zur startseite

zum archiv

Staub

"Es bleibt immer ein Rest und ein Rest vom Rest!" Sagt Raymond Queneau. Man kann die Dinge der Welt kleinkriegen und immer kleiner, doch am Ende sind sie nicht nichts, sondern immer noch: Staub. Staub, als das, was bleibt, auch wenn die Dinge verschwinden, ist der Gegenstand von Hartmut Bitomskys jüngstem Film. Staub als etwas, das einen ziemlich buchstäblich in den Wahnsinn treiben kann - wie die Frau, die in ihrer Wohnung als Sisyphos des Hausfrauendaseins putzt und putzt und putzt und auch den Fernseher regelmäßig aufschraubt, weil darin der Staub sich fängt.

 

Wir sehen: Putzfrauen in Büros. Wir sehen: Die Staubsaugerindustrie, die auf verlorenem Posten nimmermehr aufgibt. Wir sehen: den Sand der Sahara, der als Staub zu uns gelangt. Wir sehen: Sandstürme im Stummfilm, den Staub, der als Farbe auf die Welt aufgetragen wird. Wir sehen: Staub-Experten der Wissenschaft und, ja, auch das, Staub-Künstlerinnen. Wir sehen, am Ende: den staubfreien Reinraum. Stundenlang, erzählt Bitomsky im Interview, musste die Kamera gereinigt werden, bevor sie hineindurfte in den Raum, der dem Staub widersteht.

 

Zum Staub, den wir sehen, hören wir die tiefe, sonore Stimme von Hartmut Bitomsky. Diese Stimme, denkt man, lässt sich nicht zerstäuben. Vielmehr hat sie, mit philosophischen Einsichten gewappnet, den Staub im Griff. "Staub", sagt Bitomsky, " ist das kleinste Objekt, von dem ein Film handeln kann." Und auch der Film selbst ist "Staub, der in der Dunkelheit des Kinos aufscheint".

 

Zur Stimme, die wir hören, bewegt sich majestätisch die Steadycam. Auch der Blick dieses Films, will es scheinen, lässt sich nicht zerstäuben, er setzt sich zu den Experten, die sprechen, souverän ins Verhältnis. Deshalb durchzieht dieses Werk des vielleicht allzu klugen Essayfilmers Bitomsky mehr als nur eine Inkongruenz. Vom hundertsten des Staubs kommt er ins tausendste und doch will der Film "Staub" aus dem Off (die Stimme des Filmers) und im On (die durch nichts aus der Fassung zu bringende Steadycam) die Kontrolle niemals verlieren. Der Film ist von völlig anderer Konsistenz als sein Gegenstand. Er reiht Staub-Phänomen an Staub-Phänomen, der Logik des Staubs jedoch kommt er in seiner Form nie auf die Spur.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Staub

Deutschland / Schweiz 2007 - Regie: Hartmut Bitomsky - Darsteller: (Mitwirkende) Cornelia Hoepfner, Marga Beck, Ayni Iloar, Srecko Kekec, Martin Schacht, Michaela Preuss - Prädikat: besonders wertvoll - FSK: ab 12 - Länge: 90 min. - Start: 21.2.2008

 

zur startseite

zum archiv