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Stadt als Beute (2005)

 

 

 

Beuteschemata

 

Am Anfang war die soziologische Untersuchung, dann kam das Bühnenstück – und jetzt läuft mancherorts der Film an. „Stadt als Beute“, eine Kompilationsarbeit der Drehbuchautorinnen und Regisseurinnen Irene von Alberti ("Paul Bowles - Halbmond"), Miriam Dehne ("I Love My Pony") und Esther Gronenborn ("alaska.de"), ist ein Film über Menschen in private city.

 

„Da ist diese Stadt und die ist Beute. Und Standortmarketing wird plötzlich auf menschliche Organismen übertragen ... und ich höre immer diese Durchsagen in mir, Beute!“. Marlon hat Probleme seinen Text zu sprechen. „Und irgendein Gas souffliert mir was Unternehmerisches ... und du hörst Kommandos!“ Regisseur Pollesch unterbricht ihn: „Das ist zu viel und zu wenig, zu viel Gefühl und zu wenig davon, was das mit dir zu tun hat.“ Marlon ist ratlos.

 

1999 erschien ein Buch mit Namen „Stadt als Beute“, das sich erstmals mit grundlegenden Umstrukturierungen beschäftigt, die das Bild unserer Städte immer stärker bestimmen. Die Autoren Klaus Ronneberger, Stephan Lanz und Walther Jahn untersuchen darin eine von vielen Ausprägungen jener entfesselten globalen Ökonomie, die in die Mitte der Stadt einen Dom namens Sony Centrum stellt, die sich ganze Straßenzüge aneignet, neu errichtet, Innenstädte in Konsum- und Bürohaus-Zonen umwandelt. Damit einher geht die Vertreibung sozial schwacher und alteingesessener Bewohner aus ganzen Stadtvierteln. Die Städte gehören immer mehr dem Kapital - und den wenigen, die noch irgendwie daran partizipieren können.

 

Teilnahmslos liest Lizzy: „Nichts an dir liebe ich so sehr, wie die für das Unternehmen, das du bist, mobilisierte Kommunikation und Kreativität über dein verlogenes Leben, das du gar nicht hast, weil du nicht lebst, sondern nur deinen Körper verkaufst.“ Der Regisseur: „Ich dachte eigentlich, du hättest gerade ausgerechnet zu diesem Text einen Bezug.“ Lizzy, naiv: „Pollesch? Warum lebe ich in dem Stück jemand ohne Leben?“

 

Nicht nur den Titel „Stadt als Beute“hat der mehrfach ausgezeichnete Autor und Theaterregisseur René Pollesch für sein 2001 uraufgeführtes Theaterstück der Soziologie entliehen, auch inhaltlich kreist es um die Insignien eines Neoliberalismus, der, besonders augenfällig in Berlin, zu einer Oberfläche aus Marmor, Glas und Stahl geronnen ist. Das Stück stellt Bezüge her zwischen Außen und Innen, zwischen Marketing City und Ich-AG. Es hat keine erkennbare Handlung. Text als Bewusstseinszustand der Stadt und ihrer Bewohner. Furios herausgeschleuderte Sätze reflektieren das Verhältnis zwischen einer wirtschaftlich-technologischen Allmachtsreligion und ihrem ökonomischen Faktor „Mensch“.

 

Ohboy erscheint mal wieder nicht zu den Proben. Pollesch: „Vielleicht ist das von Bedeutung, dass er nicht kommt. Vielleicht hat er eine andere Form von Verweigerung gefunden, die wir gar nicht kennen. Ich finde interessant, dass er nicht da ist.“ Die anderen sind genervt: „Der kann seinen Text sowieso nicht lesen, der soll doch lieber wegbleiben.“ Erst am Ende der Proben taucht Ohboy auf, halbnackt: „Hey, Leute!“.

 

Vom Stück zum Film, vom Bewusstsein zum Sein: Der Film „Stadt als Beute“ versucht, den Diskurs in Handlung zu übersetzen. Er geht der Frage nach, wie gehen Schauspieler, die den Text spielen sollen, während der Proben damit um, und inwieweit ist der Text anwendbar auf ihr privates Leben? Ausgangspunkt ist die Arbeit am Stück, das auch im Film von dem sich selbst spielenden Pollesch inszeniert wird. Von den Proben aus folgt der Film drei Schauspielern in ihre Welt. Drei Parallel-Episoden, von je einer Regisseurin gedreht. Die Inszenierung ist das Ziel, der Weg dahin führt durch die Stadt.

 

Marlon (Richard Kropf), der schüchterne Held von Teil Eins, ist gerade frisch in Berlin angekommen. So fremd ihm die Stadt ist, so fremd ist ihm auch sein Rollentext. Erst eine nahezu halsbrecherische Odyssee durch eine Nacht und einen Tag verhilft ihm zu der nötigen Portion Wahnsinn, die er braucht, um seinen Part im Stück mit Leben zu füllen. Übernächtigt und blutend erscheint er im Theater. Spätestens nun weiß er seinen Text zu sprechen.

 

Auch Lizzy (Inga Busch), die Protagonistin in Episode Zwei, muss sich ihre Inspiration von der Straße holen: Sie, die sich direkt nach den Proben einen ultrateuren Designer-Mantel geklaut hat, verschlägt es in einen Table-Dance-Club, wo sie mit dem Geschäftsführer Julian (Stipe Erceg,„Die fetten Jahre sind vorbei“) und der kleinen Porno-Queen Babe (Julia Hummer, „Die innere Sicherheit“) ins Gespräch kommt, gemeinsam mit ihnen die ganze Nacht durch Champagner säuft, kokst und knutscht, bis ihr urplötzlich eine Rechnung von 1200 Euro vorgelegt wird. Learning by Living: Vermarktung von Persönlichkeit. Auch Lizzy hat ihre Lektion gelernt.

 

Warum Ohboy (David Scheller), ein klarer Fall von Berliner White Trash mit OliBa und Jogginghose, die Proben verpasst, erfahren wir im dritten Teil. Auch er hat Widerwillen gegen seinen Text und drückt sich in der Stadt herum. Ihn treibt es durch aufgemotzte Straßen mit halbverrückten Gestalten bis hin zum Potsdamer Platz. Mitten im Brunnen des Sony-Centers kommt ihm die Erleuchtung. Theater wird Realität, als er brüllt: „Das Sony-Center ist unrettbar, das Gebäude da gibt’s gar nicht, das ist nichts wert, das steht da eigentlich gar nicht, das ist nichts wert, Scheiße, alles Scheiße. Das Gebäude ist große Scheiße.“ „Sie dürfen hier nicht sein.“, erwidert der Wachmann vom privaten Sicherheitsdienst und bringt so auf den Punkt, worum sich hier alles dreht.

 

Einmal sagt Lizzy im Film, sie wolle keine Filme sehen, die nichts mit ihrem Leben zu tun haben. Natürlich hat „Stadt als Beute“mit unserem Leben tun und mit unserer Welt. Schön, dass es einen Film gibt, der das Sony-Center ankackt. Allein für den Versuch, Bilder zu finden für die rasenden Talfahrten, die immer mehr versprengte Individuen zur Zeit in der Stadt – aber auch in der Provinz - erleben, muss man einem Film danken – auch wenn er dabei ein wenig bemüht wirkt. Ein Problem ist die Verlagerung des Sujets „Stadt“ ins Theatermilieu. Sind Schauspieler, die Schauspieler spielen, das probateste Mittel, um Aufschlüsse über unser aller Gegenwart zu bekommen? Vor das interessante Thema „Stadt als Beute“ schiebt sich so die Profanität „Schauspielermacke“. Problem zwei ist die Message: „Gehet hin und sehet.“ Es ist schon ein schwieriger Kunstgriff, dass alle Beteiligten erst in die Schule namens „ein Tag in Berlin“ gehen müssen, bevor sie die Welt begreifen können, die das Stück meint, in der sie doch auch vorher schon ver- oder entwurzelt waren. Funktioniert ein Text in sich, wenn man für sein Verständnis zuvor eine Tour de Force ableisten muss?

 

Am stärksten ist der Film „Stadt als Beute“ immer dann, wenn er in die Stadt, in die Straßen geht. Berlin in seiner Zerrissenheit zwischen altem Kiez und neuem Latte-Machiatto-Chic spielt besonders in Ohboys Episode eine Hauptrolle. Hier beginnen die Sätze zu wirken - und die Stadt wirkt zurück. Eine Szene wie etwa die, in der Ohboy auf einem Grünstreifen von einem Besoffenen als Faschist beschimpft wird, macht in ihrer Direktheit manch bemühten Einfall überflüssig, auch wenn sie sicherlich nicht im Drehbuch stand. Zum anderen zeigt aber z.B. Lizzys Geschichte im Nachtclub auch, wie schön eine gute Drehbuchpassage umgesetzt werden kann. Vor allem der großartigen Julia Hummer sei Dank!

 

Andreas Thomas

 

Dieser Text ist zuerst in der filmzentrale erschienen

 

Stadt als Beute

Deutschland 2005 - Regie: Irene von Alberti, Miriam Dehne, Esther Gronenborn - Darsteller: Inga Busch, Richard Kropf, David Scheller, René Pollesch, Julia Hummer, Stipe Erceg, Eve Natthawat-Kritsanayut, RP Kahl - FSK: ab 12 - Länge: 93 min. - Start: 23.6.2005 

 

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