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Sin City

 

 

 

 

Der Tod und die Mädchen

 

Eine seltsame Melange aus melancholischem Fatalismus und masochistischer Gewaltbereitschaft ist es, die einigen Einwohnern von Basin City ein klein wenig von der Erhabenheit zurückgibt, an der es dem Sündenpfuhl in jeder Hinsicht mangelt. Eine Stadt, in der es scheinbar keine Tage, sondern nur bedrohliche Nächte gibt, an deren Verruchtheit sich Verbrechersyndikate und die korrumpierte Polizei laben, ein Ort, der frei ist von moralischen Instanzen oder Regeln, Sammelplatz für Abschaum jeder Art, Huren, Gangster, Mörder, Psychopathen, Vergewaltiger, Pädophile, allesamt Menschen ohne Furcht und meist auch ohne jede Spur von Hoffnung.

 

Menschen wie Marv (Mickey Rourke). Ein Koloss von Mann, das Gesicht von Narben und gebrochenen Knochen entstellt, einsam gestrandet in einer der Bars dieser Stadt, in der er sich besinnungslos betrinkt, um die Wirkung seiner Psychopharmaka zu verstärken und sich selbst zu betäuben. Später liegt die Prostituierte Goldie (Jaime King) neben ihm in seinem Bett, im Off hört man Marvs Stimme und wie er in der Vergangenheit von ihr schwärmt, seiner Goldie mit dem engelsgleichen Duft und den goldblonden Haaren, der einzigen Frau, die sich ihm je liebevoll zuwandte. Es sollte ihre letzte Nacht sein, dort neben Marv, an seiner Seite schlafend wurde sie ermordet, bei ihm, dem Mann, den sie aufsuchte, einzig um Schutz zu finden.

 

Natürlich will Marv ihren Tod rächen, nicht ungestraft darf der Mörder seines Engels davonkommen. Er wird die Stadt nach Hinweisen durchforsten, Handlanger verprügeln, Informationen aus ihnen herausfoltern, es wird Blut fließen, viel Blut, auch sein eigenes, doch am Ende aller Tage wird Goldie wieder bei ihm liegen. Lakonisch kommentiert er seine Morde, nimmt brechende Knochen, klaffende Wunden und berstende Gelenke hin als zierten sie sein Wesen, als gäbe ihm jede Verletzung ein Stück von Goldies unschuldiger Miene wieder. Wie kaum ein anderer Charakter dieses fotorealistischen Comic-Universums repräsentiert Marv die Gebrochenheit der Seelen und die Schlichtheit der herrschenden Maxime der Stadt. Gewalt ist in Basin City kein Mittel der Extreme, sondern vielfach pures Instrument der Kommunikation, gar essentiell zum Überleben jeder Stunde.

 

Auch der grobschlächtige Hüne trägt die Insignien der Nacht: Trenchcoat und Killervisage. Unerkannt bleibt in den verwinkelten Gassen und schmuddeligen Etablissements nur, wer jeden vorübergehenden Passanten leise tötet, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, doch leise passiert hier gar nichts. Die in schwarz-weiß getränkten Bilder porträtieren das Ambiente eines vollkommen maroden Molochs, der ein Gleichgewicht aus Gewalt und Geld beherbergt, das einzig und allein dafür sorgt, dass sich die Stadt und deren übelste Kreaturen nicht gleich selbst zerstören. Lügen stehen an erster Stelle, Macht hat, wer sich die Wahrheit zusammenkaufen kann, nicht das größte Waffenarsenal allein genügt dazu. Perverse gibt es ausreichend, so wie den stummen Kannibalen Kevin (Elijah Wood), auf dessen Konto der Mord an Goldie geht. Mit Genuss verzehrt er lebendiges Menschenfleisch, insbesondere weibliches und Huren wie Goldie vermisst man nicht lange in dieser Stadt.

 

Eine der insgesamt drei episodenhaft aneinandergereihten Geschichten erzählt die von Marv, in all ihren exzessiven Details, und mit dem höchsten Maß an visuell-narrativer Genialität. Doch alle vertrauen auf die Intensität des Milieus in dem sie existieren, mit derselben apodiktischen Konsequenz mit der sie den drei männlichen Hauptfiguren jeder einzelnen Episode, Marv, Dwight (Clive Owen) und Hartigan (Bruce Willis) jeweils einen vermeintlichen Grund geben, um ihrem Gestus gerecht zu werden. Es gilt eine Form von Gerechtigkeit herzustellen, zur Not zusammenzutöten, die eigentlich nicht existiert und diesen klassischen Figuren des film noir doch erlaubt, den Helden nicht nur zu spielen, sondern dieser Held in Wirklichkeit zu sein. Unter den langen Mänteln und hinter dem Qualm ihrer Zigaretten verbirgt sich die geschundene Seele innerlich aufgewühlter Männer, die ihren Zynismus, in Sarkasmus getaucht, vor sich her tragen. Es sind möglicherweise nur Männerphantasien, die hier bedient werden, die Metaphorik des Wild-West-Saloons und der rauchenden Colts gemischt mit der Einsilbigkeit zu Taten gezwungener, keineswegs ehrlicher, immer gequälter Helden der Nacht.

 

Frank Millers Cult-Comics erfahren in Robert Rodriguez' gewagter Adaption eine nahezu perfekte Inszenierung auf der Leinwand, gestaltet sich der Übertrag von gezeichneten auf bewegte Bilder doch als ausgesprochen dynamischer und in dieser originalgetreuen Kopie faszinierender Wechsel. Da bleibt kein Raum für Eigenheiten, Millers Bilder sind Drehbuch und erzähltechnische Grundlage in einem, doch weitaus entscheidender als die Handlung selbst, ist die in schwarz-weiß heraufbeschworene Atmosphäre, die sich an Düsternis und Ausweglosigkeit nur schwer überbieten lässt. Farbe taucht in der Regel nur auf, wenn es blutig wird, alles andere verschwindet in Schatten und Nebeln, man sieht nur, was man sehen darf, denn hinter den Fassaden und Fenster der Hochhäuser dieser grotesken Gemeinde verbirgt sich wohl so manch abseitiges Geheimnis, das noch davor zurückscheut ans Licht der Öffentlichkeit zu gelangen. Erinnerungen werden wach, an das virtuose Erzählkino aus "Pulp Fiction", dieser Parabel der Groschenromane und stilistischen Extravaganzen. "Sin City" ist in etwa so künstlerisch innovativ, aber vor allem vom kreativen Geist Rodriguez' beseelt, der mit diesem abgefahren irrwitzigen Spektakel dem gegenwärtigen Kino der Comic-Adaptionen und CGI-Effekte völlig neue Optionen anbietet.

 

Halb Hollywood wirft er dabei den Höllenhunden zum Fraß vor, so dezimiert sich die durchweg exzellent besetzte Riege im Laufe der filmischen Handlung ganz von selbst, und das nicht minder blutig. Dabei variieren die Episoden der einzelnen Figuren zwischen überhöhtem Pathos und schlichter Banalität, erzählen einerseits vom bestialischen Töten und andererseits von der lakonischen Nebensächlichkeit abgetrennter Gliedmaßen. Wer nun der Gewalt ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zuwendet und sich an derselbigen kritisch ereifert, ist wahrscheinlich nicht geschaffen für Geschichten aus Millers Feder, deren Merkmal nun wahrlich keine gewaltverherrlichende Note trägt, sondern eigentlich eher die einer ins unermesslich pervertierten Ästhetik des Morbiden.

 

So schließt sich der Kreis der Episoden in den Momenten, in denen sich Marv, Dwight und Hartigan dem Tod und ihren Mädchen, egal ob prostituierter Engel, in Leder gewandete Hure oder die stringtragende Unschuld selbst, stellen müssen. Dort entscheidet sich ihr eigenes Schicksal und das ihrer Gegner, nicht im Bruchteil von Sekunden und keineswegs leise mit einer Kugel in den Rücken, sondern immer mit Getöse, mit Brachialgewalt und der erschreckenden Erkenntnis, das die armen, hilfsbedürftigen Geschöpfe, ohne ihre Beschützer meist besser dran wären.

 

Patrick Joseph

 

Dieser Text ist zuerst erschienen bei: www.ciao.de

Zu diesem Film gibtís im archiv mehrere Texte

 

Sin City

USA 2005 - Regie: Robert Rodriguez - Darsteller: Bruce Willis, Clive Owen, Jessica Alba, Rosario Dawson, Benicio Del Toro, Mickey Rourke, Brittany Murphy, Elijah Wood, Josh Hartnett, Jaime King - FSK: keine Jugendfreigabe - Länge: 124 min. - Start: 11.8.2005

 

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