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Der Stern des Soldaten

Felswände ziehen vorbei, immer gleich, Kehre für Kehre. Wer zu lange auf die Felsen starrt, droht zu versteinern, wie die russischen Soldaten, die im Jeep durch den Hindukusch gekarrt werden. Nikolai ist einer von ihnen. Er wollte nicht nach Afghanistan. Zuhause in Russland spielte und sang er Rockmusik, pflasterte seine Zimmerwände mit Starfotos. Hier, in der Fremde, werden die toten Krieger zu Sternen, das behaupten jedenfalls die Afghanen. Noch viele werden sterben, glauben sie, und irgendwann wird der Nachthimmel nicht mehr dunkel sein. Verständlich, dass auch Nikolai wissen will, wie viele Kameraden täglich umkommen, als er ins Panschirtal gebracht wird, anno 1983 - der Afghanistankrieg geht in sein viertes Jahr. „Fragen sind wie Essigumschläge", grummelt ein Kamerad, „Sie brennen, aber bringen nichts." Doch Nikolai, immer auf dem Sprung, immer Beinahe-Deserteur, stumpft nicht ab, hält die Augen auf, registriert, wie brutal das Militär gegen die Zivilbevölkerung vorgeht.

 

Fragen stellen: Christophe de Ponfilly hat sich in mehreren Dokumentarfilmen seit seiner ersten Hindukusch-Reise 1981 mit der endlosen Reihe von Konflikten in Afghanistan beschäftigt, mit dem Stellvertreterkrieg bis 1989, mit dem in Folge aufflackernden Bürgerkrieg oder der letztlich auch für den Westen fatalen Strategie der CIA, mittels Unterstützung islamistischer Kräfte ein „Vietnam Russlands" zu provozieren. Der einzige Spielfilm des Regisseurs und Buchautors - 2006 nahm er sich das Leben - erzählt die auf Tatsachen basierende Geschichte eines russischen Soldaten, der von afghanischen Guerilleros verschleppt wird. Mit der Zeit freundet sich Nikolai mit den Männern an, lernt ihre Traditionen zu schätzen, wird schließlich, halb gezwungenermaßen, halb aus Überzeugung, „einer von ihnen". Nikolai macht zudem die Bekanntschaft mit einem französischen Journalisten namens Vergos, der verschiedene Widerstandsgruppen sporadisch mit der 16-mm-Kamera begleitet. Eine Figur, in der de Ponfilly sich selbst portraitiert.

 

Der Regisseur macht keinen Hehl aus seinen Sympathien für den Führer dieser offenbar gemäßigten Guerilla-Gruppe. Jener Ahmed Shah Massud kam zwei Tage vor dem 11. September bei einem Attentat ums Leben. Im Dokumentarfilm „Massud, der Afghane" (1987) beschrieb de Ponfilly ihn als „Mischung aus Che Guevara und Bob Dylan". Auch „Der Stern des Soldaten" weist in der Zeichnung des Stammesfürsten hagiographische Züge auf. Doch Massud und letztlich auch Vergos sind Randfiguren, während das Schicksal Nikolais in eindrucksvoller Breite geschildert wird. Der russische Tänzer und Schauspieler Sacha Bourdo verleiht ihm schwejksche Untertöne; im Verein mit de Ponfillys einfühlsamer Regie ersteht eine Figur, bei der im Verlauf der Metamorphose doch unklar bleibt, inwieweit Nikolai (schon) Afghane oder (noch) Russe ist. Vielmehr löst der Film Orientierungslosigkeit aus, wodurch politische und persönliche Subtexte dieses Krieges an die Oberfläche geholt werden. Die Schilderung direkter Gewalt wird von de Ponfilly eher vermieden. Seine Kamera registriert weniger das Sterben als das Leben - und die Bedingungen, unter denen ein Weiterleben möglich ist. Trotz des authentischen Stoffs wirkt „Der Stern des Soldaten" mitunter konstruiert, mit Sinn überladen, und ist doch so reich an lakonischen, oft poetischen Episoden, dass die Glaubwürdigkeit überwiegt. Der Sänger Assad wird zum besten Freund Nikolais, dem er seine Rubab, ein traditionelles Saiteninstrument, schenkt. Damit tritt Nikolai, in einer komischen Szene, als Rockstar vor einer Schar von Kindern auf. Sein Traum von der Musik und von der Flucht nach Frankreich, bei der ihm Vergos helfen will, erfüllt sich nicht. Am Ende leuchtet ein Stern mehr über Afghanistan.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst

 

Der Stern des Soldaten

Frankreich / Deutschland / Afghanistan 2006 - Originaltitel: L'Étoile du soldat - Regie: Christophe de Ponfilly - Darsteller: Sacha Bourdo, Patrick Chauvel, Mohammad Amin, Ahmad Shah Alefsourat, Gol Goutey, Igor Naryshkin - FSK: ab 12 - Länge: 105 min. - Start: 19.6.2008

 

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