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Die Stille nach dem Schuß

 

 

Die DDR, wie sie leibte und lebte. Eine begnadete Requisite. Jedes Detail stimmt. Die Einbürgerung der Ex-RAF-Kämpferin Bibiana Beglau ist perfekt. Sie hat sich ein weißes, mit roten Blumen bedrucktes, schulterfreies Kleid mit gerüschter Spitzenbordüre angezogen; ihre schwarzen Haare gleiten darüber weg, und das zage Lächeln paßt zum wehmütigen Optimismus, mit dem sie, die im Westen gesuchte Terroristin, mit neuer Identität versehen am Leben des Arbeiter- und Bauernstaates teilnimmt.

Im Großen und Ganzen stimmt jedoch an Schlöndorffs Film nichts. Bibiana Beglau behält ihre Mimik bis zur letzten Spielminute bei, und wir begreifen: Sie ist lediglich dazu da, uns etwas zu bedeuten. Fixiert und reduziert auf eine Mutmaßung, ist sie nur deswegen nicht die reale Kämpferin Inge Viett, weil das Urheberrecht dawider ist.

 

Wir sollen etwas lernen in diesem Film, nicht etwas lieben, schon gar nicht die bereits erwähnte Bibiana Beglau. Deswegen muß auch die Romanze mit Alexander Beyer scheitern. Der kann zwar am Ostseestrand zwischen FDGB-Heim und Brandung seinen gut trainierten Körper zeigen, aber die Szene will nicht leben, und die uns schon bekannte Mimik der Heldin signalisiert es: Für paarweise Liebe ist kein Platz in der DDR, da ist die Stasi vor. Um eben dies zu illustrieren, hat Alexander Beyer seine Rolle im Film, und eben deswegen wird in Schlöndorffs Film im Großen und Ganzen nichts so lebendig wie in Haußmanns Sonnenallee. Haußmann ist auch einer, der perfekt beschreiben kann, aber seine Details bleiben nicht Requisite und Alexander Beyer nicht Besetzung.

 

Aber seien wir gerecht. In Schlöndorffs Film guckt jemand, der von draußen kommt (BRD) auf die Details der DDR; das ergibt wie von selbst den Look von Exponaten; wir sind in der "Stille nach dem Schuß" in einem ausgedehnten Museumsdorf, und wieso soll denn da was leben? Schlöndorff steht jedoch nicht dazu. Etwas Belebendes mußte her. Was? Action! Action vorne und hinten. Das geht so: Am Anfang fahren die wackeren RAF-Kämpfer im malerischen Paris ganz schnell motorisiertes Zweirad, vespamäßig; das Polizeiauto tatütata hinterher, aber, lach!, durch den schmalen Gang kommt es nicht durch. Wir sehen solche Szenen mindestens einmal am Sendetag, und Schlöndorffs ist davon die holprigste. Doch kommen wir zur finalen Action. Bibiana Beglau, die nicht Inge Viett sein darf, wird von der Polizei, die nicht mehr Vopo sein darf (Wende!), erschossen. Da sie schon wieder Motorrad fährt (geklaut) und keinen Helm aufhat, fällt sie hin, und dann wird es schon deswegen still, weil der Film nun zu Ende ist. Wir glauben Schlöndorff selbstverständlich kein Wort und kein Bild vom Schluß - nicht etwa weil Frau Viett bekanntlich lebt, sondern weil die Szenerie etwas bedeuten soll, was sie nicht ist: Sie illustriert eine im Menschlichen defizitäre Stasi, der - haben Sie's gewußt? - Einzelschicksale schnurz sind, auch und gerade in den Monaten vor dem Beitritt. Wir lernen: Aus Gründen des Gesetzes (Internationales Terroristenabkommen!) will die Wende-Stasi die Terroristin, da sie nun mal enttarnt ist, an die westdeutschen Strafverfolgungsbehörden ausliefern. Gemeingemein.

 

Ein versöhnliches Wort zum Schluß. Im Mittelfeld, zwischen den unsäglichen Action-Klammern, ist der Film angenehm unaufgeregt. Man hat Zeit, einen zweiten Blick auf das zu riskieren, was man eigentlich schon gecheckt hat. Man sollte es sich wirklich zweimal überlegen, eine aufgeregte Kritik zu schreiben.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im:   Schnitt

 

Zu diesem Film gibt es im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

 

 

Die Stille nach dem Schuß. D 1999.

R,B: Volker Schlöndorff. B: Wolfgang Kohlhase. K: Andreas Höfer. S: Peter Przygodda. P: Babelsberg. D: Bibiana Beglau, Martin Wuttke, Nadja Uhl, Harald Schrott, Alexander Beyer u.a. 104 Min. Arthaus ab 14.9.00 

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