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Sunrise

"Sunrise" ist ein Film über den binären Gegensatz und die Vermischung, aber weder als strukturelle Anordnung, noch als Dialektisierung des Verhältnisses. Vielmehr werden im Verlauf der Narration die Gegensätze nicht vermischt, sondern mit der Vermischung gerade vermittelt. Zu Beginn scheint alles an seinem Platz: Die blonde, etwas naive Frau des Bauern und die schwarzhaarige Städterin. Die eine das Kind an der Brust, die andere die Zigarette im Mund. Das Haus, der Schminkspiegel. Ohne Arg die eine, voller verführerischer List die andere. Die Frau aus der Stadt führt den Bauersmann in den Sumpf vor dem Dorf. Sie lockt ihn weg von dem Ort, an den er gehört, ein erster Schritt, so ihr Plan, dahin, wo sie ihn haben will: in die Stadt. Sie infiziert ihn, sie stachelt ihn an, seine Frau zu ermorden, auf dem Boot auf dem Weg in die Stadt. Eine Gleichung, die aufginge.

 

Mit einem Bild von der Stadt beginnt der Film. Der Zug im Bahnhof (der Zug, der Kahn, einer der weiteren Gegensätze), das geschäftige Treiben, dann die Bewegung, hinaus ins Grüne, aufs Land. Kein Schnitt, sondern die vermittelnde Montage aus Zug, Landschaft, Verbindung, Dynamik. Der Bauer auf dem Dorf ist infiziert von der Stadt durch die Frau. Schon durch diese ersten Bilder (die Frau, schon seit Wochen da, wie wir erfahren der Zug, gerade auf den Weg geschickt) stellt sich die Frage: Metapher oder Metonymie. Ist die Frau die Stadt als Gegensatz zum Dorf (die Frau als Metapher) oder hat das eine Bezug zum anderen nach Art des Übergangs (Stadt und Dorf als metonymisches Verhältnis). Ginge es um die Metapher, ginge es um die reaktionäre Opposition von Stadt und Land, die Idee der Verlässlichkeit der Scholle als ideologischer, den Gegensatz stabil haltender Unterbau. Die Metonymie dagegen zieht die Linie (das eine, das andere), um sie fortwährend überschreitbar zu halten. Sie steht im Dienst des kleinen Grenzverkehrs.

 

Der Mann scheint von der Stadt infiziert, er spürt, wir sehen in der Doppelbelichtung, die Arme, den Mund der Frau aus der Stadt am Körper, noch wenn sie nicht da ist. Er ist ihr simple Metapher der Überblendung verfallen, zugleich aber ist die Doppelbelichtung, die mehrfach wiederkehrt, auch Instanz der Vermischung, ermöglicht immer wieder das Bild für die Anwesenheit dessen, das nicht anwesend ist, das Land (paradiesisch) in der Stadt, die Stadt auf dem Land. Es ist die Doppelbelichtung, die hier als formaler Vermittler zwischen Gegensatz und Vermischung agiert; der Gegensatz ins Verhältnis der Vermischung gesetzt, Aufhebung des Gegensatzes aber nicht dialektisch, sondern in der Überkreuzung von Metapher und Metonymie im selben Bild.

 

Der Mord wäre Sieg der Metapher, aber es kommt nicht dazu. Das Wasser, auf dem im Kahn der Mann und die Frau unter seinem Vorwand, sie seien unterwegs zum Urlaub in der Stadt, sich bewegen, ist nicht nie und nimmer das Medium stabiler Unterscheidungen. Das Wasser und die Bewegung verunmöglichen strukturell diesen Mord, den Sieg der Verführerin als Metapher der Stadt über den verführbaren Mann als Metapher des Dorfes. Stattdessen wird der Vorwand wahr, sie gelangen mit dem Boot in die Großstadt; der Mann bereut zutiefst seine Absicht und wird geheilt im Verzeihen der Frau.

 

Die Wiederverheiratung, besiegelt mit dem Kuss auf dem Foto. Und keineswegs erscheint den Dörflern dieStadt, im Zeichen der zweiten Hochzeitsreise, als fremder Raum. Sie fühlen sich zuhause, sie fügen sich in die Umgebung. Nicht als wäre es ihre eigene (Austausch der Verhältnisse nach Art der Metapher), sondern als Bauern, die den eleganten Tänzen der Städter selbstbewusst und umjubelt ihren Bauerntanz forführen. Der Bauer bringt das Schwein, das vom Nutzschwein zum Unterhaltungsschwein geworden ist, an den Ort der Unterhaltung zurück keine Ideologie der Rückkehr zum Nutzen, des festen Ortes, an den die Dinge gehörten.

 

Die Auflösung in der Rückkehr wird ausgespielt über die Frisur. Wir haben die Städterin gesehen, die als Zurichtung zur Verführung sich kämmt. Wir haben den Mann gesehen beim Friseur in der Stadt, zurechtgemacht, aber zuletzt mit sicherem Griff wieder verwuschelt von der Frau. Sie stellt nicht den Ausgangszustand wieder her, sondern trägt etwas Vertrautes in das Neue ein. Ihre Frisur, streng gescheiteltes, noch strenger zum Dutt gezwungenes Haar, wird die Vermischung von Stadt und Land, als Sache der Erfahrung, in ihren Körper eintragen. Dies geht nur auf dem Wege der Rückkehr als Wiedergeburt. Das Unwetter bringt, wieder auf dem Wasser, es schließt sich ein Kreis, aber ohne strikte Symmetrie, die scheinbar neu gefügte Wiederverheiratungsordnung in höchste Gefahr. Es droht für den Moment die Figur der Ironie als Figur der Tragik: Der Mord geschieht als Unglücksfall, die Frau wird für tot aufgegeben. Der melodramatische Ausgang (Mord des verführten Mannes an der Verführerin) wird angedeutet, aber nicht zu einem Ende gebracht. Die Frau wird aus dem Wasser gerettet, aufs Lager gebettet, mit gelöstem Haar. Dies nun Metapher der Vermischung, Übergang der Doppelbelichtung ins Bild der Frau als Eintrag einer Entwicklung. So arrangieren sich der Mann, die Frau, die Stadt, das Dorf im Zeichen einer Erfahrung der Übergängigkeit und darum im Zeichen der metonymischen Metapher, die, Gegensatz und Vermischung vermittelnd, die metaphorische Metapher ablöst.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:  Jump Cut

Zu "Sunrise" gibt es im archiv mehrere Texte

 

 

Sunrise

SUNRISE - A SONG OF TWO HUMANS

USA - 1927 - 106 min. schwarzweiß -  FSK: ab 6; feiertagsfrei - Verleih: Concorde - Erstaufführung: 17.11.1927/2.3.1974 WDR III/16.12.1983 Neustart - Fd-Nummer: 24266 - Produktionsfirma: Fox Film Corporation - Produktion: William Fox

Regie: Friedrich Wilhelm Murnau

Buch: Carl Mayer

Vorlage: nach dem Roman "Die Reise nach Tilsit" von Hermann Sudermann

Kamera: Charles Rosher, Karl Struss

Musik: Hugo Riesenfeld

Darsteller:

George O'Brien (der Mann, Anses)

Janet Gaynor (die Frau, Indre)

Margaret Livingston (die Frau aus der Stadt)

Bodil Ann Rosing (die Magd)

J. Farrell MacDonald (der Fotograf)

Ralph Sipperly (der Friseur)

Jane Winton (die Maniküre)

 

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