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Snatch – Schweine und Diamanten

 

Knarrenlauf der Geschichte

 

Mit "Snatch – Schweine und Diamanten" arbeitet Guy Ritchie am visuellen Overkill des Gangsterfilms

 

Guy Ritchies Bilder sind schnell. Abgekoppelt von ihrem unmittelbaren Inhalt, sind sie ihm als Zeichen bedingungslos ausgeliefert. Ein Akt der Befreiung. Das psychedelisierende Rauschen der Fragmente kennt nur mehr hoch dosierte Flashs, die die Effekte zum Kollabieren bringen.

 

Den Grundstock seines Bildervorrats hatte der Brite schon vor zwei Jahren mit seinem Debüt "Bube, Dame, König, Gras" angelegt. Der kleine, kompliziert erzählte Gangsterfilm war eine laut tönende Fingerübung im Dekonstruieren von narrativen Strukturen. Die Hierarchie der Bilder folgte keiner linearen Logik mehr, sondern allein den Gesetzen der Ballistik.

 

Mit "Snatch" liefert Ritchie jetzt das hochkomprimierte Update seines Beschleunigungskinos. Er will den Zuschauer im visuellen Sperrfeuer knacken. Und gleich mit der Eröffnungsszene spielt er sein Repertoire an Tricks konsequent aus. Der Überfall auf ein Diamantendepot in Antwerpen ist eine hektische Demontage von Tempo und Chronologie. Ritchie konzentriert sich ganz auf die abgehackten Bewegungen der Personen, die heranwirbelnden Film-Credits verkeilen sich im asymmetrischen Bildgefüge aus frozen pictures. Die visuelle Verschachtelung forciert das Stakkato der Bilder, während die Kamera durch groteske Jump-Cuts und Einstellungswinkel den Figuren regelrecht in den Knarrenlauf kriecht. Das Aushebeln der Raumachsen ist Ritchies Spezialität; in jedem Blick lauert der Wahnsinn.

 

Schöne Sinnlosigkeit des Rausches. Der Overkill an Informationen hat in "Snatch" perverse Züge angenommen. Übersicht im Wust von Hauptfiguren schaffen nur noch klärende Zwischentitel, die Charakterisierung der zwölf Hauptfiguren ist auf markige Nicknames beschränkt, und auch der Erzähler, der streetsmarte Boxpromoter Turkish, hat sich irgendwann in dem halsbrecherischen Geflecht aus Haupt- und Subplots verloren. Objekte übernehmen schon früh die Funktion des Handlungsleitfadens, perfektioniert in der dynamischen Vorspannsequenz: Die Kontinuität der Bildercollage entsteht durch den Transport der Objekte (Diamant, Geld, Waffen) von Person zu Person.

 

Der poststrukturalistische Gangsterfilm hat mit "Snatch" seinen Schlusspunkt erreicht, die Figuren sind endgültig zu Funktionseinheiten degradiert. Ihre Handlungen sind coole Flashs, die Worte redundantes Rauschen, der Tod ist eine Performance. Die Londoner Unterwelt ist in "Snatch" ein bunter Themenpark zwischen Foltergarten und Knochenmühle. Ein Toter ist ein Toter ist ein Toter. Der Rest wird an die Schweine verfüttert. Box- und Agrarkultur - beides ist vor die Hunde gekommen. Ein Drecksjob. Diamanten sind da schon ein ganz anderes Kaliber, ihr reines, warmes Funkeln wirft einen erhabenen Glanz auf die verkommenen Subjekte, bevor die Szenerie im Blut versinkt. Franky Four Fingers sieht beim Überfall auf das Diamantendepot noch wie ein lässiger Siegertyp aus; später reist seine abgetrennte Hand als notwendiges Übel am Geldkoffer mit, in dem sich die blutbesudelten Klunker befinden. Auch die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit ist Ritchie nicht mehr als einen coolen Einzeiler wert. Gerade mal so lang, wie man zum Sterben braucht.

 

Manchmal kann das Sterben allerdings auch etwas länger dauern. Dann hebt Ritchie die Zeit aus den Angeln und umkreist den Moment des Todes aus allen Perspektiven und gegen die Zeitachse, bis sich aus den einzelnen Fragmenten ein Bild zusammenfügt. Der Tod von Boris the Blade zeichnet sich durch eine besonders sarkastische Härte aus. Bezeichnenderweise setzt die furioseste Zerstückelung der Zeit bei Ritchie aber genau in dem Augenblick ein, in dem die verschiedenen Handlungsstränge erstmals an einem Ort zusammenlaufen. Die hysterischen Diamantenjäger und die panischen Boxpromoter - "Unterschätz’ niemals die Vorhersehbarkeit von Dummheit!" (Blutgrätsche Vinnie Jones). Sie sind wandelnde Krisenherde.

 

Kaum ein Regisseur hat den visuellen Anarchismus der Tex-Avery-Cartoons bisher konsequenter umgesetzt als Guy Ritchie: Mit "Snatch" reduziert er Kino wieder auf eine Abfolge von Bewegungen und Images. Alles verflüchtigt sich unter der unglaublichen Beschleunigung seines formalistischen Potpourris. Das stroboskopartige Aufblitzen der berauschten Leere lähmt die Sinne. Ritchie brennt.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

Snatch - Schweine und Diamanten

(Snatch)

England, USA 2000

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Guy Ritchie

Kamera: Tim Maurice-Jones

Schnitt: Jon Harris

Produktion: Matthew Vaughn

Musik: Noel Gallagher, Massive Attack, John Murphy, Tom Rowlands

Laufzeit: 140 Minuten

Darsteller:

Jason Statham - Turkish

Stephen Graham - Tommy

Alan Ford - Brick Top Polford

Brad Pitt - Mickey O'Neil

Dennis Farina - Abraham 'Cousin Avi' Denovitz

Rade Serbedzija - Boris 'The Blade' Yurinov

Robbie Gee - Vincent

Lennie James - Sol

Vinnie Jones - Bullet Tooth Tony

Benicio Del Toro - Franky Four Fingers

Mike Reid - Doug 'The Head' Denovitz

Jason Flemyng - Darren

Andy Beckwith - Errol

William Beck - Neil

Ewen Bremner - Mullet

Ade - Tyrone

Jason Buckham - Gary

Mickey Cantwell - Liam

 

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