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Sophie Scholl - Die letzten Tage

 

1989/90 wurden die Verhörprotokolle der Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" zugänglich. Die Dokumente hatten bis dahin im Zentralen Parteiarchiv des Instituts für Marxismus-Leninismus der SED und zuletzt im Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit in Dahlwitz-Hoppegarten gelegen. Ihretwegen gibt es jetzt den Film "Sophie Scholl. Die letzten Tage". Drehbuchautor Fred Breinersdorfer und Regisseur Marc Rothemund haben die Gestapo-Niederschriften "mit einer Mischung aus Abscheu, Spannung und Ehrfurcht" in die Hand genommen.

 

Bei dieser Motivlage darf man mit Recht erwarten, daß im Film der Gestapobeamte das Wort hat, der das Protokoll formuliert hat. Denn es ist heute noch wie damals der Brauch, daß der Beamte in der ihm eigenen Dienstsprache festhält, was die Vernehmungsperson sagt. Wortprotokolle? Aber nicht doch! So ist also die Studentin Sophie Scholl in diesem Film ihrer Sprache beraubt. Gleichwohl spricht die unvergleichliche Julia Jentsch tapfer einen Text, der nicht der ihre ist. Was zu tun freilich sowieso Aufgabe eines Schauspielers ist.

 

1943 verteilte die "Weiße Rose" in München und Ulm Flugblätter, die aufriefen, den Krieg mangels Erfolgsaussichten zu beenden. Sophie Scholl und ihr Bruder Hans (der nicht minder unvergleichliche Fabian Hinrichs) wurden vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Der Film konzentriert sich auf die letzten Tage von Sophie. Im Gefängnis. Wir sitzen daher den Film hindurch in Zellen und Amtsräumen, somit in einem Kammerspiel. Dort wird um den wahren Glauben gerungen. Gegen das "Gott gibt es nicht" der Gestapo setzt Sophie: "Das Volk will Gott, Gewissen und Feingefühl".

 

Mit dieser religiösen Perspektive, die sich freilich in den inkriminierten Flugblättern nicht recht wiederfindet, wollen die Filmautoren offensichtlich das schnöde Amtsdeutsch nicht "unhinterfragt" lassen, denn das lese sich "allerdings teilweise so, als hätten die Geschwister schon relativ früh und ohne bedeutende Gegenwehr ihre Freunde preisgegeben". Ergebnis: wir haben es im Film mit einer Sophie zu tun, die sich selbst preisgibt. Standhaft weigert sie sich, die goldenen Brücken zu betreten, die der mitfühlende Gestapobeamte (Alexander Held) ihr baut. Sie könnte am Leben bleiben, doch selbst auf mehrfachen Vorhalt bleibt sie standhaft: "Die Idee verraten, will ich nicht. Nicht Sie, ich habe die richtige Weltanschauung".

 

Der Film tummelt sich im Abstrakten. Wenn schon Sophies Verhörspezialist unböse ist, wie denn aber das Böse konkretisieren? Jetzt kommt die Schauspielerin Johanna Gastdorf ins Spiel; bis dahin hatte man sich über sie gewundert. Merkwürdig dreifach kodiert ist sie: eine Beamtin in der Aufnahme des Gefängnisses, die die Habe abnimmt und die Gefängniskleidung ausgibt. Zugleich eine Kommunistin, die im Gefängnis einsitzt. Und drittens eine Freundin, die Sophies Zelle teilt, um ihren Selbstmord zu verhindern. - Genug des Grübelns über diesen Drehbucheinfall: die Zellengenossin ist jedenfalls mit der erforderlichen Glaubwürdigkeit ausgestattet, um den Vorsitzenden des Volksgerichtshofs wie folgt zu charakterisieren: "Freisler war früher Sowjetkommissar. Der muß sich an der Heimatfront bewähren".

Aja. Und dann wird Freisler im Volksgericht von den Geschwistern Scholl fertiggemacht. Bruder Hans, ex-Feldwebel und Frontkämpfer, zum Ex-Kommissar: "Ich war an der Ostfront; Sie nicht".

 

Das saß, wie bei Fabian Hinrichs ("ein harter Geist, ein weiches Herz") alle Sätze sitzen. Und Sophie prophezeit: "Euer Terror ist bald vorbei. Heute hängt Ihr uns, morgen werdet Ihr hängen". Da schweigt Freisler betroffen und läßt die Angeklagten reden. Moralisch ist er es, der verurteilt ist.

 

Und schon regen sich unter den Gestapobeamten Scholl-Sympathisanten, soweit sie nicht Sowjetfunktionäre gewesen waren. Die Gefängnisaufseherin spendiert heimlich eine Zigarette, und der unböse Vernehmungsbeamte erscheint zum Abschied, sagt aber nichts. Das ist den Eltern überlassen: "Ich bin stolz auf Euch" (Vater). "Jesus!" (Mutter). Gefaßt bittet Sophie um den Segen Gottes. "Niemand hat größere Liebe als der sein Leben läßt für seine Freunde" (Pfarrer). Dann nimmt die Kamera vor der Guillotine Aufstellung. In der Großaufnahme trifft uns aus dem Holzloch der definitiv letzte Blick von Julia Jentsch, das Beil fällt, und was dem Zuschauer in den Schoß fällt, ist fiktiv.

 

"Sophie Scholl - Die letzten Tage" ist ein Traktat über eine moderne Märtyrerin, und da es nichts Ungewöhnliches ist, daß eine neue Heilige verklärungsbedürftig ist, hat der Film ganze Arbeit zu leisten. Er leistet sie. Und jetzt haben wir sie: die deutsche Jungfrau von Orleans. Gebürtige Ulmerin zwar, also vielleicht doch besser: die Heilige von Ulm.

 

Was fehlt? Die Apotheose! Die Kamera schwenkt von der Kammerspiel-Guillotine nach oben, der blaue Himmel steht offen, lichter Tag und weiße Wölkchen. Eine Botschaft! Im Jahre 1943! Schon brummt es heran. Freundliche Flieger über Flieger über dem putzigen Provinzstädtchen unten im Grünen, vom Kriegsgeschehen gänzlich unversehrt. Aus den Flugzeugschächten regnet es Flugblätter, hunderttausende, und die Stimme des Allerhöchsten - Thomas Mann ist es - konstatiert: "Jetzt sind die Augen geöffnet". Die Augen des Auslands. Denn wisset, Ihr, die Ihr Deutschland bekriegt: hier legten welche ihr Haupt unters Schafott "für deutsche Ehre und Freiheit".

 

Deutschlands Dichterfürst mag es so gesagt haben. Für eine Seligsprechung mag das als weltliche Variante hingehen. Daß der Film den Tod der münchner Studenten jetzt dahin instrumentalisiert, daß er die Deutschen von 1943, soweit sie unböse sind, von allen Sünden absolviert, - das dürfte ein schmutziger Einfall sein, so strahlend und so unbefleckt das Schlußbild uns auch empfängt. Man ahnt es ja schon in der Überkodierung der Anfangsszene: die Deutsche Scholl legt das Forellenquintett auf, sie spricht dazu "Forellenquintett", sie schreibt dazu "Forellenquintett". Und sie verkörpert die Strategie der Filmautoren. Das Team Breinersdorfer/Rothemund nimmt dem Zuschauer alles ab, was die Mühen des Differenzierens und des Erkennens sein könnten. Stattdessen zählt das Plakative, das Deftige und das Draufsatteln. Die beiden begannen vor sieben Jahren mit der ZDF-Reihe "Anwalt Abel". Mit dem Mobbing-Film "Die Hoffnung stirbt zuletzt" (2002) ernteten sie den Grimme-Preis mit Gold. Rothemunds "Harte Jungs" (1999) erreichten Millionen Zuschauer, und Fred Breinersdorfer sitzt dem Verband Deutscher Schriftsteller in ver.di vor. - Klasse, das alles. Geht in Ordnung. Respekt! Aber dann darf doch wohl, um in der Sprache des Autoren-Duos zu bleiben, nicht "unhinterfragt" hinzunehmen sein, daß die Behördensprache der Gestapo jetzt von der Devotionalien- und Quotensprache des Films überdeckt wird. Der Film "Sophie Scholl" ist schwer preisverdächtig; ganz Deutschland wird ihn, sie, sich preisen. Halleluja!

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text erschien im März 2005 in: Konkret

 

Sophie Scholl - Die letzten Tage

Deutschland 2004 - Regie: Marc Rothemund - Darsteller: Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Alexander Held, Johanna Gastdorf, André Hennicke, Florian Stetter, Johannes Suhm, Maximilian Brückner, Jörg Hube, Petra Kelling, Franz Staber - FSK: ab 12 - Länge: 116 min. - Start: 24.2.2005

 

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