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Die Spielwütigen

 

Schauspielproben haben immer etwas ungeheuer Intimes. Regisseure wie Martin Scorsese untersagen die Veröffentlichung von Material, das am Set seiner Filme gedreht wurde und seine Arbeit mit den Schauspielern zeigt. Das hat seinen Grund wohl nicht nur in der Angst, Geheimnisse seines Regiestils könnten entzaubert werden, sondern ist auch eine Rücksichtnahme auf die Schauspieler: Es erfordert bereits einen gewissen Grad an Exhibitionismus, auf einer Bühne zu stehen, aber dabei gefilmt zu werden, wie man probt, wie man verletzlich wird für Kritik, wie man an sich und seiner Körpersprache feilt, das dringt tief in die private Sphäre eines Schauspielers ein. Andres Veiel hat es trotzdem getan: Er hat vier Schauspielschüler der Theaterakademie Ernst Busch in Berlin über sieben Jahre hinweg mit der Kamera begleitet, zeigt ihr Vorsprechen bei der Aufnahmeprüfung, ihre Erfolge und Mißerfolge, spricht mit ihnen über ihre Träume und Ziele und begleitet sie auch noch eine Weile über das Ende ihrer Ausbildung hinweg.

 

Auf die DVD komme mehr Material als in den Film, hat Veiel versprochen, und das ist auch zu hoffen - es ist nämlich ungeheuer spannend, jenen vier jungen Talenten beim Spielen zuzusehen und nebenher auch noch ein wenig in ihrem Privatleben herumzustöbern - sofern jenes nicht auch ohne Wissen des Regisseurs nur vorgespielt war - und die alltäglichen Lehrabläufe einer jener Eliteschulen zu betrachten, an denen nur 30 von 1000 Bewerbern einen Studienplatz bekommen. 200 Stunden hat Veiel insgesamt gedreht, auf 108 Minuten wurde das Material schließlich kompensiert. Dennoch sind Die Spielwütigen ein großartig gelungener Dokumentarfilm, der alle Tugenden mitbringt, die das Genre haben kann: er zeigt weit mehr als bloße Talking Heads, er zeigt uns die Körper der Spieler und ihren Umgang mit sich selbst, er ist an keiner Stelle langweilig und läßt einen durch den langen Zeitraum, der beobachtet wurde, tatsächlich eine große Entwicklung in den Charakteren und im Können der Schauspieler verfolgen - er habe schließlich auch einen Film über das Erwachsenwerden drehen wollen, sagt der Regisseur. Das ist ihm gelungen, und seine Geschichte über das Ende der Jugend oder besser ihren Verlauf ist um ein vielfaches interessanter als viele jener Coming-of-age Filme, die Jugend krampfhaft über den ersten Sex, das erste Bier und das erste Auto zu definieren versuchen. Die Jugend, von der Veiel und vor allem seine vier wundervollen Helden Prodromos Antoniadis, Constanze Becker, Karina Plachetka und Stephanie Stremler erzählen, ist viel mehr: das Erlernen von Vertrauen und Zusammenarbeit und die Ausprägung eines eigenen Charakters. Die Parallele von Schauspielcharakter und wahrem Charakter ist jenes intime Geheimnis, das die Schauspieler dem Regisseur verraten, und jener Vertrauensbeweis macht wohl einen Großteil des umwerfenden Charmes des Films aus.

 

Die Spielwütigen ist ein hervorragender Film, einer, der einem nahe bringt, was es bedeutet, Schauspieler zu sein, Schauspieler zu werden. Er zeigt einem, wie hart der Alltag des Lernens ist, und wie groß die Belohnung durch den gelungenen Auftritt. Man versuche, die jungen Menschen in der Ausbildung zu brechen, sagt Prodromos Antoniadis an mehreren Stellen des Films nicht ohne Bitterkeit, und dass auch in jenen Momenten der Verzweiflung Veiel und sein Team bei den Schauspielern bleiben durften, um dem Publikum dieses Ergebnis zu schenken, dafür gebührt den vier Protagonisten der wohl größte Dank.

 

Benjamin Happel

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in:  filmkritiken

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Die Spielwütigen  

Deutschland 2003 - Regie: Andres Veiel - Darsteller: Constanze Becker, Karina Plachetka, Stephanie Stremler, Prodromos Antoniadis, Jochen Becker, Jutta von Zitzewitz, Ilse Plachetka, Helmut Plachetka - FSK: ohne Altersbeschränkung - Länge: 108 min. - Start: 3.6.2004

 

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