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Der Sommer des Falken

 

 

 

 

Ein Jugendfilm, dessen Bilderbuchwelt trotz immensen Aufwandes kalt und blaß bleibt. - Der Großstadtjunge Rick (Janos Crecelius) wird von der jungen Sennerin Marie (Andrea Lösch) zum Drachenfliegen animiert. Dem Falken gleich schwebt er durchs hochalpine Tal, und Shelley Beal (Fenjoy) singt dazu den schwülstigen, aber eigens für den Film komponierten Song „Falcon summer sky". Vorher jedoch gibt es Abenteuer mit dem Falkeneierdieb Marek Czerny (Rolf Zacher) und dem Brieftaubendeppen Herbert Sasse (Hermann Lause), wobei ein leibhaftiger Scheich (Riad Al-Samarraie) im Touristenhotel sowie ein 2 CV auf einem abgeknickten Baumwipfel landet.

 

Die Spanne des Films reicht von der Johanna-Spyri-Idylle über Krimistory und Klamauklustspiel zu Modesport und Synthipop. Womit das Drehbuch gefordert war (Arend Agthe und Monika Seck-Agthe). Leider kann man nicht sagen, daß es ihm gelungen ist, die verschiedenen Handlungen zusammenzubringen. Regisseur Arend Agthe (FLUSSFAHRT MIT HUHN, KÜKEN FÜR KAIRO) gelang es nicht, für seinen Film ein Zentrum zu finden. Der jugendliche Hauptdarsteller entbehrt jeder Ausstrahlung; es scheint, als ob er lustlos vor der Kamera eine Schulaufgabe erledigt. Allein dem Dialog ist es überlassen, sein immer gleiches, leeres Gesicht zu interpretieren („verträumt", wird eigens angesagt). Vielleicht ließ es Agthe deshalb zu, daß die Musik versucht, dem Film einen Zusammenhang zu geben. Das Ergebnis ist desaströs. Synthipop dröhnt den Film zu; höchst unmotiviert und unsensibel blendet er sich in die Handlung ein und aus und versucht, Höhepunkte zu suggerieren.

 

Kaum rauscht der zugegeben sehr pittoresk fotografierte Wasserfall auf, schon verklebt die Musik die Ohren. Die grandiose Natur bleibt ein leeres Bild, Atmosphäre und Stimmung kommen gar nicht erst auf. Der Film traut offensichtlich den Sinnen seiner Zuschauer nicht und setzt ihnen deshalb gleich einen Walkman auf die Ohren. Gleichzeitig aber verrät der Film, daß er selbst an die eigene Geschichte nicht glaubt. Ebenso wie der Natur ist der Handlung jedwede Authentizität ausgetrieben. Die Charaktere zerfallen in Klischees; es wird chargiert, daß es schon wieder komisch ist; denn einer wie der Hermann Lause spielt den Deppen aus dem Ruhrpott als Kabinettstück. Gut, man ist dankbar für einige Sketche und Einlagen zum Lachen; für die Film-Story sind sie nur umso störender. Rolf Zacher, offenbar ebenfalls von der Regie nicht geführt, mimt dafür den Bösewicht - der allerdings den Nachteil hat, daß keiner der anderen Darsteller im Film vor was Bösem sich fürchtet. Ebenso isoliert absolviert Volker Brandt („Tatort", „Schwarzwaldklinik") seine Auftritte, die anscheinend Vater/Sohn-Problematik in den Film bringen sollen. Da jedoch sonst niemand und nichts im Film reagiert, hängen seine Darbietungen beziehungslos in der Luft.

 

Nicht die Geschichte stimmt in diesem Film, sondern allenfalls die Kalkulation der Zielgruppen. Zu wenig für einen guten Film. DER SOMMER DES FALKEN wird im Fernsehen seinen Platz haben (der WDR produzierte mit); im Kino, für das er gefördert worden war (Bundesinnenministerium, Filmförderungsanstalt und Filmkredit Treuhand Berlin, Filmbüro NRW), wird sich noch zeigen müssen, ob die jugendlichen Konsumenten sich auch dort marktgerecht verhalten werden.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Diese Kritik ist zuerst erschienen in: epd Film 6/88

 

 

Der Sommer des Falken

Bundesrepublik Deutschland 1988. R: Arend Agthe. B: Arend Agthe, Monika Seck-Agthe. K: Jürgen Jürges. Sch: Yvonne Kölsch. M: Matthias Raue, Martin Cyrus. T Christian Venghaus, HansDieter Schwarz, Hartmut Eichgrün. A: Ulrich Bergfelder. Ko: Stephanie Polo. Pg: Topas. P: Michael Alexander, Hanns Eckelkamp. V- atlas. L: 104 Min. FSK: 6, ffr. FBW.- Wertvoll. St: 23.6.1988. D: Andrea Lösch (Marie), Janos Crecelius (Rick), Hermann Lause (Herbert Sasse), Rolf Zacher (Marek Czerny), Volker Brandt (Ricks Vater), Heidi Joschko (Sasses Mutter), Barbara Stanek (Ricks Mutter).

 

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