zur startseite

zum archiv

RR

Der tollste Zug der Welt

 

Ein Zug fährt vorbei. James Benning macht mit "RR" aus dem immer gleichen Plot einen faszinierenden Film.

 

Vorspann und Abspann machen es kurz: James Bennings jüngster Film erstreckt sich zwischen "RR" (für "Railroad") und "JB" (für, natürlich, James Benning). Mehr ist nicht. Dazwischen fahren vor Bennings Kamera Züge durch die USA. Benning ist der Mann, der einen Film lang in starren Einstellungen in freier Natur Motivserien filmt. Dreizehn Seen waren das zuletzt und zehn Himmel. Auch in den Titeln redet Benning nicht groß drum herum: "13 Lakes" und "10 Skies". Um irgendwie das Gleiche, das ist eine der Lektionen von Bennings Filmen, handelt es sich bei aller Ähnlichkeit der Motive aber immer nur auf den ersten Blick.

 

Diesmal sind es 37 Einstellungen von 37 Zügen: RR. Die Kamera steht neben der Spur. Es ist eine 16 mm-Kamera, darum sind die Bilder immer leicht verwaschen, egal wie eindrucksvoll die Gegenden sind, durch die die Eisenbahn fährt. Wie viele verschiedene Arten es gibt, eine Kamera neben die Spur der Gleise zu stellen, darüber kann man nur staunen. Benning spielt das ganze Spektrum der Einstellungsgrößen durch, vom "establishing shot", bei dem man fast immer fast den ganzen Zug sieht, bis zum "close up" aus nächster Nähe, da fährt einem der nahende Zug beinahe ins Gesicht, wie einst bei der von den Lumières gefilmten Einfahrt des Zuges in den Bahnhof von La Ciotat.

 

Der Plot der Einstellungen ist immer gleich. Die Kamera steht neben der Spur und zeigt leere Gleise. Dann kommt ein Zug und fährt durch. Dann ist er durchgefahren, und die Kamera steht ungerührt immer noch neben der Spur und zeigt die nun wieder leeren Gleise. Dann Schwarzblende, dann steht am anderen Ort die Kamera wieder neben der Spur. Man beginnt, auf die Differenzen zu achten. Die Unterschiede in den Landschaften: Die Züge fahren durch Täler, über Brücken, durch die Wüste, durch Windradparks. Und ein Zug fährt wie eine Straßenbahn mitten auf einer ganz normalen Straße durch eine Stadt. Die Unterschiede in den Zügen: Manche fahren langsam, manche fahren schnell. Manche fahren gerade erst los, manche bleiben plötzlich stehen. Mit ganz wenigen Ausnahmen sehen wir Güterzüge, mal sind die Transportbehältnisse voll, mal sind sie leer. Und es gibt einen ganz unglaublichen Zug, der durch einen Tunnel verschwindet und dann, ohne dass man es sieht, eine Schleife fährt, um von links im Bild wiederauftauchend, auf dem Damm über den Tunnel mit der Spitze über sein Ende sozusagen drüberzufahren. Der tollste Zug der Welt!

 

Es gibt auch Komik, jedenfalls nach der Kantschen Definition von der plötzlichen Auflösung einer Erwartung im Nichts. Einmal nämlich wartet man, und dann kommt in einer besonders eindrucksvollen Totalen gar kein Zug, sondern nur ein kleines, aus der Entfernung gar nicht richtig erkennbares Wägelchen. Die Einstellungen sind wie die Züge sehr unterschiedlich lang. Von ultrakurz wie beim komischen Zug zu beinahe unendlich lang beim tollsten Zug der Welt, der gar nicht enden will.

 

Rigide gibt der Regisseur seine Parameter vor. Was sich dann ereignet, ist Sache der Wirklichkeit. Und gerade weil der Bildausschnitt so unveränderlich ist, spielt stets auch das Off eine Rolle. Denn natürlich tun sich auch da immer Dinge. Von denen man freilich nur hört, es sei denn, sie kommen, wie ein Boot einmal, doch mit ins Bild. Diesmal hat Benning allerdings eigenhändig Bibelzitate, Ausschnitte aus einer Eisenhower-Rede und anderes mehr dazugemischt, als vielleicht etwas gewaltsamen Kommentar aus dem Off. Man kann aber gut auf andere Dinge achten.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen, anlässlich der Berlinale 2008, in der: taz

 

 

RR

USA 2007 - Regie: James Benning - Darsteller: Dokumentation - Länge: 111 min. - Start: 12.6.2008

 

 

zur startseite

zum archiv