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Die Spur des Bernsteinzimmers

 

Ein gediegenes Fernsehspiel, diese erste gesamtdeutsche Defaproduktion, cofinanziert mit Kinomitteln des Bundesinnenministeriums und Fernsehmitteln des Westdeutschen Rundfunks. - Wo stecken die vierzig Kisten mit dem Zaren-Bernstein-Schatz, den die SS 1941 abtransportiert hatte? Etwa im schönen Thüringen, in Reinhardtsbrunn? Verschiedene Leute sind aus verschiedenen Gründen auf Schatzsuche. Sie kommen sich ins Gehege. Der eine möchte ein altes Nazi-Verbrechen aufklären (wer steckte den Vater ins KZ?), der andere möchte neu ins Geschäft kommen (Joint Venture 1990), darum braucht der alte Standartenführer einen brandneuen Mercedes mit Zürcher Nummer. Es kommt so weit, daß zum Schluß Schüsse fallen.

 

Ein unterhaltsamer Schauspielerfilm. Inszeniert werden Gesichter, Münder und Sätze. Das berührt in der ersten Hälfte des Films angenehm, weil die Schauspieler gut und attraktiv sowie die Sätze komödiantisch leicht sind. Dann aber knirscht es im dramaturgischen Getriebe. Immer wieder werden Szenen aufgebaut, die aus dem Film herausführen. Weil sie etwa dazu dienen, Sinn- und Wahrsprüche zur aktuellen Lage abzulassen. Die völlig abstruse Story vom Mercedesfahrer-mit-der-Leiche-im-Kofferraum führt zu nichts anderem als dem Satz: „Sie werden nicht mehr verhaftet: Deutschland einig Vaterland". - Derart bittere Sprüche mögen dreimal wahr sein, sie binden den Komödianten Bleiklötze an die Füße. Dann gilt es, bitter die Lippen zusammenzupressen: „Jetzt, wo's zu spät ist, zeigt der Sozialismus seine Stärke". Auch wahr: „Alte Männer haben schon zu viel Schaden angerichtet in diesem Lande". Und warum nur die Ansicht vom verfallenen Freilichtkino im Thüringer Wald? Ach ja, jetzt liest die Kamera die verblichene Schrift: „Die Filmkunst gehört dem Volk".

 

1988 war das Drehbuch für diesen Film fertiggestellt und in Ostberlin abgesegnet worden. Es mag sein, daß die Änderungen ins Periphere geführt haben; die pädagogische Hilfestellung bleibt jedoch überraschend. Möglicherweise liegt ihr die Auffassung zugrunde, daß zur Filmkunst das Erhabene gehöre. Vielleicht hören und sehen wir deshalb auf der SPUR DES BERNSTEINZIMMERS große Oper. Es singen Peter Schreier, Kenneth Riegel, Günter von Kannen, Michael Burt, Karl-Heinz Stryczek, Uta Priew, Roland Bracht, Carol Malone, Michal Shamir, Eberhard Büchner, Lucia Popp, Iris Vermillion und Hanna Schwarz. In einer Inszenierung der Deutschen Oper Berlin. In der Semper-Oper. Richard Wagner. Das „Rheingold" soll dem reinen Zarenbernstein zu mythischer Größe verhelfen. Aber bedarf es dieser Behauptung und dieser geborgten Attraktion? Hat das legendäre Bernsteinzimmer - ein Geschenk Friedrichs des Großen an Zar Peter I. im Jahre 1716 - nicht seine eigene Geschichte?

 

Ähnlich wird, jetzt optisch, die Attraktion des Thüringer Waldes benutzt, um die Schönheit des verschwundenen Schatzes zu behaupten. Doch je schöner und umwerfender die Aufnahmen sind (Kamera Roland Dressel), umso mehr wird man aus dem Zentrum der Geschichte hinausgetragen an die Peripherie des schönen Scheins.

 

Wenn man davon ausgeht, daß der, der für Buch und Regie verantwortlich war (Roland Gräf), der eigenen Geschichte nicht genug trauen mochte, dann wäre das eine Erklärung dafür, daß der Film, so dicht und packend am Anfang, sich im Ungefähren verliert. Und es wäre eine Hoffnung für das nächste Mal. Wer kann so, wie Gräf, Schauspieler führen? Hervorragend sind sie: Corinna Harfouch (DER KLEINE STAATSANWALT), Kurt Böwe (DER NACKTE MANN AUF DEM SPORTPLATZ), Uwe Kockisch (TREFFEN IN TRAVERS), Ulrich Tukur (STAMMHEIM) und Michael Gwisdek (Regie: TREFFEN IN TRAVERS).

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd Film                                                                   

 

 

DIE SPUR DES BERNSTEINZIMMERS

BRD 1991. R und B: Roland Gräf. P: Horst Hartwig. K: Roland Dressel. Sch: Monika Schindler. M: Richard Wagner. T: Andreas Kaufmann. Ba: Regina Fritzsche, Thomas Knappe. A: Dieter Döhl. Sp: Toni Loeser, Gisela Schulze. Ko: Christiane Dorst. Pg: DEFA. V: Progress. L: 107 Min. FSK: 12, ffr. St: 1.10.1992. D: Corinna Harfouch (Lisa Morbrink), Kurt Böwe , (Max Buttstädt), Uwe Kockisch (Ludwig Kollenbey), Ulrich Tukur (Siegfried Emmler), Michael Gwisdek (Costello), Käthe Reichel (Frau Ladenthin), Horst Schulze (Dr. Kobler).

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