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Der Stellvertreter

"Schindlers Liste" mit Tiefgang

 

DAS MÄRCHEN VOM DEUTSCHEN WIDERSTAND

 

Nazis hat es in Deutschland nie gegeben.

 

Die Fackelzüge und die Aufmärsche, die zahllosen fahnengeschmückten Häuser, die Hakenkreuzträger, das mochte auf den einen oder anderen schon beunruhigend wirken. "Ja, wenn man damals schon gewußt hätte, was man heute weiß..."

 

Daß das nämlich alles Mitläufer waren. Die innerlich dagegen waren, und weil das lebensgefährlich war, getarnt hatten. Manch einer hat sich bis zum Gauleiter raufgetarnt.

 

Und Widerstandskämpfer. Es gab in Deutschland überall Widerstandskämpfer. Nationale, liberale, sozialdemokratische und kommunistische Parteien arbeiteten im Untergrund gegen das System. Im diplomatischen Dienst, im Militär, in den unterwanderten Nazi-Organisationen, in den Führungsetagen der Wirtschaft, an den Universitäten - überall sabotierten Nazigegner das System, allein oder in verschworenen Gruppen, versteckten Juden, halfen Homosexuellen, setzten sich für verfolgte Kollegen ein, warnten politisch Verfolgte, legten Betriebe und Organisationen lahm, lenkten Züge um, machten Kriegsgerät unbrauchbar, verübten Attentate auf die (ganz, ganz wenigen) wirklichen Nazis.

 

Und das alles, ohne je von einem einzigen Nazi-Unrecht erfahren zu haben. Vor 1945.

 

Erstaunlich, wie sich dennoch eine "ganz kleine Clique" (Adenauer) an der Macht halten und Deutschlands Ruf so nachhaltig beschädigen konnte.

 

 

DIE HOLOCAUST-INDUSTRIE

 

"Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!", heißt es nach wie vor im vermutlich gesamtauflagenstärksten Buch. Von den ersten christlichen Kaisern und Konzilien über Luthers Machwerk "Von den Juden und ihren Lügen" bis zu den "Protokollen der Weisen von Zion", einer Fälschung der zaristischen Geheimpolizei, gibt es eine kontinuierliche Geschichte der Hetze und Diskriminierung, der regelmäßig organisierte Verfolgungen (z. B. durch die Spanische Inquisition) und "spontane" Pogrome folgten, teils mit mehreren tausend Toten an einem Tag.

 

Kein deutscher Bischof widersprach Hitler dann auch, als er 1933 behauptete, der Nationalsozialismus setze nur das fort, was die Kirchen über Jahrhunderte betrieben hätten. Trotzdem gab es gewichtige Unterschiede: Die Nazis sahen Juden weniger als Mitglieder einer bestimmten Religionsgemeinschaft denn als Angehörige einer besonderen "Rasse", deren "Minderwertigkeit", ja, "Schädlichkeit" erblich bedingt sei. Eine Vereinnahmung ("Konversion"), wie sie die Kirchen anstrebten, war damit von vornherein ausgeschlossen.

 

Mit Kriegsbeginn gaben die Nazis die bis dahin verfolgte Politik der Vertreibung auf und begannen mit der systematischen Ermordung der 11 bis 12 Millionen europäischen Juden - auch der Konvertierten. Der Völkermord begann mit Massenerschießungen, systematischer Verschlechterung der Lebensverhältnisse, Ghettoisierung und wurde allmählich immer weiter perfektioniert. Es entstand eine Industrie, die sich ausschließlich der Vernichtung von Menschen widmete, mit etwa 40,000 bis 45,000 Mitarbeitern, vom Wachmann zum KZ-Architekten, vom Eisenbahn-Logistiker bis zum Giftgasexperten.

 

Einer von ihnen war Kurt Gerstein.

 

 

"DER STELLVERTRETER" - Die Geschichte der Figur Kurt Gerstein

 

Sommer in einer deutschen Stadt. Begleitet von Zurufen wie "Sieg Heil" oder "Erst Frankreich, dann England!" marschiert eine Gruppe von Pimpfen und Braunhemden eine Straße entlang. Links Häuser, rechts eine Mauer, dahinter eine Schlange von Menschen in Kitteln. Einige haben die typischen Gesichtszüge von Trisomie-23-Kranken, "Mongoliden". Rotkreuzschwestern schieben sie weiter, zu einem zeltüberdachten Schreibtisch. Unsicher lächelt eine junge Frau den Mann im Arztkittel an, reicht ihm eine Akte. Ein Blick zur Seite, ein Nicken, der Arzt stempelt, wendet sich dem nächsten Wartenden zu. Eine Busfahrt, eine neue Anstalt, Schlangestehen für die Duschen. Draußen wirft ein SS-Mann einen Dieselmotor an.

 

"Tod durch Lungenembolie", heißt es im bedauernden Schreiben, das die Familie später enthält. Der SS-Mann Kurt Gerstein ist entsetzt, schenkt den Beschwichtigungen seines Vaters keinen Glauben. Von einem befreundeten Priester erfährt er, daß viele Menschen in den letzten Wochen ihre behinderten Angehörigen verloren hätten. Wegen "Herzstillstand" oder "Lungenembolie". Keine Frage, ein Massenmord unter Behinderten ist im Gange, "Operation Gnadentod". Im münsteraner Bischof Graf von Galen finden sie einen mutigen Fürsprecher: Er prangert die als "Euthanasie" verniedlichte Aktion von der Kanzel des Münsters herunter an. Tatsächlich wird sie gestoppt.

 

Kurt Gerstein arbeitet im Hygieneinstitut der SS. Wasseraufbereitungs- und Desinfektionsanlagen sind die Spezialität des Ingenieurs. Ein Einsatz bringt ihn in den Osten, an einen Ort, wo ungewöhnlich große Mengen des Blausäurederivats "Zyklon B" eingesetzt werden. Von einem SS-Arzt begleitet, der fortan eine Art Mentorenrolle für Gerstein übernimmt, wird der Ingenieur und strenggläubige Protestant Augenzeuge einer Judenvergasung. Er beschließt, bei der SS zu bleiben, und die Verbrechen, deren Zeuge er geworden ist, öffentlich zu machen. Nur wenige glauben ihm - darunter der junge Priester Ricardo, mit dem zusammen Gerstein versucht, Papst Pius XII. zur öffentlichen Anprangerung des Massenmordes zu bewegen...

 

 

FILMKUNSTASPEKTE / INTERPRETATION

 

Der Film will keine authentische Biographie Kurt Gersteins sein, und in vielen Punkten weicht er von gesicherten Fakten ab. Auf der Podiumsdiskussion, die der deutschen Uraufführung voranging, stellte der griechisch-französische Regisseur Constantin Costa-Gavras ("Vermißt", "Z", "Missing") klar, daß die Geschichte Gersteins für ihn eine Allegorie sei. Zivilcourage sei sein großes Thema, auch in diesem Film, der die Figur Gerstein bei ihren Entscheidungen zwischen gut und böse zeige.

 

Wen das an "Schindlers Liste" erinnert, liegt nicht ganz falsch, kann aber beruhigt werden: Costa-Gavras verniedlicht den Holocaust nicht zum simplen Schwarz-Weiß-Hollywood-Film mit übergutem Überhelden. Gerstein (facettenreich verkörpert von Ulrich Tukur) bleibt zwiespältig, manchmal eigenartig naiv, immer wieder in der Gefahr, beim Balanceakt zwischen seiner Tarnung als eifriger SS-Offizier und seinem Bestreben nach Verrat und Sabotage umzukippen.

 

Costa-Gavras stellt ihm zwei fiktive Figuren zur Seite, den Priester Ricardo und den (im gesamten Film namenlosen) SS-Arzt. Beide symbolisieren auch die Seiten, zwischen denen Gerstein steht. Ricardo bleibt gutgläubig, konsequent und folgt seinem Gewissen bis in den Tod. Der SS-Arzt (glänzend-unterkühlt von Ulrich Mühe gespielt) ist ein Zyniker, gefühllos, der sein "Gewissen unterdrückt" und sich weder Idealismen noch Illusionen hingibt. So kühl, wie er den Massenmord plant und durchführt, rettet er sich zum Schluß auch mit der Hilfe der Kirche nach Südamerika.

 

Während Gersteins Mitstreiter Ricardo (Mathieu Kassovitz) eine Ergänzung Costa-Gavras ist, beruht der Film weitgehend auf einem Theaterstück Rolf Hochhuths. Dieses hatte in den 1960ern für erhebliches Aufsehen gesorgt, prangerte Hochhuth doch das Schweigen der katholischen Kirche zum Holocaust schonungslos an. Costa-Gavras hält sich nicht streng an die Vorlage, kürzte endlose Monologe heraus, "movie is telling with pictures, not with words", sagte er auf der Premiere.

 

Dabei bleibt er zurückhaltend: Keine Leichenberge, keine Massen ausgemergelter Häftlinge, keine Effekthaschereien. Immer wieder rumpeln Güterzüge durchs Bild, mal voll in die eine, mal leer in die andere Richtung. Das Grauen in den Lagern wird angedeutet, durch Rauchfahnen aus Schornsteinen, in den Worten und Andeutungen der SS -

 

Authentisch rekonstruierte Uniformen, Hörsäle, Lagerbaracken, Vatikanhallen und Werbeblechschilder liefern eine stimmige Kulisse, vor denen die zahlreichen Figuren glaubwürdig agieren können. Neben den historischen Personen wie Gerstein, Otto Dibelius und Pius XII. stehen allegorische Charaktere, in denen die Züge mehrer Vorbilder zusammenfließen und die daher eher als Typen funktionieren. Der Mord an den Juden interessiert sie nicht, wenn sie Gerstein überhaupt glauben, zu sehr sind sie mit dem Krieg, mit Deutschlands Größe respektive dem Erhalt des Kircheneinflusses beschäftigt, zu sehr mit der Rettung der eigenen Besitzstände.

 

Zivilcourage und moralische Korruption - Costa-Gavras nutzt einen historischen Stoff, um ein zeitloses Thema zu behandeln. Wie ein gutes Theaterstück hält er sich nicht streng an die historischen Begebenheiten, stellt aber das Denken und Handeln seiner Hauptfiguren so authentisch wie möglich dar. So ist auch die Konfrontation Gersteins mit Pius' Kardinälen nicht historisch, sie ist nur eine Verdichtung des Grundkonflikts. Auch den evangelikal-missionarischen Glaube, der den historischen Gerstein ausmachte, läßt der Regisseur weitgehend außen vor: Zivilcourage - und ihr Fehlen - hat mit Religion allenfalls am Rande zu tun.

 

Anders als das Stück ist der Film daher auch keine explizite Anklage der Kirche. Costa-Gavrad präsentiert die historischen Begebenheiten, die mutigen wie letztlich fruchtlosen Aktionen Gersteins ebenso wie das vorsichtig-defensive Taktieren der Kirchenvertreter. Auch die Motive der Figuren werden dargestellt, insbesondere die Angst Roms vor dem Atheismus der Bolschewismus. Zu verständnisvoll und genau ist "Der Stellvertreter" bei der Darstellung der Bösen, um eine Hetze zu sein, zu differenziert, zu zwiespältig, zu erfolglos bleibt Gerstein, um den Film zum Heldendenkmal abrutschen zu lassen. Costa-Gavras gab dem Film in seinen Interviews keine Interpretation, keine einfache "Botschaft" mit auf den Weg, so sehr er auch dazu gedrängt wurde. Anders als Spielberg hat er den Mut, auf die Intelligenz und das Urteilsvermögen seiner Zuschauer zu bauen und ihnen das Nachdenken nicht abzunehmen.

 

 

TROTZDEM - Zeitgeschichte

 

Costa-Gavras bringt Hochhuths Stück gerade jetzt auf die Leinwand, während die Seligsprechung Pius XII. ansteht. Auch wenn - oder gerade: weil - er nur eine Geschichte erzählt, die sich im großen und ganzen an bekannte historische Fakten hält, kommen beide Kirchen und ihre Vertreter dabei nicht sonderlich gut weg. Das gilt zwar im wesentlichen für jede historische Epoche, die Verstrickung der Kirchen in den Holocaust hat ihnen allerdings in besonderem Maße moralische Autorität geraubt.

 

Trotz gegenteiliger Anschuldigungen ist Costa-Gavras Film eher noch beschönigend, was die Kirchengeschichte betrifft. Nach dem Weltkrieg, dem damalige Optimisten noch nicht die Nummer 1 gegeben hatten, gab es in Europa zahlreiche junge, instabile Demokratien.

 

Die Katholische Kirche stand Demokratie und Liberalismus ablehnend gegenüber. Furcht vor pluralistischen Gemeinschaften, Furcht vor dem Abfall Gläubiger zum Protestantismus oder gar zum Atheismus, Furcht vor dem Verlust von Einfluß und Privilegien, vor dem Verlust einer als gottgegeben angesehenen Ordnung waren virulent. In manchen Ländern, wie in Deutschland, brachte das Ende protestantischer Herrscherhäuser zwar gewisse Vorteile mit sich, und der politische Arm des Katholizismus - die Zentrumspartei - setzte sich lieber für den Erhalt der bestehenden neuen Ordnung ein, als das Feld den Kommunisten zu überlassen.

 

Oder den protestantischen Deutschnationalen. Die DNVP war zutiefst protestantisch, ihre Mitglieder konnten sich nie mit der Republik anfreunden, die auch ein Ende des Bündnisses von "Thron und Altar" bedeutete. Offiziell gaben sich die evangelischen Kirchen der Weimarer Zeit politisch neutral, faktisch bekämpften sie "sozialistisch" gesinnte Pfarrer und Gemeinden in den eigenen Reihen recht vehement. Dezidiert national, waren sie anders als die Katholiken auch nicht international orientiert.

 

Nach und nach gelangten unter anderem in Italien, Spanien, Portugal, Polen und Österreich autoritäre Regime an die Macht. Sie wurden von der katholischen Kirche gestützt und wiederum von den strukturell ähnlich aufgebauten, ebenso traditionsverbundenen Regierungen privilegiert. Am bekanntesten dürfte der spanische Klerikalfaschismus des Franco-Regimes sein, der der Kirche die Aufsicht über das Schulsystem und andere weitgehende Rechte einbrachte - was noch bis in die 1970er harmonisch funktionierte. (Zugegeben, die hunderttausenden von Sozialisten, die Franco umbringen ließ, hätten das vermutlich anders formuliert.)

 

Am drastischsten dürfte die Zusammenarbeit im kurzlebigen Nazi-Vasallenstaat Ustascha-Kroatien gewesen sein, wo das herrschende Regime die orthodoxen Serben zwangskatholisierte und oft auch gleich umbrachte, um einen Abfall vom neuen Glauben zu verhindern - mehr als 200,000 Menschen wurden damals in den Lagern im Namen des Katholizismus' umgebracht. Nach dem Krieg wurde der dortige Erzbischof, der eng mit dem Regime zusammengearbeitet hatte, zum Kardinal befördert und in Rom dem Zugriff Außenstehender entzogen.

 

Anders als ihre faschistischen Schwesterparteien stand die NSDAP den Kirchen ablehnend gegenüber. Neuheidnische Vorstellungen, die besonders im Umfeld des SS-Chefs Heydrich gepflegt wurden, spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle: Der totale Machtanspruch Hitlers duldete keine zweite Macht neben sich, die nicht gleichgeschaltet und vollständig auf Kurs gebracht worden wäre. Im Atheismus, wie er beispielsweise von den Kommunisten gepflegt wurde, sahen beide einen gemeinsamen Feind.

 

In seiner Regierungserklärung am 23.3.1933 versprach Hitler, die Privilegien der Kirche insbesondere auch im Schulwesen nicht anzutasten. Wenige Tage später sicherten ihm die deutschen Bischöfe ihre Unterstützung zu. Das war durchaus praktisch gemeint: Von den zahlreichen "wilden" KZs, die schnell zur Aufnahme der zahllosen inhaftierten Kommunisten und Sozialdemokraten geschaffen wurden, wurde eines (Kuhlen bei Rickling) von der Inneren Mission geführt. Die dort inhaftierten 200 Männer wurden nicht anders, insbesondere: nicht besser behandelt als in anderen KZs auch.

 

Trotz des "Reichskonkordats", das im Juli 1933 zwischen Vatikan und Deutschem Reich geschlossen wurde und einen enormen Prestigeschub für Hitler bedeutete, begannen die Nazis schon bald damit, die Gleichschaltung auch der Kirchen zu versuchen. Es begann ein jahrelanges Taktieren, bei dem die Nazis versuchten, Einfluß und Privilegien der Kirchen zu beschneiden, ohne die Öffentlichkeit zu verärgern, und die führenden Kirchenvertreter versuchten, ihre Vorrechte, ihre Organisationen, kurzum: ihre Macht zu erhalten. Diese Eigentümlichkeit zieht sich durch den gesamten sogenannten "Kirchenkampf": Trotz der Nazi-Versuche, auch die Kirchen zu vereinnahmen, verhinderten obrigkeitshörige, "deutschnationale" und antisemitische Traditionen, aber auch gemeinsame Feindbilder wie Homosexualität und Bolschewismus bei den meisten den endgültigen Bruch mit dem Regime. Öffentliche, lautstarke Kritik wurde nur da laut, wo die Kirchenfunktionäre ihre Freiheiten und die ihrer Organisationen bedroht sahen - mit einer Ausnahme: der "Euthanasie" genannten Mordaktion besonders an geistig Behinderten.

 

Bischof Graf von Galens berühmte Predigt fällt in den August 1941. Seit 1939 waren bereits etwa 70,000 Menschen ermordet worden. Viele, wenn nicht die meisten waren zuvor in kirchlichen oder kirchennahen Institutionen untergebracht gewesen, und nicht selten sind solche Institutionen selbst zu Mordstätten geworden. Der Predigt waren Versuche einzelner Priester und Pfarrer vorangegangen, mit den Nazis zu verhandeln (teils mit dem Ziel, daß die Behinderten wenigstens nicht vor Ort umgebracht würden) oder sich brieflich an "höchste Stellen" zu wenden. Aber erst die Predigt Galens, in der die Rechtfertigung des Tötens im Kriege und die Anprangerung von Übergriffen auf kirchliches Eigentum insgesamt einen weit größeren Raum einnehmen, führte zu einem weitgehenden Abbruch der Mordaktionen. Zwangssterilisationen fanden weiterhin in großem Umfang statt.

 

Es fanden sich keine Bischöfe, die im gleichen Maße gegen den Krieg predigten - im Gegenteil, besonders der zum "Kreuzzug gegen den [atheistischen] Bolschewismus" verklärte Überfall auf die Sowjetunion fand breiteste kirchliche Unterstützung.

Es fanden sich keine Bischöfe, die sich im gleichen Maße offen für Kommunisten, Sozialdemokraten, russische Kriegsgefangene, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kriegsdienstverweigerer, "Asoziale" oder "Zigeuner" eingesetzt hätten. Und vor allem nicht für die größte Verfolgtengruppe - die Juden.

 

Es ist dieser Hintergrund, vor dem die Filmfigur Gerstein, ihre Gedanken und ihr Handeln stehen - und den Costa-Gavras zum Teil nur andeutet, zum Teil auch einfach voraussetzt. (Was mich wiederum zu diesen Ausführungen brachte.)

 

Es ist dieser Hintergrund, der erklärt, warum die Kirchen bei dem Versuch, ihre moralische Autorität zu begründen, auich auf ambivalente historische Personen wie den wirklichen Gerstein zurückgreifen.

 

 

KURT GERSTEIN (1905-1945) - Der Mensch

(Darstellung von B. Hey, Landeskirchliches Archivs der Ev. Kirche Westfalen)

 

"Gerstein (geboren 1905 im westfälischen Münster) studierte nach dem Abitur Bergbau und wurde Dipl.-Ingenieur und Bergassessor. Als Mitglied der Bekennenden Kirche war er einer der Führer der deutschen Schülerbibelkreise und legte sich bald mit den nationalsozialistischen Machthabern zunächst auf dem Gebiet der Kirchenpolitik an. Propaganda für die Bekennende Kirche führte zur zweimaligen Verhaftung, zum Ausschluss aus der NSDAP und zum Berufsverbot. Gerstein schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und fing an, in Tübingen Medizin zu studieren. 1941 entschloss er sich zum Eintritt in die SS, um einen Blick hinter die Kulissen in die 'Feueröfen des Bösen' zu tun und Genaueres [sic] über die Euthanasie und die Judenvernichtung zu erfahren. Als Leiter der Abteilung Gesundheitstechnik im SS-Hygieneamt machte er schnell Karriere [er wurde Obersturmführer, entspricht einem Oberleutnant]. Im August 1942 erlebte er in Belzek und Treblinka die Vergasung von Juden, worauf er sofort begann, die schwedische und die schweizerische Botschaft, deutsche Kirchenführer und über den holländischen Widerstand die Alliierten in London zu informieren. Ferner versuchte Gerstein, Zyklon B-Lieferungen über sich selbst zu lenken und sie zu sabotieren. Diese Widerstandshandlungen sind zuverlässig bezeugt, auch wenn sie am Ende ergebnislos blieben. Bei Kriegsende stellte sich Gerstein der französischen Armee und schrieb in der Internierung seinen berühmten Augenzeugenbericht über die von ihm beobachteten Gräuel in Belzek und Treblinka. Als Kriegsverbrecher angeklagt wurde er in das Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi überführt, wo er - an dem Widerspruch zwischen seiner Rolle als Zeuge der Naziverbrechen und der Anklage, selbst an Kriegsverbrechen teilgenommen zu haben, zerbrochen - am 25. Juli 1945 Selbstmord beging. Sein Grab ist nicht bekannt."

 

Gerstein selbst scheint seine Rolle, die er als SS-Mitglied im Hygieneamt spielte, kritischer gesehen zu haben als sein Kurzbiograf. Auch die Entnazifizierungskammer von 1950 kam zu einem zwiespältigen Ergebnis: Gerstein hätte nach dem, was er in Belzec erlebt hatte, Mittel und Wege finden müssen, sich herausziehen, anstatt durch das Sabotieren unerheblicher Mengen des Giftgases symbolischen Widerstand zu leisten. - 1963 wurde Gerstein in Deutschland offiziell als "entlastet" anerkannt und damit rehabilitiert. Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter", das 1963 erschien, hat dazu entscheidend beigetragen.

 

Wie dem auch sei: Anders als der Film-Gerstein wußte der wirkliche Gerstein bereits vor seinem SS-Eintritt vom Holocaust. Auch spielte sein Glaube eine große Rolle. Wie viele christliche Nazigegner stand er anfangs dem Nationalsozialismus durchaus positiv gegenüber und wurde erst durch die Kirchenpolitik der Nazis in die Opposition getrieben. Anders als andere beließ er es aber nicht dabei, diesem Einzelaspekt des Regimes entgegenzuwirken. Gersteins Rolle im System ermöglichte es ihm, detailliert und aus erster Hand Zeuge des Massenmords zu werden, und er versuchte, sein Wissen zum Schaden des Systems weiterzugeben. Letztlich bewirkte sein Mut und sein Einsatz wenig - nicht zuletzt, weil er auf wenig Unterstützung traf.

 

Es ist diese Tragödie, aus der Costa-Gavras seinen Film gemacht hat, und weniger das einzelne Detail der Lebensgeschichte Gersteins.


 

BEWERTUNG

 

1945 streuten evangelische wie katholische Kirchenvertreter pauschal Asche auf ihre Häupter. Schon bald wurde aus dem Geschacher um Macht, Einfluß und Privilegien der "Kirchenkampf", schon bald wurden die wenigen einzelnen mutigen Christen, die sich wie Bonhoeffer, Delp oder auch Gerstein uneigennützig dem Nazi-Regime entgegengestellt hatten, pauschal für einen "kirchlichen Widerstand" vereinnahmt. Der Vatikan ging sogar so weit, 1999 eine katholisch-jüdische Historikerkommission zur Geschichtsaufarbeitung einzusetzen. Dieser wurde aus angeblichen "technischen Gründen" der Zugang zu derart vielen zentralen Dokumenten des Vatikan-Archivs verwehrt, daß die Kommission 2001 wegen dieser Behinderungen zurücktrat.

 

Die Art und Weise, wie speziell die katholische Kirche dem drohenden und später dem durchgeführten Völkermord in Rwanda begegnete, läßt daran zweifeln, ob bei allen Fortschritten der Kirchen im Detail - Akzeptanz der Demokratie, weitgehende Beseitigung des tradierten Antisemitismus, usw. - ein wirklicher Wandel passiert ist. Allerdings: Für die Staatengemeinschaft und die Bürger der heutigen "Freien Welt" kann man daran wohl mit gleicher Berechtigung zweifeln.

 

Deshalb ist das Thema von Costa-Gavras' Film, bei allen historischen Bezügen, nicht zeitgebunden. Gersteins Konflikt, zwischen bequemem Eingebundensein und unbequemer Zivilcourage, ist auch unser Konflikt - und wir, die wir unter erheblich einfacheren Bedingungen leben, brauchen erheblich weniger Mut, um uns populistischen Bauernfängern und dem Haß instrumentalisierender Machtpolitiker entgegenzustellen.

 

Unbedingte Empfehlung!

 

Andreas P. Rauch  (31.05.2002)

 

Diese Kritik ist vorher erschienen - unter dem Namen peregrinus - bei: ciao.de

 

Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere Kritiken

 

Bücher zum Thema:

 

- Neben Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" gibt es mehrere Biografien Gersteins. Die detaillierte von Saul Friedländer, "Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten", Gütersloh 1968, wurde mir besonders empfohlen.

- Die vollständigste und aktuellste Darstellung der Hintergründe bietet ein Buch, das treffenderweise "Zeit des Nationalsozialismus" heißt. Der angelsächsische Historiker M. Burleigh beschränkt sich dabei nicht nur auf Deutschland, sondern entwickelt ein Portrait Gesamteuropas in den Jahren von 1918-1945. Erstaunlicherweise ist das Buch genauso detailliert und sachkundig wie spannend und verständlich.

 

Der Stellvertreter
(Frankreich: Amen.)
Frankreich, Deutschland 2002, 132 Minuten
Regie: Constantin Costa-Gavras
Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg
Musik: Armand Amar
Kamera: Patrick Blossier
Schnitt: Yannick Kergoat
Hauptdarsteller: Ulrich Tukur (Kurt Gerstein), Mathieu Kassovitz (Riccardo Fontana), Ulrich Mühe (Der Doktor), Michel Duchaussoy (Der Kardinal), Ion Caramitru (Graf Fontana), Marcel Iures (Der Papst), Friedrich von Thun (Gersteins Vater), Antje Schmidt (Frau Gerstein), Hanns Zischler (Grawitz), Sebastian Koch (Höss), Erich Hallhuber (Von Rutta), Burkhard Heyl (Der Direktor), Angus MacInnes (Tittmann), Bernd Fischerauer (Bischof von Galen), Pierre Franckh (Pastor Wehr)
Offizielle Homepage: www.concorde-film.de/trailer_0204/
Internet Movie Database: http://us.imdb.com/Title?0280653

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