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Späte Sühne

 

Ultrabrutaler Krimiklassiker: Bogey und die Hexe

 

Der Krimiklassiker "Späte Sühne" ist so etwas wie eine Mischung der Plots und Dialoge aus "The Big Sleep" und "Der Malteser Falke". Aber "Späte Sühne" ist wesentlicher brutaler: Hier fliegen Phosphorgranaten und blaue Bohnen, und Bogey wird sogar von einem Psychopathen in die Mangel genommen. Keine Wunder, dass dieser Streifen erst ab 16 Jahren freigegeben ist.

 

Ein im Gesicht verletzter Mann (Bogart) flüchtet sich in eine Kirche und bittet den dort weilenden Feldkaplan um Beistand. Er legt quasi eine Beichte ab...

 

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden die beiden ehemaligen Fallschirmjäger Warren "Rip" Murdock (Bogart) und Johnny Drake (William Prince) nach Washington, D.C. geladen. Als die Freunde auf der Reise dorthin erfahren, dass sie in der Hauptstadt einen Orden für ihre Verdienste bekommen sollen, verschwindet Johnny plötzlich. Was hat er zu verbergen?

 

Rip fährt nach Gulf City, Johnnys Heimatort. Hier wurde bereits von Johnny ein Zimmer für Rip reserviert. Zwei Tage später taucht Johnnys verkohlte Leiche in einem Autowrack auf. Der einzige Hinweis auf seine identität, so erkennt Rip, ist der geschmolzene College-Jahrgangsring der Yale University (Drake war vor dem Krieg Englischlehrer). Doch Rip glaubt nicht an einen Unfall und will die Sache aufklären.

 

Durch einen Zeitungsartikel aus der Zeit vor Johnnys Armeeeintritt kommt Rip dem dubiosen Klubbesitzer Martinelli (Morris Carnovsky), dessen sadistischem Bodyguard Krause (Marvin Miller) und der hübschen Sängerin Coral (Lizabeth Scott) auf die Spur. Coral, die Rip stets "Mike" nennt, war die frühere Geliebte Johnnys - bis zu jenem Abend, als Corals reicher Mann Stuart, ein Anwalt, erschossen aufgefunden wurde und man Johnny des Mordes verdächtigte. Johnny heißt in Wahrheit John Joseph Preston.

 

Kaum taucht Rip im Sanctuary Club auf, in dem illegales Glücksspiel stattfindet, sieht er sich bereits der unangenehmen Aufmerksamkeit des Psychopathen Krause ausgesetzt. Deshalb kann ihm der damalige Kronzeuge, Louis Ord, nicht den Brief zustecken, den Johnny für ihn, Rip, hinterlassen hat. Martinelli weiß von dem Brief und befürchtet, dass Johnny ihn darin belasten könnte, weil er, Martinelli, seit jenem Verbrechen erpresst: Er zwingt sie dazu, beim Spiel ihr Geld zu verprassen. Doch Rip gewinnt für sie das Verlorene zurück: Die Würfel sind gezinkt. Und die Drinks, die Martinelli danach serviert, sind vergiftet: Rip wacht neben der Leiche von Louis Ord auf - zweifellos ein Versuch, ihn von der Polizei ausschalten zu lassen. Nun hat Martinelli Johnnys Brief, muss ihn aber zunächst dekodieren - mit Rips Hilfe.

 

Doch Rip ist mit allen Wassern gewaschen. Er hat nur eine Achillesferse: Seine Schwäche für die Blondine mit der tiefen Stimme - Coral bzw. Mike. Doch sie tischt ihm ein Märchen nach dem anderen auf, bis Rip verwirrt erscheint. Nun, dann muss er eben zu handfesteren Mitteln greifen...

 

Am Ende der "Beichte" hat Rip erkannt, was die Wahrheit sein muss und geht unbeirrt seinen Weg. Wenn es sein muss, über Leichen.

 

Wie schon in "Malteser Falke" und "Big Sleep" spielt Bogart den Zyniker mit einem festen Moralkodex. Er sucht den Mörder seines Freundes und stößt auf finsteres Geheimnis in dessen Vergangenheit. Er beweist dessen Unschuld, allerdings um den Preis der Liebe zu einer femme fatale, der Barsängerin Coral. Columbia besetzte diese Rolle mit Lizabeth Scott, wohl aufgrund der Ähnlichkeit zu Lauren Bacall - aber Scott sieht lange nicht so gut aus, sondern mehr wie eine aufgemotzte Hausfrau, und wirkt unbeholfen und ausdruckslos. Bogart hat leichtes Spiel, als er in seiner Rolle als Rip eine frauenfeindliche Tirade loswerden kann.

 

In einer relativ fragwürdigen Szene wird Bogart das Opfer des Sadomaso-Schlägers Krause. Der foltert ihn zwecks Geständnisentlockung mit brutalen Faustschlägen, als sei Rip Murdock ein KZ-Häftling und Krause ein Nazi-Scherge. Murdock revanchiert sich rücksichtslos mit Brandgranaten, die er von der Unterwelt hat besorgen lassen (er war Taxiunternehmer in St. Louis und nützt die Rivalität zwischen dessen Unterwelt und Martinelli aus). Er legt Martinellis Büro, wo die Folterung stattfand, in Schutt und Asche, um ihn seinerseits zur Herausgabe des Briefes zu zwingen. Die Dialoge sind ganz schön hartgesotten.

 

Der Film hat einen doppelten Schluss. Zunächst scheint Rip Murdock mit Coral / Mike in deren nobler Penthouse-Wohnung im 7. Himmel gelandet zu sein, doch der abrupte Absturz folgt schon bald. Doch es ist nicht Rip, sondern Coral, die aus allen Wolken fällt... Diese Irreführung des Zuschauers ist recht gewitzt herbeigeführt, passt aber hundertprozentig in das Schema des film noir, das vorschreibt, dass alle Frauen, die à la Desdemona wie blondes Gift aussehen, Hexen sind, die den "ehrlichen Männern", die von der Front heimkehrten, den Schneid (bzw. die sexuelle Potenz) abschneiden kaufen wollen. So wurde die Filmideologie benutzt, um die Frauen wieder zurück zu Heim und Herd zu zwingen - bis in die prüde-verlogene Eisenhower-Ära, die erst mit Kennedy endete.

 

Die DVD

 

Technische Infos:

 

Bildformate: 4:3, 1,33:1

Tonformate: mono

Sprachen: Engl., D, Frz., Ital., Spanisch

Untertitel: Region 2

 

Extras:

 

Drei Filmplakate zum Film

 

Mein Eindruck:

 

Die deutschen Untertitel weichen stark von der deutschen Synchronisation ab, da sie sich am englischen Originaltext orientieren. Die Diskrepanzen führen zu etlichen verblüffenden Momenten, wenn deutlich wird, was die Synchronisation alles verschweigt.

 

Der Mono-Ton wurde nicht aufgemöbelt, ebenso wenig wie das Fullframe-Bild, und man fragt sich, was der Nutzeffekt der DVD gegenüber der VHS sein soll - vermutlich die zahlreichen Untertitelsprachen und die fünf Hauptsprachen.

 

Unterm Strich:

 

Was der Film an Pluspunkten durch Spannung und Action einheimst, verliert die DVD wieder durch unterdurchschnittliche Ausstattung.

 

Fazit: drei Punkte.

 

Michael Matzer (c) 2004ff

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de

 

Späte Sühne

O-Titel: Dead Reckoning (USA 1947),

DVD: 2003

FSK: ab 16

Länge: 96 Min.

Regisseur: John Cromwell

Drehbuch: Oliver Garrett, Steve Fisher nach dem Buch von Allen Rivkin

Darsteller: Humphrey Bogart, Lizabeth Scott, Morris Carnovsky u.a.

 

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