ist schwach und verwirrt von all den mysteriösen Vorgängen, kann schon in ihren ersten Tagen als Schülerin kaum mitproben, obwohl es die harte Führung unter der herrischen, maskulinen Lehrerin Miss Tanner (Alida Valli) befiehlt. Schließlich wird Suzy krank, und muss Bettruhe halten. Sie lernt ihre Mitschülerin Sara kennen, die auch eine Bekannte der Ermordeten war. Gemeinsam kommen sie der Verbindung zwischen dem Mord und dem Ursprung der Ballettschule auf den Grund ...

 

Jedoch ist "Suspiria" keine Detektivgeschichte, sondern ein Gruselhammer, der auf alle Sinne einschlägt. Die "ermittelnden" Tänzerinnen sind keine cleveren Möchtegern-Kommissarinnen, sondern verängstigte, neugierige Mädchen, die der übersinnlichen Kraft in "Suspiria" nie gewachsen zu sein scheinen. Die Atmosphäre innerhalb des riesigen, verwinkelten Gemäuers entspricht nicht der einer hochdekorierten Tanzschule, sondern eher der eines strengen Internats. Nachts huschen Freundinnen auf ein gemeinsames Zimmer und kichern, weil sie die Regeln der Schulleiterin gebrochen haben. Innerhalb der Schule gibt es kaum ein reifes, starkes Verhalten der Protagonistin, sie wird auf ein kleines Mädchen mit Kulleraugen reduziert.

 

Und genau dieses Mädchen wird nun mit extremer Gewalt und mit einer direkten Bedrohung konfrontiert. Urängste, wie verbotene Keller, eigenartige Schatten, ein unwirkliches Atmen, sind ihre Feinde, also alles Angstfantasien, die ein jeder Zuschauer selber aus seiner Kindheit kennt. Auch visuell verstärkt Argento den Eindruck des dem Schrecken ausgelieferten, kleinen Mädchens, indem er ungewöhnliche Geometrien in das Haus einbaut. So wirken Decken und Türgriffe ungewöhnlich hoch, und die erwachsenen Frauen sehen im Verhältnis zur Architektur wie kleine Mädchen aus.

 

Apropos Optik: Hier kommen wir wohl zu dem wichtigsten Faktor des gesamten Filmes. Argento nutzte bei seiner rustikal-gruseligen Geschichte eine wahrhaft aufdringliche, intensive Farbdramaturgie. Extrem satte und tiefe Farben sammeln sich überall auf der Leinwand. Jegliches künstliche Licht scheint unwirklich farbintensive Blau- oder Rottöne zu werfen, und selbst wenn mal das Licht ausgeschaltet wird, fällt das Lichtverhältnis nicht auf dunkel, sondern auf ein schimmerndes Rot. Egal ob grün, rot, blau oder gelb, sie alle attackieren des Zuschauers Sehnerven auf psychedelische Weise.

 

Doch nicht nur die surrealen Lichter, die gesamte Farbgestaltung ist manipuliert. Mit Hilfe einer komplizierten Filtertechnik rekonstruierte Argentos Kameramann Luciano Tovoli technicolorartige Farben, die für jede Szene einzeln komponiert und balanciert wurden. Die Idee der schier bonbonhaften Kolorierung stammt aus dem Disney-Zeichentrickfilm "Schneewittchen und die sieben Zwerge", von dem sich Argento inspiriert fühlte, sein Gothikgrusel-Märchen in ebenso surrealen Farben zu gestalten. Hinzu kommt eine fast dreidimensionale Tiefenschärfe, die durch eine besondere Beschichtung der Linse hergestellt wurde.

 

Und während die faszinierenden Bilder und die ruhig erzählte Geschichte in uns die Urängste aus der Kindheit hervorrufen, ertönt der enervierende Soundtrack der italienischen Rockband Goblin, die neben verschiedenen Musikthemen auch ganze Soundcollagen mit verstörender Wirkung aufnahmen. Gerade diese eigenartigen Sounds ließ Argento in voller Lautstärke auf den Sets spielen, um die richtige Atmosphäre für "Suspiria" auch hinter den Kulissen gewährleisten zu können. Goblins Score wird immer wieder mit grausigem Klacken, Schreien und Murmeln von Schlüsselwörtern aus dem Film verfeinert, und verfeinert somit noch die halluzinatorische Atmosphäre dieses großartigen Films.

 

"Suspiria" ist ein früher Höhepunkt in Dario Argentos Filmkarriere. Sein perfektester Thriller ist zugleich sein bizarrster. Er jongliert mit so vielen Möglichkeiten, um die Sinne des Zuschauers zu stimulieren, ja, sie sogar zu be-über-anspruchen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastisches filmisches Erlebnis, eine audiovisuelle Erfahrung, die jeder mal durchgemacht haben sollte!

 

Björn Last

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.ofdb.de

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Suspiria

SUSPIRIA

Italien - 1976 - 92 (Orig. 96) min. Scope - FSK: ab 18; nicht feiertagsfrei - Verleih: Gloria, VMP (Video) - Erstaufführung: 5.5.1977 - Produktionsfirma: Seda Spettacoli - Produktion: Claudio Argento

Regie: Dario Argento

Buch: Dario Argento, Daria Nicolodi

Kamera: Luciano Tovoli

Musik: Dario Argento, The Goblins

Schnitt: Franco Fraticelli

Darsteller:

Jessica Harper (Susy Banyon)

Stefania Casini (Sara)

Joan Bennett (Madame Blank)

Udo Kier (Frank)

Alida Valli (Miss Tanner)

 

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