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Sometimes Happy, Sometimes Sad

 

Hollywood Bollywood Kollywood

 

Hollywood. Selbst all jene, mir oftmals höchst suspekten Menschen, die mit Film so ganz und gar nichts anfangen können, kennen die selbsterklärte Traumfabrik des amerikanischen Kinos zur Genüge und ebenso wofür es gemeinhin steht: riesige Filmproduktionen mit viel Schauwert und wenig Gehalt, wie auch dem ganzen Drumherum: Stars, Glamour, Geld, Skandale etc.

 

Bollywood. Hierzulande nahezu nichtssagend, steht der Begriff für die größte Filmmetropole der Welt im Norden Indiens mit Bombay als Zentrale, deshalb auch das Kürzel „B(ombay in H)ollywood“. Gedreht in der Nationalsprache Hindi, bestechen die in Staraufgebot, Aufwand, Bildgewalt und relativer Simplizität fast an Hollywood herankommenden Produktionen durch hochemotionale, klischeereiche, auf mehrere Stunden aufgeblähte Geschichten mit spontanen Musicaleinlagen, positiven Weisheiten über das Leben, die Familie und die Liebe und sind dem Kommerz verschrieben, ergo: der Zensur gehörig (keine Küsse, kein Sex, keine Nackte).

 

Kollywood. Wohl kaum bekannt, mir aber lange ein Begriff, da aus Sri Lanka stammend und der Muttersprache Tamil mächtig, mir schon seit ich denken kann tamilsprachige, südindische Filme gezeigt wurden, die aus Kodambakkam, in der Nähe von Madras stammen, drum auch das Kürzel „K(odambakkam in H)ollywood“. Die Produktionen sind nicht viel anders als die aus Bollywood, jedoch mit ihren ganz eigenen Stars und kulturspezifischen Themen, und,  da für ein kleineres Publikum gedacht, auch nicht so kostspielig produziert oder gar ambitioniert.

 

In den Filmwelten von Hollywood und Kollywood kenne ich mich aufgrund mannigfaltiger Erfahrungen selbstredend aus, doch Bollywood war mir bisweilen freilich suspekt. „Lagaan“ (2001), der letztes Jahr als erstes Bollywoodoutput für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, war ein überaus erfüllender und berauschender Einstieg in diese Welt, die eine Spur größer und mitreißender ist als alles was Kollywood bislang aufboten konnte.

 

Als zweites sah ich Yash Johars Megaproduktion „Kabhi Khushi Kabhie Gham...“ (2001), sinngemäß übersetzt als „Sometimes Happy, Sometimes Sad“. Der angeblich teuerste, an der Kasse erfolgreichste und mit den sechs größten Stars aus drei Generationen besetzte Film läßt sich mit nichts weniger als Superlativen beschreiben. Doch das spricht nicht unbedingt für die Qualität des 210minütigen Epos, dessen Handlung in der Hälfte der Zeit hätte erzählt werden können und die Geduld und das Sitzfleisch einer enormen Prüfung unterzieht. Ohne jemals an die erzählerische Stringenz und Dichte, schauspielerische Homogenität und musikalischer wie visueller Pracht des meisterhaften 224minütigen „Lagaan“ heranzukommen, ist Karan Johars Regiearbeit (der Sohn des Produzenten) höchstens mittelprächtig, aber auch sehr liebenswert.

 

 

„It’s all about loving your parents.“ – Karan Johar

 

 

Auf das starke Familienideal der Inder appellierend, bringt Johar in dem Satz, der als Leitsatz der kolossalen Werbekampagne in Indien genutzt wurde, seinen Film auf den Punkt. Der Film handelt von der Millionärsfamilie Raichand und ihren zwei Söhnen. Der traditionsversessene Vater Yashovardhan (Indiens ältester Superstar Amitabh Bachchan) und die tolerante Mutter Nandini (Bachchans Ehefrau Jaya) adoptierten ihren Ältesten Rahul (Indiens populärster Star neben Aamir Khan: Shahrukh Khan) bevor ihr Jüngster Rohan (Hrithik Roshan) kam. Obwohl der Vater sich wünscht, dass Rahul seine internationale Firma weiterführt und die geeignete, von ihm erwählte Naina (das schönste Geschöpft des ganzen Films: Rani Mukherji) heiratet, handelt er ihm erstmals zuwider und ehelicht die große Liebe, aber aus einer unteren Kaste stammende Anjali (die brilliante Kajol), wofür er aus der Familie verbannt wird. Tränenreich verabschiedet er sich von der Mutter und zieht mit Anjali und ihrer Schwester nach England.

 

Jahre später erfährt der im Internat geschulte Rohan erstmals von der Flucht des Bruders aus dem Elternhaus und beschließt, ihn zurück in die Familie zu holen und die Wogen zu glätten. Erwachsen und physisch stark verändert, bändelt er in England mit der extravaganten Pooja Pooja (Kareena Kapoor) an, der Schwester Anjalis, und nistet sich als Austauschstudent bei seinem Bruder ein, der ihn nicht wiederzuerkennen scheint. Mit der Hilfe von Pooja versucht er Rahul mit Anspielungen zu überzeugen, die Liebe zu seinen Eltern wiederzufinden...

 

 

„Whatever!“ – Pooja

 

 

Blickt man auf die mageren Zeilen Inhaltsangabe, so grübelt man zu Recht, wie eine solche Geschichte knapp vier Stunden füllen mag. Und da liegt auch die größte Schwäche des Films, den Yohar angeblich lieber noch länger gemacht hätte. In seinem jetzigen Zustand sprengt er schon die Grenzen des abendfüllenden Spielfilms, was nicht so schlimm wäre, zumal indische Kommerzfilme prinzipiell irrsinnige Überlänge haben, aber dann machte „Lagaan“ so famos vor, wie man eine Story so erzählt, dass man selbst in der letzten Stunde noch mitfiebert.

 

„Kabhi Khushi Kabhie Gham...“ jedoch ähnelt einer TV-Soap-Opera, die von einigen Episoden auf einige Stunden gekürzt, sich im wankelnden Tempo höchst unstimmig von einer hochdramatischen zu einer irritierend albernen Szene schwenkt. Sicherlich symptomatisch für Kollywood/Bollywood-Filme, aber „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ ist dem Titel gerecht mal himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Da erfährt jeder durchschnittliche Europäer eine ganz besondere Desensibilisierung bei der Sichtung dieses Melodramas, das Komik und Tragik mit ebenso großer Leichtigkeit zu zeigen versucht wie den Balztanz der Liebenden.

 

Letzterer ist auch jeweils zentral für die zwei Teile des Films, erst Rahul und Anjali in Indien, dann Rohan und Pooja in England, kontrastreich inszeniert erst mit klassischen Riten und in traditionellen Trachten, dann mit überzogen modernen neckischen Spielereien und echt schrillen Kostümen, wobei man Good Old England irgendwo zwischen ständigen Verweisen auf „It’s raining men“ und „Clueless“ findet. Entsprechend hohl und tanzsüchtig die Jugend.

 

Selbst bei allem Schauwert aber schläft man im letzten Drittel ein, der noch unnötig in die Länge gezogen dann paradoxerweise abrupt endet. Erzählerisch also mißraten, besticht er doch über einzelne Elemente, die dazu einladen, sich den Film immer wieder anzuschauen. Zuallerert wäre da mal die Musik, die beim ersten Hören mich nicht wirklich begeisterte, aber ohne die ich heute zuweilen gar nicht mehr durch den Tag komme. Komponiert von Jatin-Lalit und Sandesh Shandilya, spiegeln sie die vielen Stimmungsschwankungen des Films in mitreißenden, tanzsüchtigen Liebesbekundungen (Bole Chudiyan, You Are My Soniya), eher unfreiwillig komischen Songs wie ‚Say Shava Shava‘, traumhaften Balladen wie ‚Suraj Hua Maddham‘ und dem hoch dramatischen Titelsong in all seinen traurigen Variationen.

 

Belebt werden diese Nummern durch aufwendige, überwältigende Tanzsequenzen, die mal lächerlich, mal ergreifend sind. Zuweilen überträgt sich Dynamik und Rasanz dieser Höhepunkte gar auf normale Erzählsequenzen und macht Hoffnung, dass sich der Film wieder fängt und das Niveau beibeihält. Einige unnötige Szenen später ist man aber wieder schlauer. Zu zerfahren und mit Belanglosigkeiten überfrachtet, verfügt der Film doch hier und dort über charmante Details, die erst recht durch die soliden Darsteller liebenswert gemacht werden.

 

Kajol ragt dabei mit ihrem Temperament, ihrer unkonventionellen Schönheit, ihrem Mut zur lächerlichen Grimassenschneiderei und ihrem erquickenden Körpergefühl bei den Tanzszenen heraus. Die restlichen Darsteller sind allesamt ansprechend und gut besetzt, speziell in den unzähligen Nebenrollen. An Kajol reicht aber einfach keiner heran. Diese Frau ist eine Wucht und Grund genug, sich den Film von Anfang bis Ende anzutun.

 

Auch hervorzuheben sind viele einzelne Momente, die nicht wirklich bedeutend sind für die Handlung, aber einen berühren, wie etwa die kurzen Traumsequenzen der Brüder oder als das frühere Kindermädchen ihren Rohan als erste wiedererkennt. Melodramatik pur und fast schon zum Heulen. Da zeigt sich Bollywood von seiner besten Seite. Schade, dass der Film seine vielen Höhepunkte nicht sinnvoll zu ballen weiß.

 

Sehenswert? Auf jeden Fall. Gelungen? Nicht wirklich.

 

Asokan Nirmalarajah (09.08.2003)

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: ciao.de

 

Sometimes Happy, Sometimes Sad

Indien 2001 - Originaltitel: Kabhi Khushi Kabhie Gham... - Regie: Karan Johar - Darsteller: Amitabh Bachchan, Jaya Bachchan, Shah Rukh Khan, Kajol, Hrithik Roshan, Kareena Kapoor - FSK: ab 6 - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 210 min. - Start: 10.4.2003

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