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Standing in the Shadows of Motown

  

Altherren-Emanzipation

 

"Junge - Du mußt Dich entscheiden: Musiker oder Boxer, eines geht nur!" Trotz Vorpubertät mußte Uriel Jones seiner Mutter damals zähneknirschend Recht geben, als er wieder einmal nach dem Boxtraining die Posaune wie eine Querflöte an seine geschwollenen Lippen legte. Er entschied sich für die Musik, wechselte das Instrument und bediente ab 1963 eines der stets mindestens zwei Drumsets bei den Funk Brothers.

 

Anekdoten wie diese ziehen sich durch Paul Justmans Dokumentation wie die unvergessenen Baßläufe von James Jamerson durch die Aufnahmen des Detroiter Motown Labels. The Funk Brothers mit ihren Arrangements und Instrumentierungen unzähliger Hits zwischen 1959 und 1972 dürften die mit Abstand erfolgreichsten Hitproduzenten im Popbereich aller Zeiten sein, dazu begnadete Handwerker und inspirierte Jazzer. Das herauszuarbeiten gelang Paul Justman allerdings vor allem durch einen aufgeregten und sich permanent in Superlativen ergehenden Off-Sprecher statt durch Bilder und Musik. Zusätzlich zum Getexte und den Interviews entschied sich Justman dann zudem, einige der Anekdoten in bekannter TV-Einspieler-Manier nachzuinszenieren. Deutlicher kann man seinen Zeitzeugen eigentlich nicht mißtrauen.

 

Eine Art Rahmenhandlung bildet eine Session der ergrauten Funk Brothers mit Musikern wie Chaka Khan, Bootsy Collins oder Tom Scott, auf der sie alte Hits covern - eine CD-Aufnahme, die ihnen übrigens 2002 den Grammy bescherte. Erstaunlich, daß sich die Funk Brothers bis zu dieser Aufnahme nie als eigentliche Band begriffen haben und - wie etwa Stuff, die Hitmacher der 70er Jahre, eine Band von erfolgreichen Studiomusikern wie Steve Gadd oder Richard Tee - eigene Platten aufgenommen haben. Erst dieser Film machte das möglich - und zuzusehen, wie jene jammenden Recken dies mit wachsendem Stolz begreifen, wie Justman sie also aus dem Schatten von Motown befreit, ist dann ein wirklicher Trost.

 

Oliver Baumgarten

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen im:  Schnitt

 

Standing in the Shadows of Motown

USA 2002. R: Paul Justman. B: Walter Dallas, Ntozaka Shange. K: Douglas Milsome, Lon Stratton. S: Anne Erikson. P: Rimshot. D: The Funk Brothers, Tom Scott, Bootsy Collins, Joan Osborne, Chaka Khan u.a. 116 Min. Arsenal ab 3.7.03

 

 

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