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Science of Sleep

 

Ein paar beliebige Gedanken. Ein wenig Nachklang vom Tag. Einige Erinnerungen an die Vergangenheit. Noch etwas Liebe, Freundschaften, Partnerschaften und zum Abschmecken natürlich (wie könnte es in einem Michel Gondry-Film anders sein) die Lieder des Tages. Das Ganze umrühen und fertig ist er: der perfekte Traum. So einfach geht die Traumproduktion in Michel Gondrys drittem Spielfilm “Science of Sleep – Anleitung zum Träumen”, seiner ersten Regiearbeit ohne Mastermind Charlie Kaufman. In seinem imaginären Fernsehstudio aus Pappmachee wird der junge Stéphane (Gael Garcia Bernal) zum Traumkoch und Master of Ceremony. Im Hintergrund flimmert ein altes Super8-Home Movie aus der Kindheit und nebenan befindet sich eine Blue Box. Die Box erfüllt eine ähnliche Funktion wie die Kriechgänge in Spike Jonze’ “Being John Malkovich”: durch sie betritt man das Schlafzentrum und gelangt so direkt in die Träume, die man gerade noch zubereitet hat. Stéphane ist teilnehmender Beobachter seiner eigenen, lebhaften Fantasie.

 

Um die Konsistenz von Träumen und die Kontingenz des Träumens geht es in “Science of Sleep”. Die Membran zwischen Realität und Fantasie ist dünn; sie trennt auch unterschiedliche Aggregatszustände voneinander: Bei Gondry sind die überbordenen Gefühlswelten seiner Figuren in eine krude Stofflichkeit übergegangen (Filz, Pappe, Cellophan), während die Realität sich langsam in Wunschbilder verflüchtigt. Stéphane und Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) sind Nachbarn und irgendwie ineinander verknallt. Das heißt, erstmal verkuckt sich Stéphane in Stéphanies Freundin Zoe. Das Gefühlschaos in Gondrys zwangspubertärem Spielzimmer ist von Beginn an überwältigend.

 

“Science of Sleep” ist ein großer, schöner und entwaffnend naiver Gegenentwurf zu Gondrys letztem Film “Vergiss mein Nicht”, der noch dem bekannten Determinismus der Romantic Comedy amerikanischer Prägung anhing. Das Happy End war, entgegen allen Widerungen, unausweichlich. Dem leidigen Absolutheitsanspruch der Romantic Comedy auf tragfähige Liebesmodelle hält Gondry nun konzeptionelle Verwirrung und eine Art poetischen Terrorismus (‘Katastrophologie’ heißt das im Film) entgegen. “Science of Sleep” verweigert sich klaren Bekenntnissen und der habituellen Selbstvergewisserung, die das Prinzip der Paarbildung im Kino meistens mit sich bringt. Die so geschaffenen Freiräume ähneln den Temporären Autonomen Zonen des Anarcho-Hippies Hakim Bey und wurden von Gondry und seinem Heimwerker-Workshop mit fantastisch-spleenigen Details ausgestattet. In diese Räume (Metropolis-artige Städte aus Toilettenpapierrollen, wattige Winterlandschaften, das mit Eierkartons ausstaffierte Fernsehstudio) zieht Stéphane sich immer dann zurück, wenn seine Umwelt ihn wieder mal überfordert.

 

Bernal und Gainsbourg sind hinreißend als leicht entrückte Tagträumer, ohne Plan oder feste Bestimmung, aber voll unartikulierter Sehnsüchte. In der Art zum Beispiel, wie er sich durchs Haar fährt, wenn er nervös ist, und Gainsbourg bei jedem unsicheren Lächeln ihre süßen Mäusezähne zeigt. „Meine Gefühle sind pathologisch,“ sagt Bernal einmal, „und mit Pathologie kann man niemanden verführen.“ Um ihr Artikulationsproblem zu überwinden, müssen Stéphane und Stéphanie erst lernen, auf andere Art zu kommunizieren: über ihre Träume, kindlichen Fantastereien und die gemeinsamen Bastelarbeiten wie das Spielzeugpferd Golden the Pony Boy, das als wackelige Stop-Motion-Animation mühelos zwischen den Realitäten wechseln kann, später auch zwischen den Fantasiewelten der beiden Träumer. Doch diese harmonische Übereinkunft lässt sich nicht ohne Weiteres auf das Leben draußen übertragen, und je mehr Stéphane sich in seinen Träumen verliert, desto durchlässiger wird seine Realitätswahrnehnung.

 

Ohne Kaufman an seiner Seite hat Gondry mit “Science of Sleep” zu einer unverdorbenen – soll heißen: präpostmodernen - Form der Bildproduktion gefunden, das gilt für die kinematografischen als auch die Wunschbilder. Gondry sucht einen unmittelbaren Zugang zum Geschehen, das sich unserem Zugriff eigentlich entzieht. So einfach wie es sich im Film darstellt (wie Kochen eben) soll möglichst auch das richtige Leben funktionieren. Folglich Gondrys Entscheidung, “Science of Sleep” teilweise in seinem alten Elternhaus in Paris zu drehen, ganz nah dran an den Kindheitserinnerungen, die auch seinen Film heimsuchen. Dieser Wunsch nach Kontrolle und Übersichtlichkeit ist ein roter Faden, der sich durch den ganzen Film zieht. Glücklicherweise hat Gondry den deterministischen Tendenzen von “Vergiss mein Nicht” völlig entsagt. Es gibt kein Grundrecht auf persönliches Liebesglück mehr, nur noch auf vereinzelte Glücksmomente. Den eigenen Träumen ist genausowenig zu trauen wie unseren Gefühlen.

 

So nimmt “Science of Sleep” die Konventionen der Romantic Comedy mit traumwandlerischer Unschärfe ins Visier. Gondry versucht eine gewagte Gratwanderung zwischen staunendem Kitsch a la “Amelie” und märchenhaftem Eskapismus, ohne dass der Film je in seinen animierten Sentimentalitätsszenarios schwelgen würde. Das Happy End bleibt eine Möglichkeit unter vielen, da mag man sich noch so abstrampeln - Beziehungen sind harte Arbeit, das zeigt Gondry unmißverständlich. Das Schöne an seinen Methoden ist, dass sie ihn trotz allem nicht zum abgeklärten Zyniker abstempeln, sondern im Gegenteil den durchgeknallten Realisten zum Vorschein bringen.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Science of Sleep - Anleitung zum Träumen

Frankreich 2005 - Originaltitel: La Science des Rêves - Regie: Michel Gondry - Darsteller: Gaël Garcia Bernal, Charlotte Gainsbourg, Alain Chabat, Miou-Miou, Emma de Caunes, Aurélia Petit, Sacha Bourdo - FSK: ab 6 - Länge: 105 min. - Start: 28.9.2006

 

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