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Der Sohn von Rambow

Denn sie wissen nicht, was sie tun

 

Der Sohn von Rambow könnte so viel Verschiedenes sein: ein Psychogramm zum Beispiel, das sorgenvolle Porträt eines vernachlässigten Jungen, der ohne Vater in der restriktiven Sekte der Plymouth Brethren aufwächst, eine Studie über die desaströsen psychologischen Auswirkungen seines ersten cineastischen Erlebnisses, als er nach zwölf Lebensjahren in medialer Isolation ausgerechnet Rambo zu sehen kriegt; der Film hätte auch ein Lehrfilm über die Gefahren bei unbeobachteten Kinderspielen werden können, vor allem, wenn diese Späße nur lapidar durchdachte Filmstunts mit Sprengstoff, Industrieschutt, Ölfässern und Wasserwerfern beinhalten; eine Lebensstil-Doku über (Frisuren-) Mode und Popkultur in den mittelenglischen 1980er Jahren hätte man auch daraus basteln können; und Gott bewahre, beinahe wäre Der Sohn von Rambow sogar ein veritabler Kinderfilm geworden. Doch glücklicherweise bleiben all diese Aspekte Details, die man getrost den Eierköpfen überlassen kann, denn Der Sohn von Rambow macht erstmal nur unverschämt viel Spaß.

 

Es ist einer dieser selten gewordenen Filme ohne Marketingkonzept, die sich den traditionellen Zielgruppenzuschreibungen bewusst entziehen: First Blood meets Stand by Me meets Der einzige Zeuge vielleicht? Oder Auf Wiedersehen, Kinder meets Be Kind Rewind meets The Wonder Years? Egal: Der Sohn von Rambow ist ein Film für alle, die noch an die Magie der Bilder glauben. Das Werk ist beseelt von einem kindlichen Staunen und einer ebensolchen Furchtlosigkeit. Die Zensoren mögen noch so viele Probleme haben mit diesen beiden Jungs, die mit einer klobigen Videokamera und ein paar hanebüchenen Kostümfetzen ein Sequel zu Rambo drehen wollen die Zuschauer dagegen wissen, dass jeder, der solchen Irrwitz nicht selbst auch mal ausgeheckt hat, ein blöder Stubenhocker war. Und wer Angst vor jugendlichen Nachahmern hat, der unterschätzt die heutige Jugend ganz enorm: Tendenziell fallen Kindern noch deutlich haarsträubendere Freizeitbeschäftigungen ein.

 

Garth Jennings erweitert damit eine erstaunlich sprunghafte Filmographie: Nachdem man dem britischen Musikvideoregisseur und seinem Produktionspartner Nick Goldsmith direkt zum Einstieg ins Geschäft die Multi-Millionen-Dollar-Verfilmung des ewigen Anarcho-Klassikers Per Anhalter durch die Galaxis überlassen hatte und er diese Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit bewältigen konnte, reicht er nun einen charmanten und zutiefst originellen Indiefilm nach, wie man ihn als Regiedebüt erwartet hätte. Der frühzeitige Ausflug in den Mainstreamfilm ist nur noch in der leichtfüßigen Souveränität spürbar, die in allen Bereichen vorherrscht allen voran beim hinreißenden Design von Joel Collins und beim leichtfüßig temperierten Schnitt des vielseitig begabten Dominic Leung.

 

Eine besondere Erwähnung verdienen sich Bill Milner und Will Poulter, die eine Energie und einen Enthusiasmus in den Film bringen, ohne den das ganze Projekt nicht vorstellbar gewesen wäre. Vom kindlichen Übermut bis zu den teils heftigen emotionalen Ausbrüchen gelingt ihnen jede Szene so glaubhaft und sehenswert, dass man zu keiner Sekunde daran denkt, hier könnten zwei 14-jährige ohne jegliche Schauspielausbildung zu sehen sein. Jennings erklärt diese erstaunlichen Leistungen mit der realen Freundschaft dieser beiden Jungs und mit der Tatsache, dass es ganz natürlich wäre, dass Kinder nun mal gerne Geschichten nachspielen. Seine Bescheidenheit vernachlässigt die Tatsache, dass gute Kinderdarsteller extrem schwer zu finden und noch viel schwerer zu führen sind. Hier wurde meisterliche Arbeit geleistet.

 

Mit Hilfe dieser beiden so unterschiedlichen Jungs und seinen erfahrenen Technikern lässt Jennings eine magische Kindheitswelt entstehen, in der alles noch knallbunt ist, jeder Baum noch riesengroß, jede Enttäuschung noch schmerzt wie ein Weltuntergang und in der man noch nicht weiß, wovor man alles Angst haben müßte. Man holt sich üble Schürfwunden im Wald, lässt sich mit Wippen quer durch eine verlassene Fabrikanlage katapultieren, stellt Wilhelm-Tell-Szenen mit echten Armbrüsten nach und ersäuft fast im örtlichen Teich. Bei so viel Aufregung muss man erstmal eine rauchen und lernen, wie man ein altes Auto durch einen Zaun fährt alles nur für den Film, versteht sich. Soll noch mal einer sagen, in der Filmindustrie lernt man nichts fürs Leben.

 

Daniel Bickermann

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: schnitt

 

Der Sohn von Rambow

Son of Ranbow. GB 2007. R,B: Garth Jennings. K: Jess Hall. S: Dominic Leung. M: Joby Talbot. P: Hammer & Tongs, Celluloid Dreams, Reason Pictures. D: Neil Dudgeon, Bill Milner, Jessica Hynes, Anna Wing, Will Poulter, Edgar Wright u.a.

96 Min. Senator ab 21.8.08

 

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