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Scarface (1983)

 

Brian De Palmas Remake des Gangsterklassikers von Howard Hawks: ein grandioser barocker Exzess.

 

Tony Montana (Al Pacino) gehört zu den aus Kuba Anfang der 80er nach Florida abgeschobenen Massen. Und wie viele besitzt davon er kriminelle Vergangenheit. Durch einen Mord im Flüchtlingscamp verschafft er sich eine Green Card, dann beginnt buchstäblich der Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Gemeinsam mit Kumpel Manny Ray (Steven Bauer) tritt er in die Dienste des Drogenbarons Frank Lopez (Robert Loggia) und arbeitet sich nach oben. Doch die Liebe zu seiner Schwester (Mary Elizabeth Mastrantonio) und zum Kokain erweisen sich als Stolperstein.

 

"Rule number one: Don´t underestimate other people´s dreams. Rule number two: Don´t get high on your own supply." Beide Regeln wird Tony Montana brechen und es wird sein Untergang sein, ballistisch, gigantomanisch nach der epischen Geschichte eines blutigen, neongetränkten Aufstiegs.

 

Sieht man vom Irrsinn ab, Howard Hawks´ Scarface, einen der mustergültigsten Filme aller Zeiten, neu verfilmen zu wollen (fast entschuldigend ist die Neuauflage Regisseur und Drehbuchautor des Originals gewidmet), so gibt es an Brian De Palmas überbordendem Stück Grand Guignol wenig auszusetzen. Alles wird hier bis zum Anschlag hochgefahren: Schon nach einer halben Stunde legt die berüchtigte Kettensägenszene ein neues Gewaltlevel vor, Al Pacino chargiert sich auf Teufel komm raus durch Jahrhunderte währende Shootouts, Berge von Kokain und die Beziehungen zu seiner Schwester (das Inzestmotiv kann man hier kaum noch angedeutet nennen) und dem kleinen, mondän schäbigen und für den Aufsteiger unendlich reizvollen Flittchen seines Chefs, Michelle Pfeiffer. " In this country, you gotta make the money first. Then when you get the money, you get the power. Then when you get the power, then you get the women", sagt Tony einmal - wenig verwunderlich, dass Scarface so ziemlich der einzige Hollywood-Mainstreamfilm ist, der Fidel Castro das erste Wort überlässt. Hinter seinen epischen Kamerafahrten, der seifigen Musik (Giorgio Moroders Soundtrack klingt wie discofizierter Morricone - nicht zufällig gilt Scarface mit seinen Neonwelten, Luxuskarossen und dem Selbstermächtigungstraum seines Helden auch als die Mutter aller Hip-Hop-Filme, eine Kunstform, wo ähnlich widersprüchlich kapitalistische Strategien verhandelt werden), den oft fast arhythmisch bombastischen set pieces und der nahezu aufdringlichen Reflexivität im Umgang mit dem Genre (Autor Oliver Stone versucht sich an einem Gangsterfilm, um alle Gangsterfilme zu beenden: "The Gangster As Tragic Hero", wie das Standardwerk zum Thema heißt) zeigt sich aber neben der Liebe zum extravaganten Spektakel ("The World Is Yours", die Leitzeile beider Scarfaces, surrt auf einem riesigen Zeppelin zum ersten Mal ins Bild) auch die ganze, perfektionistische, unter der stilisierten Oberfläche oft verborgene subtile Inszenierungskunst De Palmas, dem immer nur Hitchcock nachgesagt wird, obwohl diese Irrsinnsverbindung ebenso Welles (insbesondere Touch Of Evil) nahe legen würde.

 

Zum Beispiel so: Tony im Kämmerlein bei seinem Chef Frank, eine Grundsatzdiskussion. Hinter Frank: Zwei Gemälde, die eigentlich eine Landschaft zu zeigen scheinen. Der Spalt dazwischen wird von ihm blockiert. Nach ein paar Bewegungen offenbart sich, dass die Küste auf den Bildern, die eins zu sein scheint, nicht zusammenpasst: trompe l´oeil. Hinter Tony: eine Fototapete mit Südseepalmen, in der sich erst am Ende der Szene, beim Verlassen des Raumes, eine Tür offenbart. Ein Fluchtweg, ein Ausgang aus der vorgezeichneten, unvermeidlichen Bahn des Gangsters: trompe l´oeil.

 

Christoph Huber

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.allesfilm.com

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

Scarface

USA 1983. R: Brian de Palma. B: Oliver Stone. K: John A. Alonzo. S: Jerry Greenberg, David Ray. M: Giorgio Moroder. P: Universal. D: Al Pacino, Michelle Pfeiffer, Mary Elisabeth Mastrantonio, Robert Loggia u.a. 170 Min.

 

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