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Sprich mit ihr

 

Im großen und ganzen gibt sich die hiesige Filmkritik befriedigt bis begeistert von Pedro Almodóvars neuem Film. Weniger schrill, eher leise handle er über die „unerfüllte Sehnsucht, über die destruktive Kraft der Leidenschaft und die Einsamkeit der Liebe“ („Filmdienst“). „Hable con ella“ sei ein „Plädoyer für die Bewusstlosigkeit der Liebe“, „in seiner delikaten tiefen Mitte“ ein starker Film („Tagesspiegel“). Die „Frankfurter Rundschau“, meint, Almodóvar sei inzwischen ein „gesamteuropäischer Entertainer geworden, dessen Filme alles haben, was anderen fehlt: Raffinesse, Soziologie und Wunderglaube“. Die „Zeit“ sieht in dem Film eine „hemmungslose Unterwanderung all der Geschlechter- und Liebeskonzepte, die man gemeinhin als normal empfindet“. Für die „taz“ demonstrieren sich in „Spricht mit ihr“ – wie könnte es anders sein, angesichts der Selbstverortung der Zeitung – „Macht und Ohnmacht des männlichen Blicks“. Und so weiter und so fort.

 

Almodóvar erzählt die Geschichte zweier Männer und zweier Frauen. Der Reisejournalist Marco (Darío Grandinetti) hat sich – nach einer langjährigen gescheiterten Beziehung zu einer drogenabhängigen Frau – in die Stierkämpferin Lydia (Rosario Flores) verliebt. Lydia war mit dem Stierkämpfer Niño des Valencia (Adolfo Fernández) liiert. Beide hatten sich aber zerstritten. Marco lernt Lydia kennen, nachdem er sie im Fernsehen bei einem Interview gesehen hat. Den zudringlichen Fragen der Reporterin nach ihrer Beziehung zu Niño entzieht sich Lydia, indem sie das Studio einfach verlässt. Marco will mit ihr ebenfalls ein Interview für El País durchführen, trifft sie an einer Bar, fährt sie nach Hause, ohne zu merken, dass Lydia dadurch nur Niño kränken will und kommt mit ihr in näheren Kontakt, als Lydia aus Angst vor einer Schlange fluchtartig die Wohnung verlässt. Marco erzählt Lydia von seinem Leben, Lydia erkennt, dass er sich in sie verliebt hat. Doch bevor sie ihm erzählen kann, dass Niño und sie sich wieder versöhnt haben, wird sie in der Arena von einem Stier angegriffen. Im Krankenhaus wird sie stundenlang operiert und liegt danach im Koma.

 

Im Koma liegt auch die Balletttänzerin Alicia (Leonor Watling), seit vier Jahren. Der Krankenpfleger Benigno (Javier Cámara) pflegt sie seit ihrem Autounfall, fast jeden Tag und jede Nacht. Benigno wohnt schräg gegenüber der Tanzschule, in der er Alicia das erste Mal aus dem Fenster gesehen hatte, als sie bei der Tanzlehrerin Bilova (Geraldine Chaplin) Unterricht genommen hatte. Seine gesamte Jugend hatte er damit verbracht, seine bettlägerige Mutter zu pflegen. Als er Alicia das erste Mal sah, verliebte er sich in sie, versuchte Kontakt mit ihr aufzunehmen, suchte ihren Vater, einen Psychiater (Helio Pedregal) unter dem Vorwand auf, psychische Probleme zu haben. Nach dem Verkehrsunfall hatte Benigno alles getan, um als Pfleger für Alicia eingestellt zu werden. Ihrem Vater erzählt er, der nie in seinem Leben Sex mit einer Frau hatte, er sei homosexuell. So willigt Alicias Vater ein, dass Benigno seine Tochter pflegt. Seitdem wäscht er sie, massiert ihren Körper, spricht mit ihr, geht in die Stummfilme, die sie immer gerne gesehen hatte, und erzählt ihr davon, liest ihr vor usw.

 

Im Krankenhaus lernen sich Benigno und Marco kennen, zwei unterschiedliche Männer, die das Schicksal von Alicia und Lydia zusammenführt. Sie werden Freunde. Benigno drängt Marco, mit Lydia zu sprechen; man wisse nicht, ob sie das höre, aber er solle es trotzdem tun, um Nähe zu ihr herzustellen. Doch Marco ist dazu nicht imstande. Er wacht Tag und Nacht an ihrem Bett. Und eines Tages erfährt er von Niño, dass er sich kurz vor dem Angriff des Stieres mit ihr versöhnt hatte. Marco ist halb entsetzt, halb erleichtert. Irgendwie hatte er gespürt, dass zwischen ihm und Lydia irgend etwas nicht stimmt. Er beschließt, auf eine lange Reise ins Ausland zu gehen.

 

Nach Jahren erfährt er nach einem Anruf im Krankenhaus, das Benigno dort nicht mehr arbeitet, sondern im Gefängnis sitzt und dass Alicia ein totes Kind zur Welt gebracht hat. Benigno wird vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben ...

 

Almodóvars Filme „nachzuerzählen“, ist fast unmöglich. Jeder seiner Filme ist weniger eine Geschichte, ein Drama im herkömmlichen Sinn des Wortes, sondern eher ein kontrastreiches, farbengetränktes, intensives Bild vom Innenleben seiner Figuren, ein Bild, ja fast ein Gemälde im Entstehen, in der Zeit und Raum zu einer anderen Dimension zusammenfließen als im klassischen Drama. Sicherlich, „Hable con ella“ ist ein Melodrama, aber keines im Stil etwa eines Douglas Sirk. Almodóvar ist ein Meister des Bruchs und der Symbolik. Auch „Sprich mit ihr“ ist durchzogen von dramaturgischen Brüchen, Zeitsprüngen, melodramatischer, aber zugleich harter realistischer Symbolik, ohne dass dadurch die Geschlossenheit des Dramas verletzt würde – im Gegenteil.

 

Der Film enthält keinerlei Botschaft. Almodóvar erzählt so wie ein Romanautor. Das heißt, Almodóvar erlaubt sich zeitliche Schnitte dort, wo er es für angebracht hält.

 

Der Film beginnt in gewisser Weise mit dem Schluss von „Alles über meine Mutter“. Der Vorhang, der dort am Schluss fiel, öffnet sich und man sieht die große Pina Bausch und Malou Airaudo tanzen – zwei Frauen die sich vor Verzweiflung, Schmerz winden, an die Wand drücken, fallen, als ein Mann auf der Bühne auftaucht. Benigno und Marco sitzen – ohne sich schon zu kennen – im Publikum. Benigno sieht, wie Marco weint, ist halb verunsichert, halb gerührt. Marco erinnert sich in diesem Moment an seine vergangene Beziehung, an seine drogenabhängige Geliebte, eine gescheiterte Beziehung, in der es ihm nicht möglich war, sie von den Drogen wegzubekommen.

 

Beide Männer sind offenbar völlig unterschiedlich. Marco ist still, romantisch, sensibel, aber trotzdem in entscheidenden Situationen realistisch. Er ist nostalgisch, der Mann der weint, der mit Angela, der Drogenabhängigen, etliche Reisen unternommen, darüber geschrieben hatte. Am Schluss aber war sie zu ihren Eltern gegangen, die sie von den Drogen und von Marco entwöhnten. Marco gesteht sich selbst nicht zu, dass er Angela noch immer liebt. Als er Lydia trifft, die noch immer Niño liebt oder es auch nur glaubt, trösten sich beide über ihren Schmerz, aber lieben sie sich?

 

Ganz anders Benigno, der nichts anderes gelernt hat, als seine Mutter zu pflegen, deren Mann sich von beiden getrennt hatte. Benigno kann nur lieben, indem er pflegt, indem er mit der Geliebten spricht, zu ihr spricht, nicht mit ihr spricht. Wäre Alicia nicht im Koma, hätte sie sicherlich kein Interesse an Benigno, der nie eine sexuelle Affäre hatte. Das Bett ist für Benigno nicht die Stätte der Lust, der sexuellen Begierde, der erotischen Anziehung. Das Bett ist die Stätte der feinen, säuberlichen Pflege, des Wassers, der Seife, der Salbe, des Öls, nicht die des Blutes, des Schweißes, der Körpersäfte. Nur so kann er lieben. Seiner Mutter hatte er am Sterbebett auf die Frage, was er nach ihrem Tod tun würde, wie selbstverständlich geantwortet, er würde sich umbringen. Alicias Koma rettete Benigno das Leben. Seine Mutter hatte ihm gesagt: Schau hinaus in die Welt, wenn ich tot bin, dort gibt es schreckliche Dinge, aber auch interessante. Benigno schaute, aus dem Fenster, und entdeckte Alicia.

 

Benigno aber ist nicht krank, psychopathisch im üblichen Sinn. Er träumt von der Begierde. Almodóvar filmt diesen Traum, einen Stummfilm mit dem Titel „Der schwindende Liebhaber“: Um seiner geliebten Wissenschaftlerin (Paz Vega) zu imponieren, ihr seine Liebe zu beweisen, trinkt Alfredo (Fele Martínez) ein Elixier, durch das er auf Däumling-Größe zusammenschrumpft. Im Bett seiner schlafenden Geliebten zieht er ihr das Nachthemd aus und kriecht nackt und verzückt in ihre Vagina – für immer. Benigno schwängert die im Koma liegende Alicia.

 

Mit „Hable con ella“ scheint sich Almodóvar von der Subkultur, die noch in „Alles über meine Mutter“ eine Rolle gespielt hatte, verabschiedet zu haben. Doch zentrale Motive aus seinen früheren Filmen sind auch in diesem Film zu sehen: Das Krankenhaus zum Beispiel, Symbol für Diskontinuität, für gescheiterte Biografien, aber auch für Gesundung – der Ort, an dem über Tod und Leben entschieden wird. Oder die Vertauschung von Geschlechterrollen: Lydia hatte einen „Männerberuf“, den spanischen Männerberuf, in dem sie letztlich nur von Niño unterstützt wurde. Der Stier, Symbol für Männlichkeit, Kraft, Gewalt, die Unberechenbarkeit der Natur, die besiegt werden müssen – von Männern –, lässt sie scheitern. Sie hat Schlachten gegen Stiere gewonnen, aber den Krieg hat sie verloren. Wenn sie in der Arena steht, sieht sie aus wie ein Mann, kämpft wie ein Mann, siegt wie ein Mann. Als Frau scheitert sie. Alicia dagegen, die wie die Unschuld wirkt, in ihrer grazilen Art zu tanzen, in der Obhut ihres Vaters aufgehoben, beschützt, geht einen anderen Weg. Wenn Benigno und seine Kollegin Rosa (Mariola Fuentes) Alicia das weiße Tuch über den Körper legen, dann wirkt dies zuerst wie ein Leichentuch, das sich sanft, aber bestimmt auf eine fast Tote senkt. Doch wenn das Tuch zum Liegen kommt, von den Pflegern festgezurrt wird, dann zeichnen sich darunter Alicias weiche, weibliche Formen ab, so, als ob sie im nächsten Moment die Augen öffnen, lachen, sprechen, weinen würde. Alicia „nimmt“ einen anderen Weg als Lydia.

 

Almodóvar erzählt von Leidenswegen, gebrochenen Biografien, die aufeinander treffen, von Kommunikation und dem Verlust von Kommunikation. Zeit und Raum scheinen fixiert. Der Film arbeitet behände gegen den üblichen Zeitbegriff. Er arbeitet mit Erinnerung als wesentlicher Komponente subjektiver Eigenheit, Identität, Mentalität. Er zeigt aber auch die Veränderung der Konstellationen in bezug auf die „anthropologischen Grundkonstanten“ menschlichen Daseins: Leben und Tod, Liebe und Hass, Begierde und Gewalt. Nicht die chronologische Abfolge auf Basis eines ökonomisierten Zeitbegriffs bestimmt das Leben der Figuren und ihre Beziehungen. Die Pflege der Mutter Benignos ist in jedem Moment präsent, ebenso wie seine Sehnsucht nach einer Liebe, von der er nichts weiß, nur eine Ahnung hat. Er schläft mit einer fast Toten, macht ihr ein Kind – ein Akt der Gewalt und der Liebe. Das Kind wird tot geboren, aber Alicia lebt, ohne etwas davon zu wissen. Alicia lebt in der ganzen Ungewissheit weiter. Sie weiß nichts, was in den vergangenen Jahren während ihres Komas geschehen ist. Marco weiß alles. Mit dieser Last hat er weiterzuleben. Er sieht Alicia, beschützt durch ihre Ballettlehrerin, schaut in ihre Augen, sie in seine. Eine neue Liebe? Der „zeitlose“ Reigen schließt mit Pina Bausch in einem weiteren Ballett. Der Vorhang senkt sich.

 

Almodóvar verortet Liebe, Tod, Leben, Glück, Unglück, Begierde und die Vorstellungen darüber zumeist da, wo wir sie alle nicht vermuten: Im einseitigen Gespräch Benignos zu Alicia, in der phantasiegetränkten Vorstellung über die Liebe im Stummfilm, die den Tod zur Folge haben muss, in der paradoxen Vorstellung Benignos, im eigenen Koma der geliebten Alicia näher sein zu können, aber auch in den Irrtümern und dem Nicht-Wissen, der Sprachlosigkeit Marcos gegenüber Lydia, der Trauer Marcos über die gescheiterte Liebe zu Angela. Das Koma der beiden Frauen ist andererseits die Nagelprobe für die beiden Männer. So bewegungslos, sprachunfähig sie da liegen, so viel mögen sie im Leben der beiden Männer bewegen.

 

„Hable con ella“ – ein pessimistischer Film? Nein, aber auch kein optimistischer. Almodóvars neues Werk ist ein Film über die Möglichkeiten des Lebens, die man manchmal erkennt und oft nicht, über die Zufälle, die viel bewirken können, und über die Irrtümer, die wir erst Jahre später entdecken, über die sehr subjektive Art und Weise, wie jeder mit seinem Leben umgeht und den anderen betrachtet, und last but not least: über die Möglichkeiten des Kinos, dies alles zu visualisieren. In Almodóvars Worten: „Talk To Her is a story about the friendship between two men, about loneliness and the long convalescence of the wounds provoked by passion. It is also a film about incommunication between couples, and about communication. About cinema as a subject of conversation. About how monologues before a silent person can be an effective form of dialogue. About silence as ‘eloquence of the body’, about film as an ideal vehicle in relationships between people, about how a film told in words can bring time to a standstill and install itself in the lives of the person telling it and the person listening. Talk To Her is a film about the joy of narration and about words as a weapon against solitude, disease, death and madness. It is also a film about madness, about a type of madness so close to tenderness and common sense that it does not diverge from normality.“

 

Recht hat er. Almodóvar ist schließlich, auch das sei erwähnt, ein Künstler des Aussparens. Das, was so entscheidend Marcos und Benignos Leben geprägt hat, wird nicht oder kaum visualisiert, in Bruchstücken erzählt, angedeutet. Almodóvar dringt aus dem Jetzt in die seelischen „Eingeweide“ vor, lotet sie aus, kontaktiert sie mit denen der anderen. Die biographische Methode im klassischen Sinn ist ihm fremd.

 

Darío Grandinetti ist Marco. Das kann man mit einiger Gewissheit behaupten. Ein weinender Mann nach all den weinenden Frauen, die in Almodóvars früheren Filmen eine so große Bedeutung gespielt haben. Grandinetti zeichnet Marcos Biographie exzellent nach. Ähnliches gilt für den „Sonderling“ Javier Cámara. Rosario Flores gelingt die allmähliche Verwandlung von der Frau mit Schlangenphobie und Wut auf Niño in die Stierkämpferin mit entschlossenem, stolzem Blick, der keine Angst vermeldet, exzellent. In einer Nebenrolle glänzt die unvergleichliche Chus Lampreave als Concierge und trägt zur Komik des Films entscheidend bei.

 

Almodóvar ist weder pessimistisch, noch optimistisch. Aber er sucht die Momente für gelungene Beziehungen, wie schon in seinen anderen Filmen, zuletzt vor allem in „Alles über meine Mutter“. Kein Happy End, aber Spuren, Wege, Möglichkeiten, Tendenzen. Keine Botschaft, kein Hollywood, sondern großes spanisches Kino.

 

Ulrich Behrens

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei CIAO.de

 

Sprich mit ihr

[Hable con ella] Spanien 2002

Laufzeit: 116 min

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Regie: Pedro Almodóvar

Darsteller: Javier Cámara, Darío Grandinetti, Rosario Flores, Leonor Watling, Geraldine Chaplin, Mariola Fuentes, Fele Martínez, Paz Vega, Chus Lampreave, José Sancho, Elena Anaya, Adolfo Fernández, Loles León, Lola Dueñas, Ana Fernández, Helio Pedregal; Pina Bausch, Malou Airaudo, Caetano Veloso

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