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Schwestern der Revolution

Im ersten Teil stapfen zwei junge Männer durch Schutt und Müll einen Abhang hoch. Der Kommentar stellt sie als die Schwestern der Revolution vor: eine Kampftruppe von Homosexuellen, die sich innerhalb der politischen Linken für die Frauenemanzipation einsetzt. Dietmar Kracht gibt der Eva Suffa Obdach; sie ist vom Schicksal geschlagen. Schon zündet sie Feuer im Kachelofen, während Dietmar, im schwarzen Anzug, die Hand in der Tasche, die Arbeitende belehrt: »Es gilt, die Unterdrückung im Privatleben nicht als private zu begreifen, sondern als politisch-ökonomisch bedingte. Es gilt, Privatleben qualitativ zu verändern und diese Veränderung als politische zu verstehen. Dieses beinhaltet, daß der Anspruch auf Glück in gesellschaftliche Aktion eingelöst werden muß. Persönliches muß also identisch werden mit einer Praxis, die jetzt schon mögliche Momente einer zukünftigen Gesellschaft enthält, die sowohl alle Lebensverhältnisse erotisiert, als auch Aggressionen produktiv macht« undsoweiter. - Dietmar spricht den Text sehr schnell. Er hat Mühe damit und muß sich häufig verbessern. Man hört, wie er - der Ton ist asynchron - den Text abliest, welcher, wie Praunheim behauptet, einer Emanzipationsnummer des Konkursbuches entnommen ist. - Schwester Dietmar setzt die revolutionäre Flucht mit Carla Aulaulu fort, in entsetzlicher Not über Hunderte loser Planken stolpernd, während der Sturm ihr ins Haar fährt; sie kann als Frau »die Geschichte nur als die Geschichte des Mannes reflektieren«. In der folgenden Sequenz sind es zwei junge Tänzer, die auf regennasser Straße Richtung Kamera flüchten. Sven Buscha, Operettentänzer, zeigt sich im blütenweißen Trikot und gibt damit das Bild ab für den Satz von der »Anpassung des Mannes an die Frau: er spielt die Unterdrückung der Frau nach, die gelernt hat, Lust an ihrer eigenen Unterdrückung zu finden«. - Dann springt Steven Adamczewski in panischer Furcht über ein Eisengitter. Als Ledermann trägt er mit einem zweiten Kampftruppführer an einer Besenstange einen gefesselten halbnackten Körper in einen Ritualraum. Zum lustvollen Bild belehrt der Kommentar: »Entfesselte Sexualität bedeutet Destruktion und Anarchismus. Die Folge einer gewaltsamen Unterdrückung von Sexualität ist die Bindung des irrationalen Triebes an Gewaltsamkeit, Verbrechen, Perversion und Anarchie Der unterdrückte, gefesselte und blonde Dietmar Kracht spricht das Schlußwort des ersten Aktes: »Ich will kein Osterhase sein, obwohl ich sensibel und anlehnungsbedürftig bin - Der zweite Akt, im Gegensatz zu den beiden andern farbig, entführt uns an die kieler Förde, denn dort ist es, wo Praunheims Tante, Luzi Kryn, lebt. Die reizende kleine Liebesgeschichte beginnt hochdramatisch. Ein femininer Kampftruppenjunge (Werner Schroeter), er hat eine schwarze Sonnenbrille auf der Nase, warnt das junge Mädchen mit dem Madonnengesicht (Alix Buchen) vor den tödlichen Gefahren, die der alleinstehenden Mutter von einem mutmaßlichen Sittentäter drohen: »Ich flehe dich an als dein einziger Bruder, rette unsere Mutter Ein gräßlicher Schrei von fünf Sekunden Dauer folgt. Doch gelingt die Flucht durch den Schneewald. Alix und Mutter (Luzi Kryn) sind gerettet und pflegen mit dem attraktiven Besucher in ihrer Wohnung (Michael Bolze) Konversation. Luzi, im langen hellgelben Nachthemd mit Spitzen und Schleifen, verzehrt sich nach dem Fremden, der vielleicht ihr Mörder ist: »Ich kann den Lebenskampf nicht alleine meistern, ich muß ihn haben, ich brauche Liebe und Frieden - Der dritte Akt zeigt ein über-aufgeräumtes bürgerliches Wohnzimmer. Die dürftige Tischlampe ist nicht angeschlossen, die Schnur hängt funktionslos den Fuß hinunter. Carla Aulaulu, ungeschminkt, eine häßliche Strickjacke um die Schultern, läßt sich vom Mann über Ehepflichten belehren: »Der Ordnungswahn ist genauso ein Laster, eine Manie wie Alkoholismus oder Rauschgiftsucht. Dein Inhalt ist der Kult der Dinge für den Mann. Du selbst bist nicht du selbst, sondern der Spiegel dessen, was der Mann über dich denkt« undsofort. Der dritte Akt und damit der Film endet im partnerschaftlichen gegenseitigen Vergeben und Vergessen.

 

Ein kurzer Spielfilm (20 Minuten). Carla Aulaulu ist als Superstar entthront; neben ihr agieren erstmals Darsteller, die, wie Luzi Kryn, Dietmar Kracht, Steven Adamczewski und Thomas Vassilev, Stars der nächsten Praunheim-Filme sein werden. - Die Inhaltsangabe hier, die knapp genug ist, gibt keinen Begriff von den Filmen, die im Film laufen, sich überlagern und begatten. Beabsichtigt war ein viel längerer, abendfüllender Film. Praunheim hatte auch entsprechendes vielstündiges Material belichtet, gedreht an reißenden Flüssen der Stadt Berlin, an Müllverbrennungsanlagen, an Gleisen, auf Schrottplätzen und Deponien. Das war im Frühjahr 1969. An Geld fehlte es nicht. Das ZDF hatte für ROSA ARBEITER II. TEIL gezahlt. Der Senat kehrte das Ehestands- und -einrichtungsdarlehen an Praunheim und seine Gattin aus. Und außerdem hatte Praunheim von vornherein beschlossen, seine vielen Darsteller nicht zu bezahlen. Letzteres machte hinterher böses Blut, obwohl Praunheim die scheinheilige Gegenrechnung aufmachte, daß er den Mitwirkenden die »Befreiung aus ihren alltäglichen Schwierigkeiten« mittels Dreharbeit geboten habe; »das persönliche Interesse von Amateuren wird durch das Bewußtsein von Arbeit und Geld zerstört«.

 

Das belichtete Material war nichts. Es war alles grau in grau geworden, denn Praunheim hatte einen zu hochempfindlichen Film benutzt. Seine wiederum scheinheilige Selbstkritik: »Meistens handelte es sich um immer die gleichen Fluchtgeschichten, die ich in der Aufregung nicht zu variieren verstand. Begeistert von den Kulissen, drehte ich zu viele unübersichtliche Totalen, idiotische Schwenks und Zooms, statt mich an informativen Detailaufnahmen zu delektieren Da half auch das Talent des Regieassistenten nichts (Werner Schroeter).

 

Der Zwanzigminutenrest wurde jedoch durch die geniale Auswahl des Tons attraktiv. Die Kommentierung, die parallel zum Bild eigene Wege ging, verführte alle, die sich ihre Standpunkte ein wenig verunsichern lassen wollten oder sowieso drauf und dran waren, die Schalen der scheinbar sicheren Dogmen abzuwerfen. Praunheim sammelte mit den SCHWESTERN DER REVOLUTION aufs neue Jünger, die sich - schon im Jahr 1969 - daran machten, aus den Schützengräben des ideologischen Kampfes zu steigen und sich selbst zu Subversionstruppen zu formieren: hinter der feindlichen Linie, in der Etappe des Feindes, mit ungewissem Ziel und fürs erste zum Selbstzweck.

 

Der Film erhielt bei der Internationalen Filmwoche Mannheim einen Golddukaten und von der FBW das Prädikat wertvoll. Die Zeitschrift Filmkritik setzte im November 1969 Praunheims Namen auf die Titelseite. Enno Patalas ortete dort die SCHWESTERN DER REVOLUTION »jenseits des Jungen Deutschen Films«. Jörg Peter Feurich schrieb in der nämlichen Nummer die erste Filmkritik-Kritik über Rosa von Praunheim. Die Emanzipationstexte des Films fanden in den Spalten der damals führenden Zeitschriften ihren Reflex, und Eva M.J. Schmid schrieb drei Jahre später den zentralen Satz: »Beide Damen (Luzi Kryn und Carla Aulaulu) sind Persönlichkeiten von immenser Vitalität. Sie repräsentieren den neuen Typ von Rollen-Trägern in einer neu entdeckten Welt; einer Kultur, die sich - trotz aller Übernahmen - auf plebejische Weise gegen die bürgerlichen Kunst-Klischees zu artikulieren beginnt

 

Mit Carla Aulaulu war es jedoch aus. Praunheim berichtet, daß sie in einem Wutanfall Werner Schroeter beinahe getötet hätte, als sie ihm eine schwere Tontasse an den Kopf warf. Praunheim macht im folgenden Jahr einen Film mit Werner Schroeters Magdalena Montezuma (MACBETH).

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Rosa von Praunheim; Band 30 der (leider eingestellten) Reihe Film, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Deutsche Kinemathek von Peter W. Jansen und Wolfram Schütte im Carl Hanser Verlag, München/Wien 1984, Zweitveröffentlichung in der filmzentrale mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags

 

SCHWESTERN DER REVOLUTION.

BRD 1969

Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Ton, Produktion: Rosa von Praunheim. - Assistenz: Werner Schroeter. - Musik: Bruchstück »Duft soll Dich zärtlich umkosen« aus einem Caterina Valente-Schlager. - Darsteller: Carla Aulaulu, Johannes Flütsch, Luzi Kryn, Alix Buchen, Michael Bolze, Werner Schroeter, Dietmar Kracht, Eva Suffa, Sven Buscha, Steven Adamczewski, Thomas Vassilev, Ree Koch. - Drehort: Berlin. - Produktions-Kosten: ca. 10 000 DM. - Format: 16 mm, sw & Farbe (Agfa). Original-Länge: 20 min. - Uraufführung: 8.10.1969, Internationale Filmwoche Mannheim. - TV: 18.11. 1969 (NDR III/RB III/SFB III/HR III).

 

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