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Das schreckliche Mädchen

 

Basierend auf den realen Forschungsarbeiten der Studentin Anja Rosmus im Passau der frühen 80er Jahre und deren Umstände schildert Michael Verhoeven in seiner Satire "Das schreckliche Mädchen" die Geschichte der Schülerin Sonja, die nach einem gewonnenen Aufsatzwettbewerb in einer fiktiven bayerischen Stadt die Nazi-Vergangenheit ihres Heimatortes aufarbeiten möchte und dabei von einem gnadenlosen Schulterschluss von Stammtisch-Mob und Stadtverwaltung torpediert wird.

 

Verhoeven inszeniert seinen Film unter Rekurs auf zahlreiche, verfremdende Stilmittel, wie man sie auch aus dem Brecht'schen Theater kennt, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, es handele sich hierbei um einen Erzählfilm oder aber, im Umkehrschluss, um eine Dokumentation. Dazu gehört beispielsweise Sonjas direkte Ansprache des Publikums ebenso wie der verfremdende Effekt, wenn etwa das Archiv der Stadtverwaltung ganz offensichtlich als rückprojizierte Leinwand visualisiert wird, vor der auf einer Bühne um einen Bürotisch die agierenden Personen zu sehen sind. Bemerkenswert ist zudem die Konsequenz mit der Verhoeven seinen Film im Jahr 1990, wo solcherlei kritische Töne zur Lage der Nation gewiss nicht sonderlich gefragt waren, zuspitzt und bis zum Ende keine Versöhnung mit dem um Stillschweigen bemühten Filz aus Mob, gehobenem Bürgertum und Verwaltung in Aussicht stellt.

 

Hier findet die Akribie, mit der auch die historische Anja Rosmus in den 80er Jahren vorging, die ihr Studium auf diesen Forschungsarbeiten aufbaute und beispielsweise sich auch nicht scheute, die verweigerte Übergabe relevanter Akten der Stadt Passau einzuklagen, eine passende Entsprechung. Eine gelungene Satire also, die den Finger auf die Stellen legt, die - nach wie vor - weh tun. Etwas Bedauern schleicht sich in die Begeisterung dennoch ein: Ein solcher Film, ein solches Engagement - filmisch, wie sozial - wird in den heutigen Tagen, wo sich Deutsche selbst zunehmend (wieder) als Opfer historischer Umstände wähnen, schwer vermisst. Der Jury der Berlinale 1990 war der Film ein Silberner Bär wert.

 

Die DVD aus der arte Edition von Kinowelt ist sehr gelungen. Bild und Ton erfüllen alle Standards, um ein angenehmes Filmerlebnis zu garantieren, auch wenn die Möglichkeiten des Mediums natürlich nicht ausgereizt werden. Vor allem das Zusatzmaterial ist sehr interessant: In einem Interview erläutert der Regisseur, wie er auf Anja Rosmus und die Umstände ihrer Forschungsarbeit aufmerksam wurde. Sehr erhellend ist dann die Dokumentation "Das Mädchen und die Stadt - wie es wirklich war", ebenfalls von Michael Verhoeven gedreht, in der die historischen Personen, die im Film verfremdet und zum Teil überspitzt dargestellt werden, zu Wort kommen. Nicht erschreckend, eher schon ernüchternd ist hierbei, wie offensichtlich wenig Verhoeven in seiner Satire eigentlich übetreibt. Ein wichtiger Film, der in den letzten Jahren offensichtlich etwas in Vergessenheit geraten ist - eine begrüßenswerte Neuauflage also.

 

Thomas Groh

Dieser Text ist zuerst erschienen bei:  Jump Cut

DVD:

Der Film ist einzeln, aber auch in einer Box mit weiteren Titeln Verhoevens erhältlich.

Technische Details

Bildformat: 1,66:1 anamorph

Sprachen: Deutsch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: -

Regionalcode: 2 / PAL

 

Zusatzmaterial:

"Das Mädchen und die Stadt - wie es wirklich war" (Dokumentation von Michael Verhoeven), Interview mit Michael Verhoeven, Biografie Michael Verhoeven

 

Michael Verhoeven: Das schreckliche Mädchen (D 1990)  

Anbieter: Kinowelt

VÖ: 09.03.2004

Regie: Michael Verhoeven

Darsteller: Lena Stolze, Hans-Reinhard Müller, Monika Baumgartner, Elisabeth Bertram, Michael Gahr, Robert Giggenbach, Fred Stillkrauth, Barbara Gallauner, u.a.

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