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STURMHÖHE

 

 

 

 

Vor 53 Jahren drehte William Wyler diesen Film, vor 145 Jahren hatte Emily Brontë ihren Roman veröffentlicht, unter einem Pseudonym, sie starb ein Jahr später, gerade dreißig Jahre alt. Ihr Buch, ,,Wuthering Heights" (Sturmhöhe), ist längst Weltliteratur. Wylers Verfilmung, das exquisite Filmmelodram, kommt jetzt wieder in die Kinos mit der jungen Merle Oberon, Laurence Olivier und David Niven in der Blüte ihrer Jahre: 1938/39, sieben Jahre später, beklagte Wyler den Verlust der BESTEN JAHRE UNSERES LEBENS (1946). Welchen Gewinn also bringt uns angesichts dieser vielfältigen historischen Vorgaben die Wiederaufführung dieses Films?

Mit neiderfüllter Bewunderung sah ich, wie sich das Filmmelodram kühn und elegant des Romans bedient, indem es die gleiche Strategie verfolgt: Laß dem Schicksal seinen Lauf. In Emily Brontës Roman hat das Schicksal einen Namen und es ist ein Mann. Dieser erscheint auf unbegreifliche Weise (als dunkelhäutiges Findelkind), kommt und geht, liebt und herrscht, haßt und tyrannisiert, zwischendurch ist er ein paar Jahre in Amerika und wird reich. Heathcliff heißt er (im Film gespielt von Olivier). Cathy (Oberon) kommt von ihm nicht los, obwohl Edgar (Niven) ihr das sorglose Leben einer Gutsherrin bietet. Auf dem Sterbelager läßt Cathy die Stimme ihres Herzens sprechen und versöhnt sich mit Natur und Mann, nämlich mit ihrem Schicksal, und das ist niemand anders als Heathcliff, der vielleicht sogar Zigeunerkind war. Wylers Film faßt diesen geradezu mystisch-transsubstantiierenden Vorgang in eine grandiose Überblendungssequenz: Cathy, die ihr Leben aushaucht, verschmilzt mit ihrem männlichen Schicksal auf der eisigen, schneeigen Höhe des blauen Yorkshire-Berges, den sie gleichzeitig zu erklimmen scheint, und wird zu eben dem Urgestein, das zu bewältigen sie angetreten war.

Daß wir die Materieverwandlung offensichtlich in einem Filmstudio erleben, spricht mitnichten gegen den Film. Denn eine Metapher, die Natur betreffend, muß der naturalistischen Darstellung entraten, um kenntlich zu werden. Emily Brontë, die geniale Endzwanzigjährige, war in ihrem Roman nicht anders verfahren. Auch wird man dem Studio-Licht nicht anlasten dürfen, daß es die Gesichter allzu glatt und maskenhaft, ja weich und flächig zeige, denn selbstverständlich zieht uns die berühmte Tiefenschärfe (Kamera: Gregg Toland, prämiert  mit einem Oscar) in den Hintergrund; auch von Emily Brontë konnten wir keinen Aufschluß psychologischer, mimischer, gar sozialer Art erwarten; es kam, wie es kommen mußte, aus den dunklen Hintergründen von Wuthering Heights oder aus den hellen des Edgarschen Landguts (Thrushcross Grange) oder aus den verschwiegenen Klüften des blauen Bergs, des Urgesteins. Da im Yorkshire von 1847 Menschen keinen Aufschluß zu geben vermochten, wandert die Kamera von 1939 von den Gesichtern weg nach draußen, weit durch die Fenstergitter von Wuthering Heights hindurch oder auch umgekehrt weit durch die geöffneten Fenster in den letzten Winkel der festlich glänzenden Thrushcross Grange hinein. Ein Fest der Tiefenschärfe, denn unablässig stellt sich die bange Frage: Wer gehört wohin? Wird der Nachbar empfangen, und wenn. wo? Wer schläft bei den Schafen, wer nachts an der Glut des Küchenfeuers, wer über dem Stall, wer in der guten Stube, wer im Luxushimmelbett? Immer wieder entdeckt die Kamera neue Hintergrundflächen. Prospekten gleich, und versucht, Dinge zum Reden zu bringen.

Auf diese Weise voll beschäftigt, läßt der Film nicht die Frage zu, wie die außerordentlichen Stimmungsumschwünge der Helden, insbesondere des Heathcliff zu erklären sind. Es ist bemerkenswert, daß in einer Samuel-Goldwyn-Produktion dieser Zeit auf die damals übliche professionelle Psychologisierung verzichtet wird (Buch Ben Hecht). Zu loben ist also der Respekt, den der Film Emily Brontës Buch zollt. Zu loben ist das berühmte Understatement-Spiel der prominenten Darsteller, das die großen Emotionen halb verdeckt, halb erahnen läßt. Und doch fehlt in diesem gepflegten Melodram etwas, das für den Roman spezifisch ist: das Ungepflegte.

Emily Brontës Roman hat Brüche, Ausbrüche, Ungebärdiges. Man spürt die Autorin, die eine Geschichte erzählt, die die ihre ist. Sie berichtet von der Frau, die im wüsten Yorkshire an Haus und Hof gefesselt ist, und sie macht aus dem Opfer, indem sie überhaupt erzählt, eine Frau, die aufbegehrt und anklagt. Es war wohlbegründet, daß Emily Brontë den Roman unter einem Pseudonym veröffentlichte, das über das Geschlecht des Autors keine Auskunft gab. Von einer Autorin, die einem ihrer Buchhelden eher weibliche Züge gab (Edgar, Herr von Thrushcross Grange, liebt und leidet so ergeben, wie es der viktorianischen Frau diktiert war), hätte man sich Wahrheiten schwer sagen lassen. Eine Verfilmung von ,,Wuthering Heights" würde heute vermutlich auf die Latenzen des Romans verweisen: auf die sich regenden Kräfte, das keimende Aufbegehren, die Allianz mit schockierend Unstandesgemäßem: mit dem dunkelhäutigen Ausländerbalg, schließlich mit dem willensstarken Eindringling, der aus dem fernen Erdteil den großen Haß mitgebracht hat und der die selbstzufriedene Landadelkaste von Yorkshire bedroht.

 

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

Diese Kritik erschien im Mai 1992 in:  epd film

 

 

STURMHÖHE

(WUTHERING HEIGHTS)

USA 1939. R: William Wyler. B: Ben Hecht, Charles MacArthur (nach dem Roman "Wuthering Heights" von Emily Brontë). P: Samuel Goldwyn. K: Gregg Toland. Sch: Daniel Mandell. M: Alfred Newman. A: James Basevi. Ko: Omar Kiam. Pg: Goldwyn. V: NEF 2. L: 104 Min. FSK: 12, ffr. DEA: 1950. St: 21.5.1992. D: Merle Oberon (Cathy), Laurence Olivier (Heathcliff), David Niven (Edgar), Flora Robson (EIIen Dean), Donald Crisp (Dr. Kenneth), Geraldine Fitzgerald (Isabella), Hugh Williams (Hindley), Leo G. Carroll (Joseph), CeciI Humphreys (Judge Linton).

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