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Das Schloss im Himmel

 

Animationsfilm: vom Abenteuer des Erwachsenwerdens 

 

Seit seinem vielfach ausgezeichneten Werk Chihiros Reise ins Zauberland genießt der japanische Animationsfilm-Regisseur Hayao Miyazaki auch jenseits von Fankreisen Bewunderung. Die Zeichentrick-Bilder des Studio Ghibli, in dem Miyazaki seit Mitte der achtziger Jahre produziert, haben amerikanische und europäische Animationsstudios inspiriert und spiegeln einen wundersamen Blick Japans auf den Westen wider. Mit Das Schloss im Himmel erscheint nun, nach über 20 Jahren, ein früher Miyazaki in den deutschen Kinos und verdeutlicht die Entwicklung des Ghibli-Stils, offenbart aber auch sehr deutlich die narrativen Prämissen von Miyazakis Kunst.

 

Erzählt wird die Geschichte des Waisenmädchens Sheeta, das einen magischen Stein besitzt, hinter dem sowohl eine Piratenbande als auch das Militär her ist. Er vermag seine Trägerin fliegen zu lassen und steht in Verbindung mit der sagenhaften fliegenden Insel Laputa. Sheeta trifft auf ihrer Flucht den Jungen Pazu, der ebenfalls von Laputa träumt, und beiden gelingt es zunächst, den Verfolgern zu entkommen. Doch dann wird Sheeta vom Militär gefangen genommen, und Pazu schließt sich kurzerhand den Piraten an, um seine Freundin zu retten. Als der magische Stein schließlich den Weg nach Laputa weist, das Jahrhunderte in den Wolken verborgen war, beginnt ein Wettrennen, an dessen Ende nichts weniger als die Herrschaft über die Welt steht – denn Laputa ist auch eine unbesiegbare fliegende Festung.

 

Es sind immer Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren, von denen Miyazakis Filme erzählen. Und ihre Abenteuer sind stets die Abenteuer des Erwachsenwerdens. Ein Prozess, der mit Einsamkeit, Lebensgefahr, wachsender Verantwortung und erwachender Sexualität verbunden ist. Gerade der letzte Aspekt offenbart sich in Das Schloss im Himmel viel deutlicher als in den späteren Werken Miyazakis: Die Piraten bekunden offenes sexuelles Interesse an der „süßen“ Sheeta, und ihre Freundschaft zu Pazu ist von magischen, quasi-erotischen Momenten bestimmt. Natürlich belässt es der Film hier bei Andeutungen. Seine Coming-of-age-Geschichte versteht sich auch so und liefert kindlichen wie erwachsenen Zuschauern gleichermaßen Faszinierendes: Für die Großen ist es ein Ausflug in das Europa des 18. und 19. Jahrhunderts mit den Abenteuergeschichten Swifts und den magischen Maschinenentwürfen eines Jules Verne, für die Kleinen ist es ein Märchen über die Suche eines Mädchens nach Orientierung und Halt in einer Welt, die sich nicht in Gut und Böse aufteilen lässt.

 

Gerade durch diesen Aspekt unterscheiden sich Miyazakis Filme vielleicht am deutlichsten vom Mainstream-Zeichentrick des Westens: „Alles hat seine guten und seine schlechten Seiten“, sagt der Regisseur im Interview. Und obgleich sein früher Film noch nicht die grafische Detailverliebtheit und fantastische Opulenz von späteren Werken wie Das fliegende Schloss besitzt, bietet er doch in einer Minute mehr Fantasie und Einfallsreichtum als so mancher Disney-Film im Ganzen. Miyazakis Schloss im Himmel ist eine Entdeckung, die nun glücklicherweise auch in Deutschland gemacht wird.  

 

Stefan Höltgen

 

Hayao Miyazakis 20 Jahre alter Film Das Schloss im Himmel erzählt die Coming-of-age-Geschichte eines kleinen Mädchens und verweigert sich mit Einfallsreichtum den Plattitüden westlichen Zeichentricks. Der Film liefert darüber hinaus einen Einblick in die frühe Ästhetik des Studios Ghibli und ist für Erwachsene wie Kinder sehenswert.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 6/06

 

Das Schloss im Himmel

Tenkuu no Shiro Rapyuta

Japan 1986. R und B: Hayao Miyazaki. P: Isao Takahata. Sch: Yoshihiro Kasahara, Takeshi Seyama. M: Joe Hisaishi. T: Shigeharu Shiba. A: Toshio Nozaki, Nizou Aymamoto. Animation: Tsukasa Tannai. Pg: Studio Ghibli/Tokuma Shoten. V: Universum. L: 125 Min. FSK: 6, ff.

 

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