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Der Schuh des Manitu

 

Michael Bully Herbig hat eine in Deutschland durchaus bemerkenswerte Karriere hinter sich. Vor noch nicht allzu langer Zeit blödelte er in einer Münchner Radiosendung am frühen Morgen zusammen mit "dem Langemann und der Morgen-Crew", nach dem Ende dieser Sendung erlangte er im Stand-Up Comedy Programm des deutschen Fernsehens nationale Bekanntheit, und vor einigen Jahren schließlich debütierte er im Kino mit der Verfilmung der Geschichte der beiden Vorzeige-Prolls Erkan und Stefan. Für seinen zweiten Film hat sich Bully nun das Westerngenre ausgesucht, in dem Häuptling Abahachi und der Stamm der Schoschonen bereits in seinen Fernsehshows seit einiger Zeit unterwegs sind.

Die Geschichte des Films ist erwartungsgemäß schnell wiedergegeben und läßt durch ihre mangelnde Dichte bewußt viel Raum für Comedyeinlagen. Häuptling Abahachi (Bully Herbig) und sein weißer Blutsbruder Ranger (Christian Tramitz) machen sich auf die Suche nach einem Schatz bzw. einer Schatzkarte, die in vier Hälften aufgeteilt wurde, um mit dem Geld Schulden aus einem mißglückten Immobiliengeschäft tilgen zu können. Dabei ergeben sich durchaus einige unterhaltsame und ganz selten sogar kluge Szenen, so beispielsweise, wenn Abahachi und Ranger einen Saloon vom schmierigen Santa Maria (Sky Dumont) kaufen, der sich bei der Einweihung mit einer Flasche Sekt als bloße, rücklings umfallende Kulisse entpuppt. Hier fühlt man sich erinnert an alte Buster Keaton Filme, und gleichzeitig wird einem das Film-Sein des Werkes an der enttarnten Kulisse bewußt, wohl eine Anspielung auf die Kulissenhaftigkeit und auch die Leere so vieler vorausgegangener Western.

Leider bleiben Szenen wie diese rar gesät in Der Schuh des Manitu, die meisten Pointen funktionieren nur aufgrund einer völligen Konzentration auf stereotype Darstellungsweisen, einem endlosen Rekurs auf das Klischee. Gerade Homosexualität wird, dies ein Markenzeichen auch von Bullys Comedyprogrammen, lediglich als scheinbar unerschöpfliches Pointenreservoir genutzt, genauso aber scheint das Frauenbild in diesem Film die vergangenen Jahrzehnte einfach vergessen zu haben. So verliebt sich Ranger in das Bild einer Frau, von dem der Zuschauer später erfährt, daß es diese lediglich von der Schulter abwärts zeigt. Es scheint in dieser Art des Humors eine Angst vor einem möglichen Verlust patriarchaler Strukturen offenbar zu werden; die Gesellschaft, wie sie in ihrem "Idealfall", eben dem Patriarchat funktioniert, wird versucht, affirmativ wiedergegeben zu werden. Dieser Aspekt wird verstärkt durch die Verlegung des Schauplatzes an einen "faraway place". Konnte schon in Oz oder im Wunderland die Männergesellschaft sich selbst feiern, so ist der Western mittlerweile ein der populären Kultur der Zielgruppe so ferner Ort geworden, daß auch er zum Wunderland taugt. Niemand erkennt heute mehr die vielen Zitate aus alten Karl-May-Filmen, und aus der aktuellen Medienlandschaft wird wesentlich weniger zitiert, so daß auch keine sonderlich stark ausgeprägte Selbstreferenz in dem Film entsteht, die den konservativen Inhalt kritisch brechen könnte; statt dessen wird durch die Verstecktheit der Zitate eine Konzentration auf die Narration erreicht, die wenig Raum für selbstkritische Reflexion läßt.

Ein weiteres tiefsitzendes Dilemma wird in dem Humor von Der Schuh des Manitu offenbar: Auf der einen Seite steht die Homophobie unserer Gesellschaft, die verlangt, jegliche Darstellung der Homosexualität (zumindest in diesem Film) mit einer Pointe, einer Diffamierung zu rechtfertigen; auf der anderen Seite war und ist in Der Schuh des Manitu immer noch der Western ein Genre, in dem Intimität zwischen Männern eine große Rolle spielt. Die Freundschaft, bzw. die "Blutsbrüderschaft" wird hier als Alternativmodell zur heterosexuellen Liebesbeziehung aufgezeigt, Intimität nicht mehr in der klassischen Partnerschaft codiert, sondern in der Freundschaft zwischen den gen Sonnenuntergang reitenden Protagonisten. Dies wird auch darin sichtbar, daß sich am Ende des Schuh des Manitu Ranger dafür entscheidet, weiterhin mit seinem Freund gemeinsam durch die Wüste zu reiten, statt bei der von ihm geschwängerten Frau zu bleiben und Teil einer Familie zu werden. Durch die Auflösung dieser homoerotischen Spannung in Pointen, die jeglichen Verdacht auf Homosexualität durch Diffamierung zu zerstreuen suchen, bleibt Der Schuh des Manitu jedoch leider ein in seiner Konzeption sehr konservativer Film.

Politisch unkorrekte Pointen alleine sind kein Garant für einen Film mit kritischem Potential, sie können im Gegenteil, wie in diesem Fall, eher gegenteilige Wirkung haben und jedwedes Vorurteil stützen und stärken. Ein sicherlich an vielen Stellen kurzweiliger, aber in Machart und Gedankengut sehr angestaubter Film.

 

Benjamin Happel

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: filmkritiken.org

 

Zu diesem Film gibtís im fz-archiv mehrere Texte

 

 

 

Der Schuh des Manitu

Michael ("Bully") Herbig

Deutschland, 2001

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