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Sprung in den Tod

 

Nach zehnjähriger Abstinenz schlüpft James Cagney wieder in sein Image des hartgesottenen Verbrechers. „Sprung in den Tod“ (1949, Regie: Raoul Walsh) schließt einmal den Kreis zu Cagneys früheren Gangsterfilmen, die ihn die 30er hindurch in Lohn und Brot gestellt haben, gibt sich zudem, dem Zeitgeist entsprechend, als film noir und spätestens im actiongeladenen Finale postklassisch wie die Blockbuster der Zukunft.

 

Die Ära des klassischen Gangsterfilms findet mit „The Roaring Twenties“ (1939), ebenfalls von Walsh inszeniert, ihren zusammenfassenden, quintessenziellen Abschluss. Dabei wird das obligatorische Aufstieg-und-Fall-Gerüst mit Newsreel-Splittern in den historischen Kontext von 1. Weltkrieg (Nullpunkt für die Wiederkehrer), Prohibition (provozierte Kriminalität als verlockende Möglichkeit zum rapiden gesellschaftlichen Aufstieg) und wirtschaftlicher Depression (persönliche Baisse und niederschmetternde Antwort auf einen Glauben an universellen Wohlstand) gesetzt und damit in diesem Fall auch in seiner Einfachheit legitimiert. Als Eddie Bartlett (Cagney), finanziell ruiniert, auch im Sinne von Studio und Zensur, zur Einsicht gelangt, dass Bandenkriminalität endgültig passé (ja nicht mal eine zyklische Branche) ist und diese seinem unbelehrbaren ehemaligen Partner George Hally (Humphrey Bogart, damals noch vor seinem Durchbruch) vermitteln will, ist das auch eine Programmansage für den Zuschauer - eine zumindest vorläufige Abschiednahme von einem gesamten Subgenre.

 

Der Wegbereiter des film noir, dem nicht nur stilistisch die Klinke in die Hand gedrückt wurde, brauchte Zeit, sich neu zu entdecken. Während des 2. Weltkriegs hatte man im amerikanischen Kino ohnehin keine Verwendung für subversive, zersetzende Individualisten, sprich für „öffentliche Feinde“. Optimismus, Patriotismus und ehrliche Figuren waren gefordert. Systemfeindliche Einzelgänger wären in dieser Atmosphäre nur an einem Aufmerksamkeitsdefizit eingegangen. (Nicht umsonst, sondern um die Frage zu umschiffen, wie denn sein Protagonist mit den Kriegswirren umgegangen wäre, steckte Patrick Süskind in „Das Parfum“ den unscheinbaren und unpolitischen Jean-Baptiste Grenouille während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) ins Zentralmassiv.) Um Cagney brauchte man sich aber keine Sorgen machen. Der gewann schließlich 1942 seinen einzigen Oscar für seine Rolle im „Stars and Stripes“-beflaggten „Yankee Doodle Dandy“.

 

„Sprung in den Tod“ (aussagekräftigerer Originaltitel: „White Heat“ (dt.: Weißglut)) knüpft in Bezug auf Charakterzeichnung und Motivation der Hauptfigur direkt bei „The Public Enemy“ (1931) an. Cagneys Figur ’Cody’ Jarrett ist in Sachen Cholerik und Präsenz ein Tom Powers-Revival. Wo Powers z.B. einer Frau, der er überdrüssig ist, eine Grapefruit ins Gesicht drückt (in einer mutmaßlichen Anspielung auf diese Szene in Wilders „Küss mich, Dummkopf“ wurde diese Dreistigkeit nicht fertiggebracht), tritt Jarrett seine Frau vom Hocker. Kennzeichnend für die Figur Powers/Jarrett sind zudem sein wahnsinniger, durchdringender Blick (vergleichbar mit dem Malcolm McDowells als Alex DeLarge), die rustikale Anpacker-Mentalität und eine natürliche gnadenlose Kaltblütigkeit, die das Leben seiner Mitstreiter und Feinde einzig von seinem Wohlwollen abhängig macht.

 

„Angels with Dirty Faces“ (1938) und „The Roaring Twenties“ nehmen da eine Sonderstellung ein. Denn beide beschwören konsequent, dass zunächst nicht die Lust an Boshaftigkeit oder simple Geltungssucht (wurde in „Der kleine Cäsar“, dem vermeintlichen Auftakt des Genres, von Edward G. Robinson zu Beginn ganz unverhohlen formuliert), sondern mangelndes juristisches Fingerspitzengefühl im Umgang mit Jugendvergehen und lapidarer, mitfühlbarer Überlebenswille in Zeiten wirtschaftlicher Krisen Verbrecher-Karrieren herausgefordert und beschleunigt hätten, aus denen es eben kein Zurück gibt – Existenzsicherung, also ein Bestehen am Markt, sei nur durch stetes Wachstum der kriminellen Macht möglich. Damit aber keine Entschuldigungen für vom Schicksal gebeutelte und schlimmstenfalls falsche Werte und alternative Lebensentwürfe transportiert werden, wird diese anarchistische Form eigenverantwortlichen Handelns in die Sackgasse gejagt und als flagrante Fehlinterpretation des American Dream klargestellt - Unverbesserliche sterben den Tod eines Feiglings (wie am ambivalenten Ende von „Angels with Dirty Faces“); Geläuterten, die eine allgemeine Aufbruchstimmung propagieren und eine Sublimierung krimineller Energie in gemeinnütziges Handeln postulieren, wird zumindest ein respektvollerer Abgang vergönnt („The Roaring Twenties“).

 

Zeit für eine Synopse des hier eigentlich besprochenen Films: Bandenchef ’Cody’ Jarrett lässt sich nach einem brutalen Überfall auf einen Zug kurzerhand für ein triviales, zur selben Zeit stattgefundenes, Verbrechen einbuchten. Der Undercover-Ermittler Hank Fallon soll Jarretts Vertrauen gewinnen und Material zur Überführung sammeln. Natürlich läuft das nicht wie geplant. Nach turbulentem Ausbruch übt Jarrett Rache an seinem Rivalen ‚Big Ed’ (Rivalität darf schließlich auch nicht fehlen), der zwischenzeitlich die Zügel des Geschäfts und dessen Frau Verna (Virginia Mayo), eine intrigante femme fatale, wie man sie in keinem puren noir viel besser finden kann, an sich gerissen hat, aber vor allem für die ihm angelastete Ermordung Ma Jarretts (Margaret Wycherly) zur Rechenschaft gezogen wird.

 

In „Sprung in den Tod“, einem nahezu „vollständigen“ und äußerst einfallsreichen Gangsterfilm, werden die Innenansicht intimer Unterweltmilieus, die die Mobstermovies bereitstellen und die zynische Ermittlerarbeit, für die der film noir verantwortlich zeichnet, clever ineinander verkeilt. (Der relativ sorgfältig eingeführte Chefermittler wird deshalb etwa im ersten Drittel des Films von Cagney aus kurzer Distanz nur angeschossen, um den Rest der Spielzeit hindurch seinen bandagierten Arm als „persönliches Motiv“ vor sich her zu tragen.) Hier bietet sich für den Gangsterfilm natürlich noch freier Raum für neue Ideen, wenn es darum geht, die vom Genre zuvor vernachlässigte Polizeiarbeit zu präsentieren. (Die Polizei blieb ja in den vorherigen Cagney-Filmen weitgehend anonym und ihre Arbeit wurde zumeist nur im Endergebnis sichtbar.) Neben der intelligenten Undercover-Infiltration wären da noch: Die ABC-Beschattungsmethode, bei der sich drei Polizeiwagen, aufwändig koordiniert, abwechselnd an den zu Verfolgenden heften, und die elektronische Ortung eines flüchtigen Fahrzeugs mittels Oszillatoren.

 

Auch der Komplex Familie wird abgedeckt: Die Mutterbindung, die die gezwungen wirkende Reue Tom Powers’ in „The Public Enemy“ schlicht nachvollziehbar machen sollte, erfüllt im Falle dieses Films aber einen doppelten Zweck. Neben der Schwachstelle, die Jarretts gleichgesinnte und übereifrige Mutter für ihn darstellt, bietet sich die ödipale Beziehung beider als Projektionsfläche für psychoanalytisches Mitreden in Zeiten einer Freud-Konjunktur an.

 

Dem Schauspieler James Cagney kam das entgegen. Jedenfalls sind ihm der Enthusiasmus und auch die Kontrolle anzumerken, mit denen er den komplizierten Protagonisten des Films verkörpert (der beim Hauptcoup sogar noch erstaunlich kulturbeflissen das Trojanische Pferd zitiert). In Mimik und Körpersprache Cagneys lässt sich ziemlich genau die (mitunter rasante) Absolvierung der Eskalationsstufen ablesen, die entweder zum sofortigen Ausbruch Jarretts oder einer sadistisch motivierten Aufschiebung desselben führt: Unvergessen ist die (anscheinend improvisierte) Szene, in der Jarrett im Knast vom Tod seiner Mutter erfährt, völlig frei dreht und nur mit vereinten Kräften der Wachleute gebändigt werden kann. Oder der in seiner tiefschwarzen Beiläufigkeit erschütternde und ja: auch komische Moment, als Jarrett einem in einem Kofferraum eingesperrten Gegenspieler (dem sein kommender Tod schon angekündigt wurde) den Wunsch nach Belüftung erfüllt, indem er einfach Löcher hineinschießt.

 

Am denkwürdigen Ende verschwimmt die Wahrnehmung der Hauptfigur, was Aufstieg und Fall betrifft, denn während sich seine Vorgänger mit ihrem Schicksal abgefunden haben, kulminiert der sukzessive Selbst-Verlust Jarretts, der sich an der Spitze der Welt wähnt. Und weil sich die Zensur über eine so schön hergestellte Ordnung und das abschreckende Beispiel freut, fällt ganz unter den Tisch, dass der/die wahre Mörder/in Ma Jarretts, entgegen der Hays-Statuten, nicht als solche/r verhaftet wird. Aber man kann sich ja als Film nicht um alles kümmern.

 

Erik Pfeiffer

 

Sprung in den Tod

(Dt. Fernseh-Titel: Maschinenpistolen)

WHITE HEAT

USA 1949 – 109 Minuten - FSK: ab 16; nf, Erstaufführung: 5.6.1953

Regie: Raoul Walsh

Drehbuch: Ivan Goff, Ben Roberts

Kamera: Sid Hickox

Schnitt: Owen Marks

Musik: Max Steiner

Darsteller: James Cagney (Arthur ‘Cody’ Jarrett), Edmond O’Brien (Hank Fallon alias Vic Pardo), Margaret Wycherly (Ma Jarrett), Steve Cochran (‘Big Ed’ Sommers), Virginia Mayo (Verna Jarrett), John Archer (Philip Evens), Wally Cassell (Cotton Valetti), Fred Clark (Daniel Winston (Hehler))

 

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